Freundschaften nur übers Web?
Das digitale Leben boomt. Per E-Mail werden Verträge verschickt, per SMS die Beziehung beendet und per Instant-Messaging die letzten Informationen für die morgige Klausur durchgegeben. Für viele scheint ein Leben ohne Handy und Internet kaum noch vorstellbar. Doch bleiben die echten Freundschaften nicht dabei auf der Strecke?
Dennis Bemmann ist 28 und Mitgründer von Deutschlands beliebtester Internet-Seite StudiVz. Allein im deutschsprachigen Raum hat das Internet-Portal über eine Millionen Mitglieder. 206 davon sind mit Bemmann befreundet. Sein zwei Jahre jüngerer Mitschöpfer Ehssan Dariani kommt mit 779 Freunden auf deutlich mehr. Doch ob das alles echte Freunde sind ist zu bezweifeln. Schließlich hat jeder Mensch laut Statistik im Schnitt nur etwa drei bis fünf gute Freunde. Dass Bemmann und Dariani derart aus dem Raster fallen, ist fraglich.
Freundschaften aus dem Netz
Gerade Internet-Gemeinschaften wie StudiVz machen Lust zum Sammeln von Freunden. Je höher die Anzahl, desto glücklicher fühlt man sich. Doch können virtuell gepflegte Freundschaften so gut sein wie echte? Der Vorteil eines Gespräches im Chat liegt auf der Hand. Das Nasebohren des Gegenübers stört genauso wenig, wie das Schmatzen während dem Essen von einem selber. Es sei denn, man nutzt auch noch eine Webcam (Internet-Kamera) und telefoniert parallel über das Internet. Wer sich im Netz trifft, wird nicht von Oberflächlichkeiten des Gesprächspartners abgelenkt. Und so können auch neue Freundschaften entstehen. Das sagt zumindest „Helle“, ein anonymer Stammchatter bei jesus.de. Ein Vorteil beim Gespräch übers Netz sei, dass „man lernt, wie Frauen und Männer denken. Denn man erfährt oft eher als im realen Leben, was einen bewegt.“
Ernsthafte Gespräche sind möglich
Auch ernsthafte Gespräche übers Christ-Sein lassen sich übers weltweite Datennetz führen. Diese Erfahrung hat auch Stefan Korf (27) gemacht. Er selber ist zwar kein Christ, hat aber im Netz einen anderen Chatter zum Bibel-Lesen ermutigt. Dieser stand gerade in einer schwierigen Situation und wollte sich bei „Abtacha“ – so der Nickname von Stefan – Hilfe holen. „Ich fragte ihn, ob er Jesus hat und ob er an ihn glaubt. Als er das bejahte sagte ich ihm: ,Warum fragst Du dann mich?’“ Das zweistündige Gespräch hat laut Stefan wieder dazu geführt, dass sein Gesprächspartner sich bei Gott Hilfe suchte. Auch der umgekehrte Fall kommt vor. Plattformen wie jesus.de oder jesus-online locken immer wieder auch Nichtchristen an. In zahlreichen Foren wird diskutiert, Fragen beantwortet und mitunter auch Entscheidungen für den Glauben getroffen. Möglicherweise würden manche Nichtchristen im realen Leben niemals mit solchen Fragen auf Christen zukommen und Interesse am Glauben zeigen.
Eine SMS kann keine Umarmung ersetzen
Doch wie ist es mit den traurigen Stunden im Leben? Wenn der Vater soeben gestorben ist oder der Partner einen verlassen hat. Eine SMS mit guten Worten kann unmöglich eine Umarmung ersetzen. Ein Gebet lässt sich vielleicht noch im Chat-Fenster eintippen. Doch ob das die gleiche Wirkung hat, wie eine Gebetsgemeinschaft im Wohnzimmer? Stefanie (30) ist skeptisch: „Ich weiß nicht, ob mein Gegenüber das auch ehrlich meint“, sagt sie. Nur bei Leuten, die man persönlich kenne, sei das Beten im Internet eine Möglichkeit. „Aber es ist nicht so, wie wenn man direkt nebeneinander sitzt.“ Während sie beim Gebet an Ort und Stelle schon Heilungen erlebt habe, hätte sie im Internet noch nie solche Erfahrungen gemacht.
Internet-Beziehungen halten länger
Wer den Partner fürs Leben sucht, sollte das im Netz tun. Laut einer Studie der Sozialpsychologin Katelyn McKenna überleben online-geschlossene Paar-Beziehungen länger. Laut der Dozentin der New York University haben 71 Prozent dieser Freundschaften aber nur 54 Prozent der offline-geschlossenen Beziehungen länger als zwei Jahre Bestand. Erklärt wurde dies damit, dass man im Internet sich besser kennen lerne und nicht so leicht nur auf das attraktive Aussehen achte.
Die echten Freunde nicht vernachlässigen
Grundsätzlich gilt es abzuwägen, wie viel echtes Interesse hinter den Internet-Kontakten steckt. Die Sammlerlust nach möglichst einer hohen Anzahl von Freunden macht auch vor dem StudiVz nicht halt. Spätestens dann, wenn die „echten“ Freunde zugunsten der Chatpartner vernachlässigt werden, sollte man seine Prioritäten neu ordnen. Denn wem macht schon eine Feier zu Hause am PC Spaß?! Durch das Internet oder auch Handy-Chats lassen sich bestimmt auch Freunde finden, die man sonst nie getroffen hätte. Doch stabil werden diese Beziehungen erst, wenn man gemeinsam im echten Leben Höhen und Tiefen erlebt hat. Die technischen Möglichkeiten sind sicherlich eine Kommunikationserleichterung, zuweilen auch die einzige Chance überhaupt Kontakt zu halten. „Ich habe vielleicht vier richtige Freunde. Doch die sind leider fast alle so weit weg, dass sich nur über Internet und Telefon Kontakt halten lässt“, sagt Stefan. Doch das persönliche Aufeinandertreffen kann wohl von keiner technischen Neuerung ersetzt werden. Schließlich hat Gott nicht umsonst am Anfang einen leibhaftigen Menschen als Gegenüber geschaffen und nicht einen PC neben den Mann gestellt.


