G8: Was kann ich wirklich?
Von uns Schülern denken bis jetzt die wenigsten an die Rente. Ist ja schließlich noch ziemlich weit weg! Vom Generationenvertrag haben wir schon gehört und wissen gleichzeitig, dass besagtes Prinzip in den nächsten Jahrzehnten nicht so hinhauen wird wie ursprünglich geplant. Es gibt nämlich immer mehr alte und immer weniger junge Menschen.
Damit die Beiträge des Rentensystems aber irgendwie finanzierbar bleiben, müssen die wenigen jungen Menschen dann eben länger arbeiten – und somit auch schneller lernen, damit sie früher die Schule verlassen können.
Weniger Schule - dafür mehr arbeiten. „Ein Jahr mehr Schule bedeutet eine wichtige Erhöhung der Lebensarbeitszeit“, so Helmut Klein, Bildungsforscher am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Darum befürwortet er eine verkürzte Schulzeit. Die deutschen Abiturienten seien mit einem Altersdurchschnitt von 20 Jahren einfach zu alt. Dennoch ist Klein vom G8-Prinzip nicht überzeugt. G8 steht für „achtjähriges Gymnasium“ und bedeutet, dass die Schulzeit von Gymnasiasten von neun auf acht Jahre verkürzt wird. Diese Reform ist nach Meinung des Forschers viel zu schnell vonstatten gegangen.
Rückkehr zu G9?
Viele Eltern und Schüler sind hingegen der Meinung, dass G8 nicht nur zu schnell eingeführt worden sei, sondern grundsätzlich zu rasant vorangetrieben wird. So formulierten beispielsweise im April der Landeselternbeirat und die Landesschülervertretung Hessens einen Petitionsantrag, der eine Verlängerung der gymnasialen Schulzeit fordert. Mit ihrer Meinung stehen die Hessen nicht alleine da. Laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts wünschen sich 64% der Gesamtbevölkerung eine vollständige oder teilweise Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9).
G8 und seine Folgen
Doch warum stößt diese Schulreform auf so wenig Begeisterung? Argumente gegen G8 können Eltern und Schüler genug anführen: So beklagen sie, dass die Unterrichtsthemen oft nur noch angerissen werden. Durch den Zeitdruck wird alles nur oberflächlich behandelt. Vertiefung und nachhaltiges Lernen sind nicht möglich. Zum anderen leiden G8-Schüler an einem überladenen Stundenplan. Bis zu drei Mal in der Woche haben sie am Nachmittag Unterricht. Das wiederum bedeutet auch Stress für die ganze Familie. Für Oberstufenschüler, die auf das Abitur hinarbeiten, sind drei Nachmittage in der Woche, die man in der Schule verbringt, vertretbar. Für Kinder jedoch, die gerade aus der Grundschule kommen, bedeutet das eine große Umstellung.
Keine Zeit mehr
Dabei müssen nicht nur die schulischen Gewohnheiten umgestellt werden. Auch das Leben, das sich außerhalb der Schule abspielt, bedarf der Veränderung und radikaler Kürzung. Denn nach Schule, Hausaufgaben und eventueller Nachhilfe (meist von überbesorgten Eltern verordnet, aber oft auch nötig), bleibt für Musikschule, Fußballverein, Jungschar oder einen Nachmittag mit Freunden, einfach keine Zeit mehr. Meistens. Tatsächlich gibt es auch solche Kinder, die ihre musikalischen, künstlerischen und sportlichen Aktivitäten mit den schulischen verbinden können. Und das ohne absinkende Schulnoten. Diese Familien wundern sich natürlich, was der ganze Stress um das „Turbo-Gymnasium“ eigentlich soll, denn ihr Kind packe das alles schließlich ohne Probleme.
Hoher Druck auf Schüler
Nur darf man eben diejenigen nicht vergessen, die vor lauter Turbo auf der Strecke bleiben. Diese Schüler sind deswegen nicht „dumm“, sondern einfach oft mit dem Druck überfordert. Beispiel ist hier ein Fünftklässler meiner Schule. Er fiel seinem Klassenlehrer nach einiger Zeit durch sein weinerliches Verhalten und seine immer schlechter werdenden Noten auf. Bei einem Gespräch gestand er seinem Klassenlehrer, dass er Angst habe, das Abitur nicht zu schaffen. Ein Fünftklässler sorgt sich schon um sein Abitur! Solche Szenen sind sicher kein Einzelfall. Der Druck auf die Schüler wächst von allen Seiten, und G8 hat seinen Anteil daran.
Schlechte Noten für G8
Dieser Druck wiederum spiegelt sich auch im Notenbild wider. Erste Vergleichsmöglichkeiten gab es in Sachsen-Anhalt. Dort haben Forscher die Abiturergebnisse von G8 und G9-Schülern gegenübergestellt. Das Ergebnis war, dass die männlichen G8-Schüler gerade in Mathematik deutlich schlechter abschnitten als die G9-Schüler. Ein schlechterer Abschluss kann ja wohl kaum der Sinn einer verkürzten Schulzeit sein.
Zukunftsaussichten
Und selbst wenn der Notenunterschied nicht ganz so krass ausfällt, glaube ich, dass viele G8-Schüler einfach Nachteile haben: Denn sie haben in ihrer Kindheit wenig Zeit, sich außerschulisch zu engagieren und Freizeitaktivitäten nachzugehen. Dabei werden viele Begabungen und Talente gerade außerhalb der Schule entdeckt und gefördert. Hat man in seinen jungen Jahren keine Plattform, um sich selbst auszuprobieren, stellt man sich in später vielleicht die Frage: „Was kann ich eigentlich?“ Außerdem lernen Kinder im Sportverein im Team zu agieren und mit Niederlagen umzugehen. Sozialkompetenz eben, die im späteren Berufsleben unabdingbar ist und auch vorausgesetzt wird.
Man kann sich also berechtigterweise die Frage stellen, ob Deutschlands Zukunft nicht besser mit Absolventen gedient ist, die gut ausgebildet wurden, sich selbst und ihre Begabungen kennen und fit im Umgang mit ihren Mitmenschen sind, als mit solchen, die einfach ein Jahr schneller die Schule abschließen.
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