Fernsehen wie du und ich?
Ist das Fernsehen ein Spiegel unserer Gesellschaft? Sind Trash-Formate wie „Mitten im Leben“ oder Quoten-Hits wie „Das Supertalent“ beispielhaft für das, was das deutsche Fernsehen leisten kann? Was wir sehen wollen? Mitnichten. Die Fernsehschaffenden produzieren Ware so lange am Stück, bis man sich an einer Thematik satt gesehen hat. Günstig muss es sein und gerne auch anspruchslos. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
Die gute Nachricht zuerst: Es gibt noch gutes Fernsehen in Deutschland. Man muss es nur ein wenig suchen. Doch Land auf, Land ab geht in den Redaktionsräumen der Sender ein unsichtbares Gespenst umher, dessen Strahlkraft sich alles unterzuordnen hat: die Quote. Früher nur ein Phänomen der Privatsender, geht es auch bei den gebührenfinanzierten Anstalten längst nicht mehr darum, bloß gutes Fernsehen zu produzieren. Was schlecht läuft, wird eingestellt – willkommen im Fernsehdeutschland des 21 Jahrhunderts!
Auch die Öffentlich-Rechtlichen setzen auf die Quote
Vorbei die Tage, an denen Sat.1 und RTL noch in den Kinderschuhen steckten und deshalb so ziemlich alles senden konnten, was möglich war – möglichst kreativ, wohlgemerkt. Was wir Zuschauer heute im Privatfernsehen vorgesetzt bekommen, ist – wenn überhaupt – grenzwertig.
Auch ARD und ZDF schauen mittlerweile auf die Quote. Schlägt man Themen vor, heißt es häufig: „So etwas hat bei uns noch nie funktioniert. Der Zuschauer will das nicht sehen.“ In den (Fernseh-)Elfenbeintürmen der Republik hat jeder Redaktionsleiter seine ganz eigene Vorstellung von denen, die da einschalten – oder eben fernbleiben. Bei der privaten Konkurrenz wird bei jedem Formatvorschlag immer erst einmal das Quotenpotential geprüft. Da wird Qualität zwangsläufig auf dem Quotenaltar geopfert. Kommt es dann aber doch zur Produktion, sind die Sendungen häufig so konzipiert, dass dramaturgisch nichts mehr dem Zufall überlassen bleibt.
Geht es nur noch um die Verdummung der Zuschauer?
Die Sendungen, die ausgestrahlt werden, haben mitunter gar nichts damit zu tun, was wir Zuschauer sehen wollen. Dennoch mutet es paradox an: Geht man nach der Quote, hat RTL mit seiner Nachmittagsschiene, in der „Die Schulermittler“ oder auch „Mitten im Leben“ läuft, alles richtig gemacht. Aber um welchen Preis? Geht es nur noch um die Verdummung der Zuschauer? Es ist ein bisschen wie mit der Frage nach der Henne und dem Ei. Wollen die Zuschauer solchen Trash wirklich sehen und schalten deswegen ein? Oder lässt ihnen RTL einfach keine Wahl?
Geschummelt und gelogen
Nachdem Fernsehrichter in Deutschland ein gefühltes Jahrhundert für Recht und Ordnung gesorgt und Menschen in Talkshows beim Vaterschaftstest vor versammelter Mannschaft ihre Beziehungen aufgearbeitet haben, sind wir nun im dritten Jahrzehnt privatfernseherischen Abfalls. Und hier wird – wie früher auch – geschummelt und mitunter dreist gelogen. Doch Quoten im zweistelligen Bereich werden nicht nur mit billigen Formaten erzielt: Da im Schnitt nachmittags erheblich weniger Zuschauer in absoluten Zahlen einschalten, liegt die Quote fast automatisch hoch.
Eine Geschichte muss für den Zuschauer "funktionieren"
Fernsehen ist Illusion. Die wird verkauft. Eine Geschichte muss „funktionieren“, sonst bleibt der Zuschauer ja nicht dran. Dabei geht es aber nicht um einen soliden dramaturgischen Aufbau, sondern darum, dass dem Zuschauer mitunter gar kein Raum mehr gelassen wird, um eigene Emotionen zu entwickeln. Das beste Beispiel dafür ist „Das Supertalent“.
