Es gibt immer einen Neuanfang

Nach einer ausgedehnten Tour mit Philipp Poisel durch die deutschen Konzertsäle ist Florian Ostertag derzeit wieder Solo in den kleinen Cafés und Clubs des Landes unterwegs. Im Interview mit idealisten.net erzählt der Singer/Songwriter aus Stuttgart von Ehrlichkeit, seinem Glauben, von Afrika und seinen musikalischen Einflüssen.
  • Fotos: Matthias Schneck, Collage: Simon Jahn

 

Dies ist deine erste längere Solo-Tour. Wie läuft’s?
Es ist echt gut. Aber schon anstrengend, der Tag ist ziemlich voll. Du musst drei oder vier Stunden fahren, ausladen, Soundcheck, spielen, einladen. Man hat vielleicht ein oder zwei Stunden zwischendrin, wo man wirklich frei hat. Das ist teilweise schon anstrengend.

Wo holst du dir die Inspiration für deine Lieder?
Ich schreibe eigentlich hauptsächlich über das, was mich gefühlsmäßig bewegt. Für mich ist das wie Tagebuch schreiben. Vor allem in rein emotionalen Momenten, wenn ich eher ein bisschen melancholisch bin oder es mir ein bisschen schlechter geht, schreibe ich das auf und spiele es. Das hilft mir irgendwie.

Das ist ja schon recht intim. Gibt es auch Momente, in denen du ein Lied vorspielst und danach denkst, das ist mir jetzt doch peinlich, das hätte ich lieber nicht so ehrlich schreiben sollen?
Ich versuche dieses „sich selbst zu zensieren“ zu umgehen. Es passiert mir immer mal wieder, dass ich merke, oh das kann ich nicht so singen. Aber es ist mein Ziel, einen Gedanken so, wie ich ihn denke oder fühle, aufzuschreiben. Diese Ehrlichkeit ist für mich sowieso ein Thema. Wozu einen Schein wahren, wenn man dem gar nicht gerecht wird? Das hat auch viel damit zu tun, ob man Angst hat, von Leuten verurteilt oder belächelt zu werden. Ich merke, dass ich viele Dinge mache, um anderen zu gefallen. Das versuche ich zurückzufahren, ich sage mir dann: Ich muss mich trauen, das zu sagen, was ich denke.

Hat Dir diese Offenheit auch schon negative Erfahrungen eingebracht?
Wenn Freunde meine Musik hören und sie langweilig finden, denk ich schon manchmal, die finden mich jetzt langweilig. Aber wenn man drüber nachdenkt, ist das ja gar nicht schlimm. Jeder Mensch ist verschieden. Trotzdem fühlt man sich im ersten Moment mit abgelehnt. Für mich ist meine Musik nicht nur mein Produkt, sondern das bin ich.

Ist das das, was du mit Ehrlichsein meinst?
Genau. Mein Ziel und mein Anspruch als Künstler ist, immer auf der Bühne ich selbst zu sein. Wenn die Leute das mögen, dann ist es cool, wenn nicht, dann halt nicht. Trotzdem kann ich dazu stehen.

Gibt es auch bei deinen Liedern einen Reifungsprozess?
Auf jeden Fall. Meine Texte waren früher viel verkopfter und klischeehafter - da zieht man sich halt verschiedene Textzeilen zusammen und packt die dann in einen Song. Meine Lieder heute sollen Charakter haben, wie eine Person. Das gelingt mir natürlich nicht immer, man tappt immer wieder in die Falle, in einer unkreativen Zeit einfach irgendwelche Texte zu schreiben. Aber in den letzten zehn Jahren, seitdem ich Musik mache, habe ich da schon Fortschritte gemacht. Heute höre ich oft von Leuten, dass meine Musik authentisch sei. Das ist für mich ein riesiges Kompliment.

Im Titelsong Deines Albums „The Constant Search“ singst Du singst du: „Lay your burdens on the one who...
...carried all of them“, ja. Ich habe ja einen christlichen Background. In dem Song geht es um eine Suche. Wenn man aus einem christlichen Umfeld kommt, wird einem immer gesagt: Wenn du Gott gefunden hast, ist eigentlich alles cool. Ich merke aber, dass das vom Gefühl her nicht so ist. Man kann sich das vielleicht theologisch zurechtlegen oder vom Verstand, aber gefühlt ist das trotzdem nicht immer so. Das hat auch wieder mit Authentizität zu tun, dass man sich das eingesteht. Es heißt halt nicht: Ich bin jetzt gläubig, jetzt ist alles gut, ich muss jetzt ja grinsen, weil ja alles gut ist. Ich bin ein ständig suchender Mensch und in dieser Zeile geht es zurück zu dem, was ich tief in mir drin weiß.

