Ein Labyrinth von Angeboten
Schweißperlen glänzen auf Sabrinas Stirn. Und das, obwohl die 22-Jährige gerade von ihrer Mittagspause kommt. Doch die Temperaturen um die 30 Grad machen auch ihr zu schaffen. Die Theologie-Studentin aus Heidelberg ist bereits zum dritten Mal auf einem Kirchentag. In diesem Jahr ist sie mit einer 17-köpfigen Gruppe hierher gekommen. Mit dabei sind nicht nur Deutsche, sondern auch Jordanier und Libanesen. Beim Internationalen Jugendcamp direkt am Rheinufer kommen Menschen aus aller Welt miteinander ins Gespräch....
„Ich finde es toll, so viele Leute aus verschiedenen Nationen hier kennenzulernen“, sagt Sabrina. Rund 250 junge Menschen aus 18 Ländern verzichten seit dem 01. Juni auf ein Dach über den Kopf, sind stattdessen in der kleinen Zeltstadt untergebracht. Während bei anderen Jugendveranstaltungen in der Regel auf eine geschlechtergetrennte Unterbringung geachtet wird, verzichtet man hier darauf. Die Gruppenleiter sind selber für ihre Jugendlichen verantwortlich.
Der Glaube spielt nicht überall eine Rolle
Einen festen Tagesplan hat sich Sabrina noch nicht zurechtgelegt. „Ich entscheide da eher spontan“, sagt sie. Damit auch die Jugend sich auf der Mega-Veranstaltung zurechtfindet, hat das Kirchentagsbüro ein eigenes Flugblatt für Jugendliche entwickelt. 40 Prozent der rund 100.000 Dauerteilnehmer sind unter 29 Jahre. Die meisten Teilnehmer (25 Prozent) gehen noch zur Schule. Die Jugendangebote haben längst nicht alle nur etwas mit dem Glauben zu tun. Im „Zentrum Jugend“ auf der Westseite der Kölner Messehallen, bieten zahlreiche Organisationen verschiedene Sport-Angebote an: Ein Kletterturm, Fußball oder Handball mit verlängerten Plastikhänden sind nur einige der vielen Möglichkeiten. In unmittelbarer Nähe wettert im Theatersaal der ehemalige Bundesminister Heiner Geißler (CDU) gegen die Mächtigen aus Politik und Weltwirtschaft. Die Halle ist überfüllt, so groß ist das Interesse. „Engagiert euch in der Politik“, ermuntert er die Jugendlichen. Wer nicht in eine Partei gehen will, solle bei Greenpeace, Amnesty International (ai) oder Attac Mitglied werden. Doch ob diese Gruppen der richtige Ort sind für junge Christen, um sich politisch zu engagieren? Schließlich debattiert ai derzeit über die Festschreibung der Abtreibung als Menschenrecht. Das linke Netzwerk Attac protestiert während des Kirchentags gegen den G-8-Gipfel. Die Gewalttäter von Rostock konnten auch sie nicht zurückpfeifen. Doch das neue Attac-Mitglied Geißler begeistert die Massen. Zum Abschluss von Geißlers Rede gibt es von einigen sogar Applaus im Stehen.
Lebendige und kräftige Musik
Für Sabrina scheinen eher der „Markt der Möglichkeiten“ oder die vielen Konzert-Angebote interessanter zu sein. Während auf der Freiluftbühne am Tanzbrunnen eine afrokaribische Trommelparty stattfindet, singt das A-cappella-Quintett Wise Guys in der Nähe auf den Poller Wiesen. Für die jungen Kirchentagsbesucher kann die Musik wohl kaum kräftig und lebendig genug sein. Eine ältere Frau hält sich dagegen beim Vorbeilaufen an einer Musikbühne die Ohren zu. Das ist Kirchentag. Jung und alt beieinander. Die Rock-und-Pop-Angebote scheinen auf dem Kirchentag die Quotenbringer zu sein. So verfolgen 70.000 begeisterte Menschen das Konzert der Wise Guys, während auf der Domplatte nur rund 8.000 Demonstranten für eine gerechtere Welt protestieren.