RTL bestimmt unsere Emotionen
Das aus dem Ausland eingekaufte Format beeinflusst den Zuschauer in seiner Wahrnehmung wie keine andere Sendung derzeit. Die Schnitte, die Optik, die Musik lassen keine anderen Emotionen zu, als die, die RTL haben möchte. Dies dient der Dramaturgie – und der Quote. Da spielt es eigentlich eine Nebenrolle, dass hier alles gesucht wird, aber keine Supertalente. Durch Cross-Over-Promotion in anderen RTL-Sendungen generiert man einen künstlichen Hype, um die Sendung weiter zu puschen.
Kleiner Mann ganz groß im Fernsehen?
Ganz ähnlich beim Format „Mitten im Leben“. Die Sendung bildet den Auftakt für die dreieinhalbstündige Nachmittagsschiene des televisionären Trashs. Für RTL ist es eine Goldgrube. Wenig andere Produktionen sind in ihrer Herstellung so günstig. Die Geschichten denkt sich die Produktionsfirma aus, die für RTL die Sendung herstellt. Die Laiendarsteller spielen nach, was ihnen die Redakteure beim Dreh vor Ort ansagen. Für die Protagonisten, die keine Fernseherfahrung haben, sind solche Aufnahmen spannend.
Belustigung bei YouTube und Facebook
Was RTL nachher draus macht, wie geschnitten und welcher Off-Text über die Szenen gelegt wird, wissen die Mimen erst, wenn die Sendung im Fernsehen läuft. Und was nach der Ausstrahlung der Sendung passiert, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Comedians, YouTube-User oder Facebook-Nutzer stürzen sich mit Vorliebe auf diese peinlichen Auftritte. Übrigens: Solche Formate gibt es nicht nur im Nachmittagsprogramm: „Bauer sucht Frau“ oder „Schwiegertochter gesucht“ laufen auch am Abend quotenträchtig.
Wer bekommt die Niere?
Einen ähnlichen Fall gab es 2007 in den Niederlanden. In einer Show spielten drei Kandidaten um die Spenderniere einer todkranken Frau. Wer gewann, durfte Leben. Obgleich schnell klar gemacht wurde, dass die Sendung bloßes Theater gewesen sei, gab es auch hier einen Aufschrei. Doch hatte „Die Grote Donor Show“ in Wahrheit ein ganz anderes Ziel: Aufmerksamkeit erzeugen und auf den eklatanten Mangel an Organspendern hinweisen. Die Macher hatten Erfolg: Nach der Sendung schnellte die Zahl bereitwilliger Organspender in den Niederlanden nach oben.
Es hilft nur: abschalten
Es sieht so aus, als wenn nur noch derjenige im Fernsehen auffällt, der die schlimmste Geschichte, die tragischsten Helden oder die groteskesten Bilder präsentiert. Während man den Niederländern noch zugutehalten kann, dass sie eine gesellschaftspolitische Agenda verfolgt haben, sieht es mit den RTL-Formaten ganz anders aus. Hier werden Menschen zur Schau gestellt. Vollkommen wissentlich und ohne eine andere Absicht als günstig Quote zu machen. Um diese Entwicklung zu stoppen, hilft nur eins: abschalten.
Übrigens: Wirklich sehenswerte Dokumentationen und Portraits laufen bei ARD, ZDF, den Dritten oder auch bei 3sat und ARTE häufig spätabends oder weit nach Mitternacht – eine Tatsache, die Zuschauer und Medienkritiker zugleich anmahnen. Anspruchsvoll setzen Sender häufig mit schwer verdaulich gleich. Ein Irrturm, wie sich oft genug herausstellt. Gute Fernsehfilme hingegen gibt es häufig in der Primetime. Preisgekrönte Comedy ab und zu sogar bei den Privaten. Zugegeben, Ausnahmen bestätigen die Regel.


