Ein Neonazi und Totschläger wird Pastor
Immer neue Enthüllungen um die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) sorgen für Schlagzeilen und Diskussionen. Mindestens zehn Morde sollen auf das Konto des Neonazi-Trios aus dem sächsischen Zwickau gehen. Einer, der es geschafft hat, aus rechtsextremen Gewaltszene auszusteigen, ist Johannes Kneifel. Wir stellen den 29-Jährigen vor.
Mit 17 ist Johannes Kneifel Neonazi und tötet einen Menschen. Heute studiert er Theologie und hofft, nach dem Examen im kommenden Jahr Pastor in einer Baptistengemeinde werden zu können. Und so begann es: Mit 13 schließt er sich in Celle den Neonazis an. Er sucht Helden, die ihm Sinn und Halt vermitteln. Denn zu Hause findet er keine Geborgenheit. „Meine Eltern waren schwer krank, behindert, arm, sozial isoliert.“
Sich anfeinden zu lassen, macht ihn stolz
In der Schule ist er allein und schämt sich wegen seiner Herkunft. Dann lernt er Rechtsextreme kennen: „Du bist Herrenmensch, du gehört zur Elite“, sagen sie ihm. Er findet Freunde. Sich von „normalen Menschen“ wegen seiner nationalsozialistischen Gesinnung anfeinden zu lassen, macht ihn stolz. Und er hasst Ausländer, nachdem einige ausländische Jugendliche ihn als 15-Jährigen fast totgeschlagen haben. Er trinkt, prügelt sich mit anderen und wird zunehmend radikaler.
Arbeitslosen Hippie zusammengeschlagen
Am 9. August 1999 überfällt er in Eschede mit einem Kumpel den Arbeitslosen Peter Deutschland. Sein Kumpel kennt ihn, weil der sich als „Hippie“ immer wieder mal mit ihm angelegt hat. Er ruft ihnen zu, sie sollten „den Scheiß mit dem Skinhead-Gehabe“ lassen. Die beiden sind deshalb sauer auf ihn, dringen in seine Sozialwohnung ein und schlagen ihn brutal zusammen. Sie zerstören das Telefon, damit er keine Hilfe holen kann. Als Nachbarn schließlich die Hilferufe des 44-Jährigen hören, ist es zu spät. Am nächsten Tag erliegt er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die beiden werden ermittelt und jeweils zu 5 Jahren Jugendhaft wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt.
„Ich schäme mich“
„Ich schäme mich“, bekennt Johannes Kneifel heute. Er weiß: Er kann die Tat nicht ungeschehen oder wieder gutmachen. Einem Menschen das Leben genommen zu haben, „und mit der Endgültigkeit dieser Tatsache umzugehen, ist sehr schwer“. Auch im Jugendgefängnis in Hameln gilt er als „gefährlich und gewaltbereit“. Doch er macht dort auch ganz andere Erfahrungen. Er freundet sich mit ausländischen Mitgefangenen an, die ihm gegenüber keine Vorurteile zeigen.
„Gott hat mir vergeben.“
Und er geht in den Gottesdienst. Denn hinter Gittern trifft er Christen – u. a. von der Gefährdetenhilfe Bad Eilsen – die sich um ihn kümmern, obwohl sie wissen, was er getan hat: „Aber die sahen mich trotzdem als Mensch.“ In einem Gottesdienst erlebt er plötzlich, dass Gott direkt zu ihm spricht: „Ich spürte, Gott ist bereit, einen Neuanfang mit mir zu gehen.“ In seiner Zelle fällt er auf die Knie und betet. Und er erlebt, dass ein tiefer Frieden und Freude ihn erfüllen. Er weiß: „Gott hat mir vergeben.“
Ein öffentlicher Warner vor dem Rechtsextremismus
Nach seiner Entlassung macht er das Fachabitur und schließt sich – auf der Suche nach „lebendigen Christen“ – der Baptistengemeinde in Hameln an. Seine Wohnung liegt direkt in der Nähe der Gemeinde. Zunächst will er Maschinenbau studieren. Doch im Gebet wird ihm klar, dass er Theologie am (baptistischen) Theologischen Seminar Elstal studieren soll. Daneben warnt er in öffentlichen Veranstaltungen immer wieder vor der Gefahr des Rechtsextremismus. Johannes Kneifel ist dankbar, dass er eine zweite Chance bekommen hat. Über sein Leben schreibt er ein Buch. Es heißt „Vom Saulus zum Paulus – Neonazi, Mörder, Pastor – meine drei Leben“ und erscheint 2012.



