Drei Monate im Zentrum des Nahostkonflikts

Bethlehem könnte ein idyllisches Städtchen sein – wäre da nicht die rund zehn Meter hohe Mauer im Norden der Stadt. Sie trennt Bethlehem von Israel, liegt der Geburtsort Jesu doch im Westjordanland, das die Israelis seit 44 Jahren besetzt halten. Die Stadt steht damit nicht mehr nur für Krippe und Jesuskind, sondern ist mittlerweile auch Sinnbild des Konfliktes um das Heilige Land.
  • Fotos: Anja Reumschüssel. (1) Auf einer der allwöchentlichen Demos gegen die Mauer, (2) Mein erster Blick auf Bethlehem (3) Einer der Wachtürme an der Mauer in Bethlehem, (4 & 5) Mauerpoesie, (6) Ostersonntag in Jerusalem, (7) Ich am Karsamstag, mit einer Kerze, die am Heiligen Feuer aus Jerusalem entzündet wurde

 

Geh nicht dahin, da sind die Araber. Da ist es nicht sicher“, sagt der Mann mit der Kippa auf dem Kopf. Der jüdische Siedler im Westjordanland hält sein Maschinengewehr auf dem Schoß. Ich will aber trotzdem dahin, wo die Araber sind, ich wohne nämlich zurzeit auch dort: in Bethlehem.

Eine trügerische Idylle

Das Städtchen ist auf einem Hügel rund zehn Kilometer südlich von Jerusalem gelegen. Hier stehen jahrhundertealte Olivenbäume zwischen modernen Betonhäusern. Schafherden ziehen manchmal über die Hauptstraße und blockieren den Verkehr. Mit netten Sprüchen und gebrochenem Englisch versuchen die Verkäufer der Innenstadt, Touristen in ihre Läden zu locken. Doch es ist eine trügerische Idylle: Bethlehem liegt geografisch genau im Zentrum der Streitigkeiten zwischen Israelis und Palästinensern.

Nach dem Sieg Israels gegen die enorme Überzahl seiner Angreifer aus den benachbarten arabischen Staaten im Sechstagekrieg 1967 ist das Westjordanland für Israel als Pufferzone gegen Jordanien von militärischer Bedeutung – und als Land der Vorväter religiös und emotional wichtig. Die Palästinenser hingegen fühlen sich durch die militärische Präsenz Israels eingeschränkt und häufig diskriminiert. Immer wieder kommt es seitdem zu Anschlägen auf Israel.

Ein Zaun auf dem Grundstück des Nachbarn?

1987 und 2001 fand jeweils ein palästinensischer Aufstand gegen die israelische Besatzung statt – die Intifada. Nach der zweiten Intifada begann Israel, eine Mauer um das Westjordanland zu bauen, um palästinensische Attentäter aus dem israelischen Kernland fernzuhalten. Ein Zaun zwischen zerstrittenen Nachbarn – das versteht sicher jeder. Doch ein Zaun auf dem Grundstück des Nachbarn – das verstehen sicher die wenigsten. Denn ein Großteil der israelischen Sperranlage verläuft auf palästinensischem Gebiet, schneidet dort einzelne Familien von ihren Dörfern und ganze Dörfer von ihren Feldern ab.

Politische Botschaften an der Mauer

In Bethlehem reicht die Mauer zum Teil in die Stadt hinein. Sie ist Symbol dieses Konflikts und gleichzeitig Anziehungspunkt für die Aggressionen vor allem junger Menschen gegen die Juden. Mit Sprühdosen nutzen sie den grauen Beton als Leinwand für politische Botschaften. Aber oftmals verschaffen sich palästinensische Jugendliche auch mit Steinen Luft und bewerfen die israelischen Wachtürme entlang der Mauer.

Die Soldaten in den Türmen antworten mit Tränengas, Gummigeschossen oder – in seltenen Fällen – auch mit scharfen Schüssen. Dieses Hin und Her aus Aggression und Gegenaggression wirkt beinahe wie ein Ritual, das sich auch wöchentlich nach den muslimischen Freitagsgebeten bei palästinensischen Demonstrationen gegen die Mauer und die Besatzung an verschiedenen Orten im Westjordanland wiederholt.

Bethlehem: Ein Anziehungspunkt für junge Menschen

Drei Monate lang habe ich in Bethlehem ein Praktikum bei der Nachrichtenagentur „Palestinian News Network“ (Palästinensisches Nachrichten-Netzwerk) – die auch auf Deutsch berichtet – gemacht. Ich schrieb über Veranstaltungen, Menschen, Organisationen, Staatsbesuche – die Geschichten lagen in Bethlehem auf der Straße, immer passierte irgendwas.

Gerade für junge Menschen aus aller Welt ist die Stadt ein Anziehungspunkt. Nicht unbedingt wegen der Geburtskirche in der Mitte der Stadt oder des Toten Meeres, das nur eine Autostunde entfernt liegt – sondern wegen der unzähligen Möglichkeiten, hier aktiv zu werden. Kinder-, Frauen- und andere Hilfsorganisationen, Vereine zur politischen Aufklärung und für die Rechte der Palästinenser gibt es viele in Bethlehem. Und auch bei den wöchentlichen Demonstrationen gegen die israelische Besatzung sind häufig junge Menschen aus aller Welt und auch aus Israel selbst dabei.

