Facebook: Die Chronik deines Lebens
Es soll eine Chronik deines Lebens werden – von deiner Geburt bis zum heutigen Tag: die Facebook-Timeline. Das soziale Netzwerk will alles von Dir wissen, auch was vor deiner Zeit als Internet- und Facebooknutzer passiert ist. Bisher konnte die Timeline jeder aktivieren, dem dieses neue Feature gefällt. Nun aber wird der Zeitstrahl für alle Nutzer zur Pflicht. Das stößt auf vielfältige Kritik. Doch letztendlich ist es deine Entscheidung, was Du von Dir preisgibst.
Facebook hat sich verändert – mal wieder. Wer heute auf manches Profil seiner Freunde klickt, sieht vielleicht schon das eindrucksvolle Bannerbild, dass „dich am besten beschreibt“ - wie Facebook es vorschlägt. Unterwasseraufnahmen, der Grand Canyon oder ein chaotischer Schreibtisch – ganz nach Geschmack und Persönlichkeit. Am linken Rand des Bannerbilds grinst dir das kleinere Profilbild deines Freundes entgegen, und rechts – ebenfalls ganz neu – zieht sich ein Zeitstrahl entlang. Er reicht von „Geburt“ bis zum aktuellen Tag.
Geburt, erster Schultag, erster Kuss
Geburt? Da warst du doch noch gar nicht bei Facebook? Warst du nicht, aber du kannst es jetzt nachtragen. Wie lang lag deine Mutter in den Wehen, wie war das Wetter an deinem ersten Schultag, wann der erste Kuss und wie (eklig, kribbelnd, langweilig?). Facebook erlaubt es nun auch den deutschen Nutzern, ihr gesamtes Leben chronologisch und übersichtlich im Internet darzustellen.
Eine Reise in die Vergangenheit
Das macht es viel einfacher als bisher, die letzten Jahre zurückzuscrollen und in der eigenen (Facebook-)Vergangenheit oder in der deiner Freunde zu stöbern. Wann bist du Facebook beigetreten, was waren deine ersten Posts und mit wem warst du damals befreundet? Künftige Statusbeiträge kannst du nun auch nach vorgegebenen Kategorien sortieren, zum Beispiel „Neue Arbeitsstelle“, „Tätowierung und Piercing“ oder eben „Erster Kuss“.
Individuelle Transparenz
Das klingt alles zunächst sehr praktisch, doch seit Marc Zuckerberg das neue Facebookprofil mit der Chronik vorgestellt hat, sind die Meinungen gespalten. Die wichtigsten Ereignisse Deines Lebens sichtbar für alle? Das kann Anregungen für Gespräche bieten, Interesse wecken, der einfacheren Selbstdarstellung dienen. Doch Kritiker befürchten auch – wie so oft bei Facebook –- Verletzungen der Privatsphäre der Nutzer.
Seit Ende des letzten Jahres gibt es die Chronik im deutschen Facebook. Wer wollte, konnte seitdem die Chronik für sein Profil freischalten und erhielt noch einmal sieben Tage Zeit, um die sie von unliebsamen Erinnerungen zu bereinigen. Hast du vor zwei Jahren nach einer durchzechten Nacht einmal leichtfertig gepostet, dass du nie wieder Alkohol trinkst? Und zwei Tage später Fotos veröffentlicht, auf denen du eine leere Vodkaflasche anschielst? Wenn du die richtigen Häkchen setzt, sind manche Peinlichkeiten vergessen – zumindest auf Facebook.
Aus „kann“ wird „muss“
Nun macht Facebook die Chonik jedoch zur Pflicht. In den nächsten Wochen wird die Zeitleiste auf allen Profilen zu sehen sein. Auch dann haben wieder alle Nutzer sieben Tage Zeit, um Informationen zu blockieren, die in der Chronik nicht erscheinen sollen. Danach kann für jede neue Statusmeldung, jeden geteilten Link und überhaupt für jede veröffentlichte Information angegeben werden, ob sie der Chronik hinzugefügt werden soll und wer die Information sehen darf.
Der Anreiz, noch mehr von sich preiszugeben
Der Haken an dieser Neuerung des Social Network-Giganten ist nicht nur, dass nun bald jeder, der Dein Profil einsehen kann, auch Deine „Likes“ und „Posts“ aus einem bestimmten Jahr schnell und einfach finden kann – oder schnell weiß mit wem du dich wann angefreundet hast und seit wann du Farmville spielst. Dadurch, dass die Zeitleiste bis zur Geburt zurückgeht, werden Nutzer dazu angehalten, auch Informationen aus der Zeit vor ihrer Facebookmitgliedschaft preiszugeben. Bilder vom Schulabschluss, Informationen über den ersten Job, das erste Auto, die erste Freundin.
Dein digitalen Lebenslauf bereinigen
Die Chronik ist damit Datenschützern ein Dorn im Auge, denn sie wird womöglich noch mehr Informationen über einzelne Nutzer sammeln, als es im Internet sowieso schon gibt. Doch genauso einfach, wie andere nun das Leben eines Facebooknutzers in die vergangenen Jahre zurückverfolgen können, kannst auch du sehen, was Facebook schon über dich weiß. Die sieben Tage, die Facebook dir gibt, um deine Chronik zu überarbeiten, kannst Du also dafür nutzen, um Dein Profil zu bereinigen und Dir Gedanken darüber zu machen, was Du im Internet über Dich preisgibst, was Chefs und Kollegen wissen dürfen und was Du lieber aus deinem digitalen Lebenslauf entfernen möchtest.
Eigenverantwortung ist gefragt
Es erfordert sicher Zeit, die letzten Jahre an Posts durchzugehen und zu entscheiden, was auf der Zeitleiste abgebildet werden darf und was nicht. Doch Facebook ist sowieso ein Zeitfresser. Über diese Gefahren sollte sich jeder Facebooknutzer ohnehin im Klaren sein. Und: Wer wählen gehen und Autofahren darf, sollte auch in der Lage sein, sein Facebookprofil verantwortungsvoll zu warten.


