Eine leise Erinnerung
Als Kate an einem schönen Sommermorgen erwacht, hat sie das unbändige Gefühl, etwas nicht getan zu haben. Etwas unheimlich wichtiges sogar. Nur was? Sie weiß es nicht mehr. Sie kramt in ihren Erinnerungen: Die Sirenen, die Klippe, das Krankenhaus, das ungeliebte Elternhaus, die falschen Freunde, ihre Beziehung zu Mike ... Und dann fällt es ihr plötzlich wieder ein.
Die meisten Menschen stellen sich unter einem normalen Leben folgendes vor: Man steht morgens um sechs Uhr schlaftrunken auf, wankt im Halbschlaf in die Küche, kippt einen Kaffee hinunter und schmiert sich ein Butterbrot, welches man anschließend in eine Papiertüte steckt. Man könnte dieses Brot zwar auch gemütlich am Frühstückstisch essen, doch erstens reicht die Zeit dafür oft nicht, und zweitens würde es sich ohnehin nicht lohnen, da das Brot meist geschmacksneutraler ist, als die Papiertüte, in der es sich befindet. Danach rennt man ins Bad. Anschließend drückt man seiner Frau einen dicken Schmatz auf die Wange. Schließlich hastet man zu seinem Wagen und muss sich beeilen, um noch rechtzeitig auf die Arbeit zu kommen.
Dort sitzt man dann einige Stunde an einem durchschnittlichen Schreibtisch, in einem durchschnittlichen Büro, das man mit durchschnittlichen Kollegen teilt, die dort durchschnittlich gut oder schlecht arbeiten. Während sie lauthals schnatternd von ihrem meist durchschnittlich uninteressanten Wochenenden erzählen, freut man sich schon auf das Abendessen. Jedenfalls kommt man von dieser Arbeit spät abends, völlig k.o. und total übermüdet zurück. Spätestens nach dem Abendessen – wahrscheinlich irgendetwas, das kurze Zeit vorher in der Mikrowelle aufgetaut wurde, weil man mal wieder Überstunden gemacht hat – ist man zu nichts mehr zu gebrauchen. Was für ein Tag! Und so geht es am nächsten Tag weiter, und an dem danach und dem danach und die nächste Woche.
Aber eins steht fest: Wenn es jemanden gibt, der nach dieser Definition – und wahrscheinlich auch nach keiner anderen – normal ist, dann ist es Kateline Hawkins.
Es war ein schöner Sommermorgen, und ich konnte die Vögel zwitschern hören, als ich aufwachte. Licht drang durch die zugezogenen Vorhänge in den großen Raum. Ich lag in meinem zerwühlten Bett und runzelte die Stirn. Mir war, als hätte ich etwas zu tun vergessen ... Etwas war da. Eine leise Erinnerung …, das war es, was mich nachts wach hielt und es mir unmöglich machte, mich zu konzentrieren. Das Einzige, woran ich in diesem Moment denken konnte, war etwas, das in den letzten Wochen mein gesamter Lebensinhalt, meine gesamte Hoffnung gewesen war. Vergebung. Aber was ist Vergebung eigentlich?
Ich bin eine der wenigen Personen, die das Glück haben, wirklich zu wissen, was Vergebung bedeutet. Ich bin Kateline Hawkins. Ich bin 23 Jahre alt, und wurde am 7.8. um 15.30 Uhr in das St. Luis-Hospital wegen eines Suizidversuches eingeliefert. Ich wäre gestorben, hätte Mike mich nicht gefunden. Mike … er war es auch, der mir Kraft gegeben hatte, weiterzumachen. Aber darum geht es jetzt nicht.
Ich hörte die Sirenen. Hektisches Licht drang durch meine geschlossenen Augenlieder. Mir tat alles weh und ich spürte einen festen Druck auf meiner Hand. Versuchten sie mir den Arm abzuquetschen? Und überhaupt – wie war ich hierhergekommen? Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war … die Klippe. Kaltes Wasser überall. Ich fröstelte. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch die Lider fühlten sich schwer an. Es kostete mich einige Mühe, doch schließlich nahm ich meine Umgebung wahr. Ich war in einem großen Auto. Es fuhr schnell und da war dieses Heulen, wie von einer Sirene. Ein – Krankenwagen! Aber wie war ich hierhergekommen? Ich schaute mich suchend um ... und dann entdeckte ich ihn – Mike. Er saß zusammengekauert neben meiner Trage und hielt mit vor Angst geweiteten Augen meine Hand. Plötzlich empfand ich den Druck als sehr angenehm.
