Fair und nächstenliebend leben
Fair leben und Nächstenliebe praktizieren – das klingt gut und sollte gerade für uns Christen selbstverständlich sein. Doch ein solcher Lebensstil ist einfacher gesagt, als getan. Warum ist das so schwierig? Und wie kann man dennoch anfangen, den Nöten Anderer zu begegnen?
Ein Obdachloser am Bahnhof bittet mich um ein paar Euro. In der Fußgängerzone wollen mich engagierte Mitarbeiter einer Hilfsorganisation für die Patenschaft eines armen Kindes in Afrika gewinnen. Arme Kinder mit abgetragener Kleidung begegnen mir auch in meinem Viertel. Mit schlechtem Gewissen betrachte ich meine Shoppingtüte mit all den neuen Klamotten darin. Einige davon dürften unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem Dritte-Welt-Land hergestellt worden sein. Und das Plastik, aus dem meine Tüte besteht, hat sich mittlerweile schon zu einem gigantischen Müllberg von der Größe Mitteleuropas in unseren Meeren angesammelt. Selbst den Kaffee, den ich morgens trinke, kann ich nicht ohne Vorbehalte genießen. Denn auch seine Produktion ist größtenteils alles andere als fair.
Wo anfangen?
Bei all dem wäre das mit dem fairen Kaffee noch am Einfachsten zu ändern: Lediglich ein bisschen mehr Geld müssten wir dafür investieren, dass die Existenz der Kaffeebauern gesichert ist. Doch während wir noch den Preis des konventionellen mit dem des fair gehandelten Kaffees vergleichen, ist uns der Preis, den unser Konsumverhalten fordert, gar nicht bewusst. Die Jeans, die Plastiktüte – alles, was wir so billig und massenhaft bekommen, fordert Opfer. Opfer, die meist Menschen in anderen Ländern bringen müssen und die uns deshalb nicht vor Augen stehen.
Doch selbst die Ungerechtigkeiten, die vor unserer eigenen Haustür stattfinden, gehen oft an uns vorbei: Der alte Mann unter der Brücke oder das vernachlässigte Kind von nebenan. Die Augen offen zu halten, das Ungerechte dieser Welt zu sehen und sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig. Es macht aber die ganze Sache nicht einfacher. Natürlich möchten wir fair konsumieren. Schließlich sind wir Christen und wollen wir ein nächstenliebendes Leben führen. Nur: Wo soll ich mit meiner Nächstenliebe und meinem Fairnessgedanken anfangen? Beim Obdachlosen? Beim Kaffee? Oder doch bei meinem Plastikkonsum? All das kostet uns wertvolle Zeit und Geld. Und so bleibt es leider allzu oft bei einem latent schlechten Gewissen und guten Vorsätzen.
Jesu Aufforderung ernst nehmen
Einer der Nächstenliebe kompromisslos lebt, ist der Amerikaner Shane Claiborne. Er zog in das Armenviertel seiner Stadt, freundete sich mit den Obdachlosen an und unterstützt sie, wo er kann. Claiborne setzt sich zudem auf politischer Ebene gegen die Ausbeutung von Arbeitern ein und gründet christliche Lebensgemeinschaften, in denen alles nach Bedürftigkeit verteilt wird.
Den Hungrigen, Ausgestoßenen und Schwachen zu helfen - dazu sind wir als Christen alle aufgefordert, wenn wir Jesu Aufforderung in Matthäus 25, 40 ernst nehmen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan!“ Dies aber im Alltag so konsequent umzusetzen, klappt leider nicht bei allen so wie bei Claiborne. Mich hat sein Beispiel nach der ersten Begeisterung sogar ziemlich deprimiert. Denn so beeindruckend ich seinen Lebensstil auch fand, so unmöglich schien es mir, ihn selbst anzuwenden.
Ein Patenrezept für nächstenliebenden und fairen Lebensstil habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Doch ich versuche, nicht sofort das ganze „Rezept“ zu beherrschen, sondern probiere zunächst einmal die einzelnen Zutaten dafür aus – und kann dich ermutigen, das auch zu tun!
Fang klein an
Denn wenn es dir am Herzen liegt, für eine gerechtere Welt zu sorgen, dann fang an! Im Kleinen. Such dir einen Lebensbereich aus, den Du fairer gestalten willst. Sei es, dass Du hilfsbedürftigen Kindern bei den Hausaufgaben hilfst, die Tafel einer Stadt unterstützt oder nur noch Klamotten kaufst, bei denen du sicher bist, dass ihre Herstellung niemandem geschadet hat. Unser Job als Christen ist es, zu einer gerechteren Welt beizutragen. Denn Gottes Antwort auf die Fragen, warum er nichts gegen die Ungerechtigkeiten mache, lautet immer noch: „Ich habe doch etwas gemacht – Ich habe dich erschaffen!"
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