Einmal Gast, immer Gast

Das Bett ist schön gemütlich, der Fernseher groß. Ich muss das Essen nicht erst bestellen, es ist schon da. Meine Wäsche wird gewaschen, gebügelt, gefaltet. Sauber ist es auch immer überall. Ein Service, den man nicht missen möchte. Denn es ist ein Hotel, das mehr zu bieten hat, als das Berliner Adlon: Hotel Mama.
  • Foto: Flickr/dierk schaefer

 

Es scheint ein Trend zu werden: Immer mehr Jugendliche sehen ihren Unterschlupf bei ihren Eltern. Noch nie zogen junge Menschen so spät aus wie heute, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Vor allem Männer scheinen die heimischen Vorzüge zu nutzen. Rund zwei Drittel aller 18- bis 26-Jährigen wohnen laut Statistischem Bundesamt noch bei ihren Eltern.

Gründe dafür gibt es genug. Daniel studiert Musik, singt in einem Chor und hat einen Nebenjob. „Ich lebe daher daheim bei meinen Eltern und investiere mein Geld in ein Auto, statt in eine eigene Wohnung“, sagte der Student gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“. Das Auto zu unterhalten, sei in etwa so kostspielig wie eine eigene Wohnung. Auch für Jonas aus Berlin kommt ein Umzug in eine eigene Wohnung nicht in Frage. Da die Familie bereits zwei Haushalte finanzieren muss, bleibt er vorerst bei seiner Mutter wohnen.

Selbstständigkeit adé?

Oft sind es tatsächlich finanzielle Gründe, die gegen das Verlassen der eigenen vier Wände sprechen. Aber es gibt auch Dinge, über die redet man nicht. Denn es will ja tunlichst keiner in die Sparte „Premium-Gast im Hotel Mama“ gesteckt werden. Mama kocht, Mama putzt, Mama wäscht und Mama bügelt. Praktisch und gut. Und wo bleibt die Selbstständigkeit? Die schlummert in den verborgenen Ecken des eigenen Seins, denn sie wird ja nicht beansprucht. So weit die elterliche Liebe auch reicht, so erleichtert sind Eltern auch, wenn die junge Generation selbst anpackt.

Das bleibt oft unausgesprochen. Das Kind hat schon genug zu tun, rechtfertigt die Mutter das Verhalten des Sohnes oder der Tochter gegenüber sich selbst  – für die Schule, die Uni oder die Ausbildung. Aber hat man als Gast im Hotel Mama wirklich keine Zeit zum Helfen? Es beansprucht etwa eine Minute, den Mülleimer auszuleeren, das dreckige Geschirr wegzuräumen oder eine Waschmaschine anzustellen. Das sind keine großen Taten, aber vielleicht ein dankbares Zeichen für den Rundum-Service im mütterlichen Hotel.

Aber nicht nur das: Ist es nicht eine schöne Trainingseinheit, sich im Hotel Mama bereits auf das „Leben allein“ vorzubereiten? Nirgends erhält man eine bessere Schule in Sachen Selbstständigkeit als bei den Eltern. Denn dort wird einem kostenlos gezeigt, wie die Waschmaschine funktioniert und wie man Reifen wechselt. Sind die Eltern einmal nicht mehr da, steht der „Hotel Mama“-Gast möglicherweise vor einem Problem, denn viele alltägliche Sachen sind auf einmal nicht mehr gegeben. Sie müssen selbstständig erarbeitet werden.

Bewusste Selbsteinschränkung

Setzt sich der Trend fort und immer mehr Menschen bleiben bei den Eltern wohnen, besteht die Gefahr, dass häusliche Kompetenzen ausgelagert werden. Das mag der Aufschwung der städtischen und dörflichen Waschsalons und Imbissbuden sein, doch ebenso ist es ein Verlust für die eigenen Fähigkeiten. Die eigene Entwicklung bleibt somit eingeschränkt – ganz bewusst.

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