Eine unheilige Allianz

Alice Schwarzer als Gallionsfigur der Konservativen? Bei Themen wie Islam und Integration paktieren Konservative zunehmend mit Anhängern des 68er-Gedankenguts: Diese sehen die Früchte der sexuellen „Befreiung“ durch den sich ausbreitenden Islam ebenso bedroht wie die politische Rechte das christliche Abendland: Doch den Teufel treibt man bekanntlich nicht mit dem Beelzebub aus.
  • Feministin Alice Schwarzer - sieht so etwa die Hoffnung des deutschen Konservatismus aus? Foto: Wikipedia/Manfred Werner

 

Wer es wagt, das scheinbar zur Staatsideologie erhobene Multikulti-Chaos in Deutschland zu kritisieren, hat mit Problemen zu rechnen. So erging es Thilo Sarrazin und so wird es nun wohl auch Alice Schwarzer ergehen. Die radikale Feministin und Gründerin der Zeitschrift „Emma“ hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie mit der Frauenrechtsproblematik im Islam abrechnet und ein Verbot von Burka und Kopftuch fordert. Die politisch korrekte Empörung gegen „Die große Verschleierung“ ließ nicht lange auf sich warten: Alice Schwarzer stelle Muslime unter Generalverdacht, wirft die „Migrationsexpertin“ Aydan Özoguz (SPD) der Feministin vor. Sogar die CSU ist aufgebracht und lehnt eine „Verbotskultur“ ab.

Als Konservativer muss ich da schmunzeln. Zum einen, weil die Political Correctness nun nicht einmal mehr davor Halt macht, zum „Friendly Fire“ gegen die eigenen Leute zu blasen. Zum anderen, weil Alice Schwarzer nun wirklich die letzte ist, die mir in solch einer Situation Leid tut.

In konservativen Blogs jubelt man der Feministin Schwarzer zu

Doch erstaunlicherweise ist davon in konservativen Zeitschriften und Blogs nichts zu lesen – im Gegenteil. Im islamkritischen Blog „Politically Incorrect“ trieft es geradezu vor Lobhudelei gegenüber Schwarzer: Vom „weiblichen Urgestein der deutschen Islamkritik“ ist die Rede, man bejubelt sie für ihren „Kampf gegen die islamische Unterwanderung“ und attestiert ihr treffende Analysen. Ähnlich auch der Tenor in konservativen Foren wie Focus-Online oder der „Aktion Linkstrend stoppen“-Gruppe im Facebook: Von einer „starken Frau“ ist in Bezug auf Schwarzer die Rede. „Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen“, schreibt ein Kommentator.

Ist der deutsche Konservatismus nun schon soweit gesunken, dass er Alice Schwarzer zur Galionsfigur erhebt? Ausgerechnet jene Frau, die hauptverantwortlich für die Etablierung und Strafbefreiung von mehreren Millionen Kindstötungen in Deutschland ist? Eine Frau, die stolz plakatierte: „Wir haben abgetrieben!“ – als Vorbild für die deutsche Rechte? Doch auch über Abtreibung hinaus stößt man sich als Konservativer an Frau Schwarzer: War es nicht sie, die medial für eine „freie Sexualität“ warb und der „Zwangsheterosexualität“ den Kampf ansagte? Und die in den 90er Jahren recht offen zur Gewalt gegen Männer aufrief?

Konservative Christen sympathisieren mit Erben der 68er

Dass Konservative Alice Schwarzer huldigen, ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Zusammenarbeit konservativer und zügellos-liberaler Kreise ist ein weit verbreitetes Phänomen, speziell im Hinblick auf Reizthemen wie Islam, Integration und Politische Korrektheit. Das hat viel damit zu tun, dass Teile des deutschen Konservatismus die Islamkritik ins Zentrum ihrer politischen Zielsetzung rücken – wie der schon erwähnte Blog „Politically Incorrect“: Hier organisieren sich überzeugte Christen Hand in Hand mit hedonistischen Kräften, die nicht nur den Islam, sondern Religion und Gottesfurcht allgemein ablehnen. Solange das gemeinsame Feindbild, die islamische Religion, besteht, scheint man darüber jedoch großzügig hinwegsehen zu können.