Aber es geht es ja noch weiter: „Lay your burdens on the one that carried all of them. If all of this was just so easy than i would surely“. Also wenn das alles so einfach wäre, dann würde ich das machen. Wenn alles, was in dieser Welt passiert, so einfach wäre wie seine Sorgen auf Gott zu werfen, dann wäre ja die ganze Welt easy. Ich interpretiere es aber auch so, dass ich manchmal gar nicht so einfach die Sorgen auf Gott werfen kann, oder dass es mir schwer fällt. Und dann sagt Dir jemand ganz locker: „Wirf deine Sorgen auf Gott“, und du sagst: „Ja, dankeschön, würde ich ja, wenn ich wüsste, wie.“ Es sind also zwei Komponenten: auf der einen Seite das, was tief in mir verankert ist und was ich tief in mir glaube, und auf der anderen Seite, dass ich das oft nicht kann.

Wie lebst du deine Glauben auf Tour, hast du irgendwelche Rituale?
Ich bin kein Ritualmensch. Es ist eher situativ, dass ich, wenn irgendwas passiert oder ich mich freue, ich innerlich ein Stoßgebet hochschicke. Wir gehen nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst, wir spielen ja auch sonntags. Ich vermisse das im Moment aber auch nicht, mir geht es eigentlich ganz gut damit. Ich bin auch zu Hause nicht in einer festen Gemeinde, auch dadurch, dass ich so ein unregelmäßiges Arbeitsleben habe. Oft bin ich mal ein paar Monate weg. Und auf Tour machen wir auch keine gemeinsame Morgenandacht oder so was.

Hast du musikalische Vorbilder?
Zu der Musik, die ich jetzt spiele, bin ich mehr oder weniger über moderne Songwriter gekommen: Damien Rice war ein großes Vorbild für mich, gerade weil er so ungeschönt das gesungen hat was er gefühlt und gedacht hat, ohne auf eine politische Korrektheit zu schauen. Aber ich habe auch ganz andere Einflüsse. Ich komme ja eigentlich vom Pop, davor hatte ich eine Indierock-Band. Ich mag kreative Sachen, ich finde es spannend, wenn irgendjemand etwas Ausgefallenes macht. Deshalb mache ich auch keine traditionelle Songwriter-Sachen, Gitarre und Gesang, sondern schon auch ein bisschen drum herum. Sonst wird’s mir langweilig.

Ist die Musik, die Du jetzt machst die Musik, mit der du dich dann am besten ausdrücken kannst?
Im Moment ja. Aber ich würde mich nie beschränken. Es könnte auch sein, dass es mich irgendwann langweilt, immer wieder dasselbe auszupacken und über das selbe nachzudenken. Diese ständige Selbstfeflexion – ich weiß noch nicht, ob das Teil meiner Person oder ob das einfach eine Phase ist. Es könnte also sein, ich mach irgendwann mal was eher Spaßiges, just for fun.

Wir kommen noch mal auf eine Songzeile zurück: „Africa I Come“. Warum Afrika? Weil es weit weg ist oder weil es exotisch ist?
Es gibt mehrere Dinge. Mein Onkel war Missionar dort. Deshalb habe ich das schon als Kind mitgekriegt, dass Afrika ganz weit weg ist. Von daher ist Afrika ein Bild für „ganz weit weg“. Ich war oder auch noch nie, aber man hat ja irgendwie eine Vorstellung. Man kennt diese westliche Welt und wenn man davon genug hat, könnte man jederzeit aussteigen und irgendwo anders von vorne anfangen. Ich würde wahrscheinlich nie nach Afrika ziehen, aber es symbolisiert für mich: Hey, du kannst jederzeit von vorne anfangen. Das hat vielleicht auch wieder etwas Christliches: Du hast nie deine Chance verspielt, es gibt immer einen Neuanfang.

Hol Dir alle Infos zu Florian Ostertag und seinen aktuellen Live-Terminen.

 

Flash ist Pflicht!
Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.