Ein Herz für die Straßenkinder von New York
Eigentlich dachte Kathrin Beyer nie daran, Deutschland zu verlassen. Doch dann ging sie für ein Praktikum nach New York. Die Arbeit mit Straßenkindern in den Ghettos gefiel der Kunstpädagogin so gut, dass aus den geplanten 4 Monaten schon zweieinhalb Jahre geworden sind. Ein Beitrag von Corina Mögling.
(1) Kathrin Beyer mit einigen Kindern, die darauf warten, dass das Programm beginnt, (2) Die „Sidewalk Sunday School“ erfreut sich grosser Beliebtheit, (3) Viele Familien leben in beinahe unmöblierten Wohnungen. Dieses Mädchen baute Kisten zu Tisch und Stuhl um, (4) Diese beiden Mädchen sind begeistert, dass jemand sich die Zeit nimmt, sie zu besuchen; Fotos: Sabine Zimmermann (1), Kathrin Beyer (2), Corina Mögling (3), Roderick Nathan Diaz (4)


Das Leben in Deutschland war nicht schlecht“, sagt Kathrin Beyer. Nach ihrem Studium verdiente die 27-jährige Kunstpädagogin ihren Lebensunterhalt als Kellnerin und mit dem Verkauf eigener Gemälde. In der Freien evangelischen Gemeinde Schönbach bei Herborn engagierte sie sich als Sonntagsschullehrerin. Doch sie sehnte sich danach, mit ihrem Leben mehr zu bewirken. Bei einer Tagung begegnete sie Bill Wilson, dem Gründer und Pastor des Missionswerkes Metro Ministries in New York, das die größte Sonntagsschule weltweit unterhält. „Er sagte, dass jeder Mensch etwas bewirken kann, wenn er sich entscheidet, sein Leben für andere einzusetzen“, erzählt Kathrin. Noch am selben Tag meldete sie sich bei dem Amerikaner für ein Praktikum an. Die folgenden vier Monate sollten ihr Leben verändern. Als sie nach Deutschland zurückkam, fiel es ihr schwer, sich wieder einzuleben. Sie hatte New York und die Kinder so sehr ins Herz geschlossen, dass sie ein Jahr später wieder zurückging.
Sonntagsschule auf dem Bürgersteig
Mit gelben Lieferwagen, die zu einer Bühne umgebaut werden können, fährt sie nun mit ihrem Team in die Ghettos der Metropole. Auf den Bürgersteigen bietet sie ein kostenloses Kinderprogramm – die „Sidewalk Sunday School“ – an. Mit einfachen Lektionen, Liedern und Geschichten erzählt Kathrin den Kindern von Jesu Liebe und der Hoffnung, die sie durch ihn haben können. Sie ermutigt ihre Zuhörer, die Schule abzuschließen und sich von Banden und anderer Gewalt fernzuhalten. Voller Vorfreude warten die Kleinen jede Woche auf den gelben Lieferwagen und das Programm, bei dem sie unbekümmert lachen, singen und spielen können. Es bietet ihnen die Möglichkeit, ihrem oft trostlosen Alltag eine Weile zu entfliehen.
Flachbildfernseher statt Kinderbett
Einmal pro Woche besucht Kathrin die Kinder zu Hause, um sie zur nächsten Sonntagsschule einzuladen. Dabei trifft sie auf viel Armut: Die meisten Familien leben in winzigen Wohnungen, und die größtenteils alleinerziehenden Mütter müssen sich und ihre Sprößlinge mit wenig Geld durchbringen. Oft sind die Kinder tagsüber sich selbst überlassen. Nicht selten ist das einzige Möbelstück im Wohnzimmer ein großer Flachbildfernseher – während die Kinder auf Matratzen schlafen. Durch ihre Besuche kann Kathrin den Kleinen zeigen, dass sich jemand für sie interessiert. „Aber unsere Arbeit ist mehr, als nur kleine Kinder zu umarmen und ein gutes Programm zu bieten. Es geht darum, sie aufzubauen und weiterzubringen.“
Sanjidas Augen leuchteten auf
Eines Sonntags kam ein 10-jähriges Mädchen – Sanjida – schüchtern auf Kathrin zu und erzählte zögerlich, dass ihre Familie Jesus nicht kenne. In ihren Augen glaubte Kathrin eine Angst zu sehen, dass sie sie nun wieder wegschicken würde. Als die 27-Jährige ihr aber versicherte, dass sie dennoch willkommen sei und Jesus sie liebe, leuchteten Sanjidas Augen auf. Seitdem ist sie jede Woche die Erste, die zur Sonntagsschule kommt. Sie sitzt immer in der vordersten Reihe und hört aufmerksam zu. „Unsere Hoffnung ist, dass die Kinder verstehen, dass Jesus sie liebt, wichtig nimmt und eine persönliche Beziehung zu ihnen haben möchte.“
Ob sie für immer in New York bleiben wird, weiß Kathrin nicht. Aber zu einem „normalen“ Leben zurückzukehren, ist für sie undenkbar: „Wenn man mit Jesus unterwegs ist und täglich außergewöhnliche Dinge mit ihm erlebt, möchte man gar nicht mehr zurückgehen. Man möchte mehr erleben!“
1980 gründete Bill Wilson die „Metro Ministries“.
Heute kommen in New York wöchentlich rund 20.000 Kinder zu den Straßeneinsätzen. Aber auch in Rumänien, Afrika, Indien und auf den Philippinen ist die gemeinnützige Organisation
aktiv. So werden pro Woche insgesamt rund 42.000 Kinder
erreicht – Tendenz steigend.
Über ihre Erlebnisse mit den Straßenkindern berichtet Kathrin regelmäßig auf: kathrinunterwegs.wordpress.com
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