Ein Höllenleben bringt es auf Dauer einfach nicht
Auffallend viele renommierte Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum greifen in letzter Zeit biblische Stoffe und Motive auf. Am Staatstheater Mainz steht nun „Die göttliche Komödie“ von Dante Alighieri auf dem Spielplan. Sie bringt Hölle und Himmel auf die Bühne. Karsten Huhn war bei der Premiere.
Was ist nur in die Theaterleute gefahren? Im Schauspielhaus Zürich wurde in vier Stunden und im vollständigen Wortlaut das Buch Genesis aufgeführt. Es folgte das Münchner Volkstheater mit einer „Moses“-Aufführung. In Kürze feiert das Schauspiel Stuttgart die Premiere der „Apokalypse“, dem letzten Buch der Bibel.
Auch der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson beschäftigt sich mit biblischen Motiven. Am Staatstheater Mainz zeigt er „Die göttliche Komödie“ – die Höllen- und Himmelsreise des Italieners Dante Alighieri (1265-1321). In 100 Gesängen und 14.233 Versen beschreibt der Dichter eine Jenseitsreise, die als Weltliteratur gilt und deren Bilder bis heute prägen. Die Reise führt in die tiefsten Abgründe der Hölle, von dort zur Läuterung und schließlich ins Paradies.
Ein widerlicher Theaterintendant
Wie bringt man die Hölle auf die Bühne? Das Stück beginnt mit Klamauk. Ein widerlich-zotiger Theaterintendant führt durch das Stück, kommandiert seine Mitarbeiter umher und setzt billige Pointen. Die Zuschauer lädt er zum Mitmachtheater ein, jeder soll seine Hände an den Kopf legen, um sich die Vorurteile aus dem Kopf zu massieren. In schwurbeligen Kurzvorträgen wie in einem schlechten Germanistikseminar wird bedeutungsvoll erklärt, wer Dante war und was er wollte. Eitelkeit, Machtgeilheit und aufgeplustertes Gelaber – das sind die Vorstufen zur Hölle.
Die Hölle? Das ist die Pornobranche!
„Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“, warnt Dante. Der Höllentrip nimmt an Fahrt auf. Auf einer Plexiglasscheibe gehen die Schauspieler dem Abgrund entgegen – und finden starke Bilder für Todsünden und Höllenqualen. Die Hölle? Das ist die Pornobranche mit ihrer sexuellen Ausbeutung. Die Hölle? Das ist ein Fallsüchtiger, der 20, 30, 50 Mal zu Boden geht. Er schlägt hart auf, das muss wehtun. Sobald er steht, fällt er wieder, und man leidet mit.
Die Hölle? Das ist ein Kratzen und Jucken nach unsichtbarem Ungeziefer. Die Hölle? Das ist ein Würgen und Brechen. Das Schauspielkollektiv stopft Äpfel in sich rein und kotzt sie wieder aus, und die Brocken pladdern auf die Bühne, dass man fast mitspeien muss. Die Hölle? Das ist die Blendung des Menschen, brutales Licht von vorn, das einen nichts mehr sehen lässt. Die Hölle beginnt mit Komödie, ist aber keine. Hölle ist Pein und Plage, kurze Lust und langes Leid.
Brandreden gegen die Lüge – Und der Himmel?
Dante hält Brandreden gegen Wucher, Habgier, Lüge und Vertrauensbruch. Zitiert wird der Prolog des Johannes-Evangeliums, der Schöpfungsbericht der Genesis und das Hohelied der Liebe aus 1. Korinther 13: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle … Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
Der nervige lüstern-narzisstische Theater-Impresario, der seinen Schauspielerinnen hinterherstieg, ist kleinlaut und erschöpft von seiner Höllenreise. Ein Höllenleben bringt es eben auf Dauer einfach nicht. Dann doch lieber den Himmel versuchen! Also raus aus der Hölle, hinauf zur Erde, dort, wo Sonne, Sterne, Himmel warten. Der letzte Teil von Dantes Reise wird charmant angedeutet: Die Schauspieler steigen auf, eine Himmelfahrt zu Mozartklängen.
Weitere Vorstellungen am 24. und 31. Oktober
sowie am 9., 16., 17. und 21. November.
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