Freundin und Schwester zugleich
Morgen ist es soweit: Meine Pflegeschwester muss wieder zurück in ihr Heimatland Bolivien. Doch wie geht man damit um, wenn ein Mensch, mit dem man ein dreiviertel Jahr eng zusammengelebt hat, auf einmal wieder weg ist?
Klauen oder unter gehen
Einerseits spiegelt sich Trauer wieder, anderseits das Gefühl von Freiheit. Die Verantwortung, die ich Maria gegenüber in dieser Zeit hatte, endet. Es war aber vor allem eine schöne Zeit. Eine Zeit, in der man viele Erfahrungen gesammelt hat und wo Vertrauen gewachsen ist. Es gab Tage mit Streit und Tage mit tollen gemeinsamen Erlebnissen. Zum Beispiel das erste Weihnachten, das Maria ohne ihre Eltern verbringen musste. Es war nicht schlimm für sie, aber irgendwie auch anders und komisch. Wenn bei uns an Weihnachten die Schneeflocken fallen, scheint dort die Sonne erbarmungslos. Die Deutschen, erzählt sie, wären nicht so freudig oder würden auch mal aus sich rausgehen. Das sei dort in Bolivien anders. Da sind die Menschen fröhlicher und lebendiger. Andererseits ist dort die Kriminalität höher. Straßenkinder müssen ums Überleben kämpfen: Entweder du klaust oder du gehst unter. So lautet die Regel.
Warum gerade Deutschland?
Marias Eltern sind Missionare in Bolivien. Sie haben sich auf die Arbeit mit Straßenkindern spezialisiert. Sie kommen aus Deutschland und der Schweiz. Marias beiden älteren Schwestern waren auch in Deutschland. Sie kam nach Deutschland, um die Kultur ihrer Eltern kennenlernen. Außerdem ist das deutsche Schulsystem besser als in Bolivien. Das Niveau ist dort viel niedriger und Hausaufgaben gibt es auch kaum.
Alles haben wir uns erzählt
Kennengelernt habe ich Maria in meiner Klasse. Durch unseren Kontakt, den wir in der Schule geknüpft hatten, kam sie schließlich in unsere Familie. Mit ihrer vorherigen Familie hatte sie sich nicht so gut verstanden. Schnell wurde ich ihr neuer Sitznachbar. Anfangs war sie ein bisschen unsicher in der deutschen Sprache. Zwar hatte sie sich mit ihren Eltern in Bolivien auf Deutsch unterhalten, aber sonst mit niemandem. Nun war sie meine Schwester. Überall wo ich war, war sie auch. Stundenlang saßen wir auf meinem Bett und unterhielten uns über die unterschiedlichsten Themen. Probleme, Erlebnisse: Alles erzählten wir uns. Den Unterricht hat sie mit ihrem südamerikanischen Temperament sehr lebendig gemacht. Es gab immer was zum Lachen, was die Lehrer nicht immer so lustig fanden.
Pflegekinder in Deutschland kein Einzelfall
Das, was ich erleben durfte, ist kein Einzelfall in Deutschland. Immer wieder hört und liest man davon, dass Familien Pflegekinder aufnehmen. Ganz gleichgültig, woher sie kommen. Welche Motivation steckt dahinter, Pflegekinder aufzunehmen? Manche Familien wünschen sich ein weiteres Kind. Aber auch Mitleid und die Bereitschaft, jemanden Fremdes in die Familie aufzunehmen, können hier als Gründe genannt werden.
Mein Fazit: Ich konnte viele Erfahrungen sammeln, die mich persönlich bereicherten und meinen Horizont erweiterten. Dennoch stelle ich fest, dass es für mich gereicht hat und ich nicht unbedingt eine weitere Pflegeschwester haben muss. In Kontakt werden wir aber natürlich bleiben. Vielleicht mache ich mir auch persönlich ein Bild von den Lebensumständen in Bolivien. Dann darf sie für mich Verantwortung übernehmen...
Infos zu Pflegekindern gibt es hier.