In den darauffolgenden Tagen war er ständig bei mir. Er verbrachte Tag und Nacht an meinem Bett im Krankenhaus. Mir ging es immer besser und es kehrten immer mehr Erinnerungen und Bilder zurück. Ich wollte sie nicht sehen. Ich versuchte sie aus meinem Kopf zu drängen, doch es gelang mir nicht. Je angestrengter ich versuchte, diese Gedanken zu vertreiben, desto hartnäckiger setzten sie sich in meinem Kopf fest. Ich kannte die Gründe, die ich gehabt hatte, doch ich bereute es mit jeder Sekunde mehr, die Mike an meinem Bett saß.
Warum hatte ich das getan? Schon lange hatte ich Probleme gehabt. Einen ganzen Strudel von Problemen, die immer enger zusammenrückten, andere mitrissen und immer größer wurden. Alles hatte damit begonnen, dass mein Vater Alkoholiker war. Meine Mutter und er stritten sich nur noch, und mein Zuhause war kein Ort, an dem ich gerne war. Ich verbrachte zunehmend mehr Zeit draußen, ging aus und lernte neue Freunde kennen. Die falschen, wie sich im Nachhinein herausstellte. Alles andere fing an in den Hintergrund zu rücken, ich interessierte mich schon lange nicht mehr für die Schule, fing an zu rauchen und trieb mich draußen herum.
Das Einzige, was mir nie egal gewesen war und das mich schließlich vor diesem Leben gerettet hatte, war Mike. Als ich ihn kennenlernte half er mir durch die Schule. Er brachte mich auf den richtigen Weg zurück. Ich hatte endlich einen Platz gefunden, an den ich gehörte. Nach einigen Wochen gingen wir miteinander, und nach einigen weiteren zog ich bei ihm ein. Es hätte ein perfektes Happy-End sein können, doch das war es für mich nicht. Immer hatte ich das Gefühl, ihm im Weg zu sein, ihn nur zu behindern. Ich dachte, dass er eigentlich viel zu gut für mich wäre und ich nur unnötiger Ballast sei. Deshalb hatte ich schließlich meine Entscheidung getroffen.
Aber nun, in den Tagen, in denen er weinend an meinem Bett saß, um meine Hand zu halten, wurde mir klar, dass er mich wirklich liebte. Meine Ängste hatten nie einen Sinn gehabt, und das hier auch nicht. Ich hatte alles kaputt gemacht.
Nach meiner Entlassung wohnte ich allein. Doch das war nicht das, was ich wollte. Es war so leer und kalt. Jeden Abend weinte ich mich in den Schlaf und fragte mich, wie ich den angerichteten Schaden wieder gut machen könnte.
Es war ein schöner Sommermorgen, und ich konnte die Vögel zwitschern hören, als ich aufwachte. Licht drang durch die zugezogenen Vorhänge in den großen Raum. Ich lag in meinem zerwühlten Bett und runzelte die Stirn. Mir war, als hätte ich etwas zu tun vergessen ... Etwas war da. Eine leise Erinnerung …, das war es, was mich nachts wach hielt, was es mir unmöglich machte, mich zu konzentrieren.
Und dann fiel es mir ein. Ich hatte Mike nie wirklich gesagt, was er mir bedeutete. Ich hatte ihm nie gezeigt, wie sehr ich ihn liebte und brauchte. Aber das Wichtigste war: Wie sehr ich hoffte, dass er mir vergeben würde. Ich nahm mir einen Bogen Papier, einen Stift und versuchte ihm all das zu sagen, was ich schon immer hätte sagen sollen:
Danke.
Danke dafür, dass du da bist.
Dass du bist wer du bist und dass
dich niemand davon abhält, zu tun,
was du für richtig hältst. Danke
dafür, dass du für mich da bist,
und dafür, dass du es immer warst.
Danke dafür, dass du versuchst
mir zu verzeihen…
Es ist so viel mehr als ich erwarten kann.
Deine Kate
Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Katja P. Czerwinska aus Darmstadt hat mit ihrem Text Eine leise Erinnerung" am Wettbewerb der Unterstufe teilgenommen.