Christen stehen zwischen den Fronten

Eine solche Allianz ist zwar pragmatisch betrachtet sinnvoll, kann allerdings nur solange andauern, bis sich das Feindbild des Islams abgenutzt hat. Spätestens dann sind die Anhänger des kulturliberalen Zeitgeists nicht mehr Verbündete, sondern Erzfeinde. Denn mit der atheistischen Unkultur des Todes und ihrem sinnentleerten Hedonismus teilen wir als Christen noch weniger als mit der Politreligion Islam.

Wir Christen sollten uns dem Islam zwar entgegenstellen. Die Islamkritik darf allerdings auch nicht zu unserem ausschließlichen Wertefundament pervertieren, wie es bei Teilen der islamkritischen Szene geschieht. Ebenso wenig sollten wir zulassen, dass wir als Christen dazu missbraucht werden, die zweifelhaften Errungenschaften der 68er-Revolution gegen den Islam zu verteidigen. Pest oder Cholera, Teufel oder Beelzebub – wir dürfen uns nicht vereinnahmen lassen, von keiner der beiden Seiten. Als konservative Christen sitzen wir zwischen den Stühlen – und so sollte es auch bleiben.

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3 Kommentare wurden bereits abgegeben

  • 3.  
    schrieb am 25.10.2010 16:22

    Diese "Problematik" politisch zu lösen scheint mir nicht der beste Weg zu sein, denn wie dossier richtig erkannt hat, hat jede Partei bestimmte Punkte die deinem Glaube wiedersprechen. Du kannst dich also nur fürs "geringere Übel" entscheiden und dafür musst du Kompromisse eingehen, ich glaub allerdings nicht dass man das im Bezug auf seinen Glauben tun sollte, den die Wahrheit ist die Wahrheit und nicht diskutierbar.

     

    Das zweite Problem ist der Islam besteht aus Menschen und Menschen kannst du nicht mit Politik bekämpfen (außerdem wollen wir wirklich einzelne Muslime bekämpfen, die diesen Glauben von frühester Kindheit an eingetrichtert bekommen haben, und eigentlich doch nichts dafür können, da sie nie etwas anderes zu hören bekommen haben (und an dieser Stelle kann sich jeder Christ an die eigene Nase packen)).

    Außerdem glaube ich, können wir viel mehr bewirken wenn wir unsere muslimischen Mitbürger als Nächste betrachten und so wie Jesus handeln. Ihnen respektvoll und mit sehr viel Liebe begegnen, und wenn das Gespräch auf den Glauben kommt ganz klar bekennen, was wir glauben und sie dazu einladen (weil dieses Angebot auch für sie gilt). Sie sehen doch durch unser Leben und unsere Taten (hoffentlich), dass wir etwas haben was ihnen fehlt: einen Gott der BEDINGUNGSLOS liebt.

  • 2.  
    schrieb am 25.10.2010 11:06

    Lukas, du wirst diesen Widerspruch immer wieder und stärker erleben: die Gesellschaft wandelt sich von stringenten/stetigen Einstellungen zu situativer Ideologie. Die Leute gehen nicht in eine Partei, sondern machen mal immer was mit. Gegen Stuttgart21, aber ansonsten doch nicht Fan der Grünen. Oder nimm dich mal: du bist gegen Abtreibung UND gegen den Islam UND gegen freie Sexualität. Wenn du also erwartest, in allen Feldern übereinzustimmen, dann kannst du mit keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe zusammengehen. Noch nicht einmal mit der Landeskirche oder mit mir, weil ich bei "gelockerter" Sexualität nicht mit dir übereinstimme.

     

    Also: Masse in einer Organisation oder Masse an Bewegungen?

     

    Und nochmal eine andere Frage: glaubst du, dass es früher anders war? Die CDU war die erste überkonfessionelle Partei - da waren die Streitigkeiten doch noch viel krasser. Also vielleicht sind wir vielleicht einfach viel sensibler geworden und wollen partout "100% Übereinstimmung" anstatt nur 50-70%...

  • 1.  
    schrieb am 19.10.2010 11:50

    "Wir Christen sollten uns dem Islam zwar entgegenstellen"

     

    Interessante Worte, aber leider leider auch momentan in Deutschland gefährlich Worte. Ich erlebe das immer wieder, als Christ wird man ausgelacht, der Islam ist toll und "hipp"

     

    Eine schwere Zeit!

     

    Gruß

    J.

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