Sex-Ratgeber von „Dr. Sommer“
Aber nicht nur Spiel, Spaß und Unterhaltung stehen auf dem Kirchentagsprogramm für die Jugend. Es gibt auch andere Hilfe für das Leben. Zum Thema „Kirche und Sex“ haben sich die Kirchentags-Organisatoren unter anderem die Kompetenz von Eveline von Arx ins Haus geholt. Sie ist Leiterin des „Dr.-Sommer-Teams“ der Jugendzeitschrift Bravo. Ob die Jugendlichen da Tipps für ein Sexualleben nach Gottes Willen bekommen, scheint jedoch eher fraglich. Auch das Zentrum „Homosexuelle und Kirche“ hat sich auf den jugendlichen Andrang eingestellt. Für junge Lesben und Schwule gibt es am Freitagmorgen ein Jugendfrühstück. Parallel dazu laden die Organisatoren unter dem Motto „Und David tanzte vor der Lade“ zu einem Männerballett-Workshop ein.
Es gibt auch Gutes…
Aber es gibt auch missionarische Angebote. Der Jugendverband „Entschieden für Christus“ (EC) ist am Neumarkt mit der evangelistischen Aktion „ich glaub’s“ vor Ort. Jeden Tag gibt es ein elfstündiges missionarisches Programm. Das Projekt sei „kein Spaziergang, sondern ein herausfordernder und anstrengender Einsatz“, schrieb EC-Bundespfarrer Rudolf Westerheide im Vorfeld des Kirchentags. Auch die christlichen Bands „Ararat“ und „Allee der Kosmonauten“ wollen die Jugend zum Nachdenken anregen. Vielleicht tragen gerade solche Angebote dazu bei, dass der Kirchentag „auf jeden Fall“ auch ein glaubensstärkendes Ereignis ist, wie es Micha Überrück (18) aus Unna sagt. Er findet es beeindruckend, dass so viele Menschen diese Zeit friedlich miteinander verbringen. Auch der ein Jahr jüngere Lukas Geschke, der ebenfalls aus Unna kommt, schätzt die Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen. „Es ist schön mit anderen Christen zu feiern“, sagt er. Eigentlich wollten sie das auch in einem Jugendgottesdienst machen. Doch der fiel am Donnerstag aus. „Das ist schade, weil es hier nicht so viele gibt“, sagt Micha.
Kirchentag zieht auch Nichtchristen an
Es sind längst nicht nur Christen, die zum Kirchentag kommen. Einige Kölner nutzen die Gelegenheit, um an dem kulturellen Programm teilzunehmen. Bei Sabrinas Multi-Kulti-Gruppe sind sogar ein paar Muslime dabei. Der Austausch mit den Religionen scheint den Kirchentags-Organisatoren sehr wichtig. Im Programm wird extra auf das Freitagsgebet mit Predigt in deutscher Sprache verwiesen.
Der richtige Weg ist schwer zu finden
Sabrina zieht weiter, wird sich nun auf dem „Markt der Möglichkeiten“ umschauen. Doch so leicht zu finden ist der nicht, ist doch das Messegelände ziemlich verzweigt. Aber das passt zum Kirchentag. Schließlich sucht man in dem Programm auch vergeblich die rote Linie.
Kommentare Bisher wurde ein Kommentare geschrieben
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1.schrieb am 27.08.2008 11:37
Ging mir während dem Kirchentag genauso, es ist immer ne zeimlich zwiespältige Sache. Viel Schatten aber auch viel Licht. Es stimmt, oft wird auf dem Kirchentag unbiblisches verbreitet und Organisationen eine Plattform gegeben, die mit \"christlich\" wenig bis gar nichts zu tun haben.
Mehr Gottesdienste, die die Jugend ansprechen fänd ich auch nicht schlecht.