Es war unmöglich, nicht über den Konflikt zu reden

Mein Aufenthalt im Westjordanland hatte viele Facetten: Da war der Kontakt mit den ganz normalen Menschen. Sie sind herzlich, offen, einladend. Es ist unmöglich, eine Stunde durch die Bethlehemer Innenstadt zu laufen, ohne mindestens einmal zum Teetrinken eingeladen zu werden. Und sobald klar war, dass ich kein Tourist bin, wurden die Gespräche lockerer und interessanter. Dann war es ebenso unmöglich, nicht über den Nahostkonflikt zu reden. Er betrifft jeden.

Die meisten Männer waren schon einmal in einem israelischen Gefängnis, oft in jungen Jahren. Fast jeder hat in diesem ewigen Konflikt schon ein Familienmitglied, Freunde oder Verwandte verloren. Und jeder Palästinenser spürt den Konflikt, sobald er ein Haus bauen oder irgendwohin reisen will. Nach Israel selbst dürfen sowieso nur wenige, aber auch innerhalb des Westjordanlandes gibt es immer wieder israelische Kontrollen.

Es war unmöglich, objektiv zu bleiben

Ich hörte von nächtlichen Verhaftungen, von palästinensischen Familien, die ihre Grundstücke räumen müssen, weil die Mauer dort durchlaufen soll, von Menschen in Ostjerusalem, die ihre Häuser verlassen müssen, weil Israelis darauf Anspruch erheben. Ich sah den geplanten weiteren Verlauf der Mauer nahe Bethlehem, die einzelne Häuser von den Dörfern und ganze Dörfer von ihren Feldern und Olivenhainen abschneiden wird. Es war unmöglich, objektiv zu bleiben, da ich immer wieder mit der einen Seite konfrontiert wurde.

Deshalb war ich auch in Israel selbst. Ich habe einen Jerusalemer Stadtteil besucht, dessen Straßen während der zweiten Intifada vom Westjordanland aus beschossen worden waren. Ich war in Sderot, wo immer wieder Raketen aus dem Gazastreifen einschlagen und alle 500 Meter ein Bunker steht. Ich habe einen jüdischen Siedler im Westjordanland besucht, der mir seine Sichtweise des Konflikts erzählte. Das Argument ist immer das gleiche: Gott hat den Juden dieses Land gegeben, sie waren vor den Arabern hier – und sie haben ja den Krieg gewonnen.

Wut und Frust bei palästinensischen Jugendlichen

„Habt ihr den Konflikt schon gelöst?“, spotteten meine Freunde manchmal, wenn ich wieder mit jemandem in ein Gespräch über das Thema vertieft war. Während gerade bei palästinensischen Jugendlichen immer wieder Wut über die israelische Besatzung, über Einschränkungen der Reisefreiheit und Perspektivlosigkeit hochkochen, reagieren die meisten Erwachsenen mittlerweile hilflos oder zynisch.

Gleichgültigkeit und Angst bei den Israelis

Auf der israelischen Seite der Mauer herrschen ebenfalls zwei Extreme: Gleichgültigkeit und Angst. In der Hitze der Partynächte in Tel Aviv oder an den sonnigen Stränden Haifas ist der Konflikt leicht zu vergessen. Aber auch die Besorgnis des jüdischen Siedlers, der mich mitten im Westjordanland vor den Arabern warnt, ist echt. Und sie ist ein Symptom für das grundlegende Misstrauen, das auf beiden Seiten herrscht.

Begegnungen zwischen den Fronten gibt es selten

Dieses Misstrauen abzubauen, ist nicht einfach. Begegnungen zwischen den Fronten gibt es selten. Wie auch? Palästinenser dürfen höchstens als Arbeiter nach Israel. Israelis haben Angst, ins Westjordanland zu gehen. Die jüdischen Siedlungen im Westjordanland sind mit Mauern und Checkpoints abgeriegelt. Israelische Autobahnen, auf denen Palästinenser zum Teil nicht fahren dürfen, verbinden die Siedlungen mit dem Kernland. Auch arabische Dörfer in Israel sind abgeschottet.

Olivenbäume pflanzen statt Steine werfen

Doch es gibt Lichtblicke: Im Verein „The Parent's Circle“ („Der Elternkreis“) treffen sich Israelis und Palästinenser. Hier sind die Unterschiede überwunden – wegen einer wichtigen Gemeinsamkeit: Alle haben einen Angehörigen in diesem ewigen Konflikt verloren und wollen ihre Landsleute darüber aufklären, dass der Weg zum Frieden nur über Versöhnung führen kann. Dann gibt es da noch die Initiative „Combatants for Peace“ („Kämpfer für den Frieden“) oder die Organisation „Breaking the Silence“ („Das Schweigen brechen“), in denen sich israelische Soldaten engagieren und die Öffentlichkeit über das häufig erniedrigende und gewaltbereite Verhalten der israelischen Armee im Westjordanland aufklären und ein Miteinander statt ein Gegeneinander fordern.

Diese Beispiele machen Mut. Es sind nur kleine Schritte, die sie gehen können, aber jeder junge Soldat, der im Westjordanland Palästinenser als Menschen statt als Feinde sieht, jeder palästinensische Jugendliche, der statt Steine auf israelische Soldaten zu werfen Olivenbäume pflanzt, geht einen Schritt in die richtige Richtung.

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