Die Täuschungen der Lebensmittelverpackungen
Klarheit erwünscht: Beim Internetportal „Lebensmittelklarheit.de“ können sich Verbraucher über Etikettierung und Zusammensetzung von Lebensmitteln informieren – oder sich selbst beschweren, wenn sie sich getäuscht fühlen. Überraschungen sind dabei garantiert.
Frau R. hat sich ein tiefgekühltes Hühnerbrustfilet in Honig-Senf-Marinade gekauft, welches laut Packung zu 100 Prozent aus Hähnchenbrust bestehen soll. „Ich erwarte also eine marinierte Hühnerbrust“, sagt sie. Die Zutatenliste auf der Verpackungsrückseite hingegen dämpft die Vorfreude auf das Mittagessen. „Hähnchenbrustfleisch 76 %, Wasser, Öl, Mehl etc. Das ist in meinen Augen nicht in Ordnung.“ Frau R. fühlt sich getäuscht.
Was auf der Verpackung steht, muss noch lange nicht darin sein
Auf „Lebensmittelklarheit.de“ finden sich zahlreiche Beschwerden, in denen Verbraucher ihren Unmut kundtun. Was auf der Verpackung steht, muss noch lange nicht darin sein: Der Unterschied zwischen der Beschaffenheit des Produkts und der Abbildung ist oftmals zu groß. Anbieter versuchen, ihre Produkte möglichst gut darzustellen. Bei Käufern sorgt das aber oftmals für Verwirrungen.
Zum Start brach die Seite wegen Überlastung zusammen
Mit der Webseite will die Verbraucherzentrale Hessen zusammen mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen einen Dialog anstoßen, der scheinbar schon lange auf sich hat warten lassen. Wie groß die Unsicherheit der Konsumenten ist, zeigte sich unmittelbar nach der Freischaltung des Portals: Die Seite brach vorübergehend wegen Überlastung zusammen. „Lebensmittelklarheit.de“ bietet nicht nur Verbrauchern die Möglichkeit, sich über eine mangelhafte Kennzeichnung der Produkte zu beschweren. Auch der Hersteller hat dort Platz, den vermeintlichen Fehler zu erklären und über die Produktzusammensetzung zu informieren.
„Plattform für fairen Austausch“
Im Fall von Frau R. schreibt der Anbieter: „Durch den Störer ‚mit 100 % marinierter Hähnchenbrust‘ wird unseres Erachtens deutlich, dass es sich um ein Produkt handelt, dessen Fleischanteil zu 100 % vom Hähnchen stammt, aber noch andere Zutaten enthält.“ Wie Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) zur Eröffnung des Online-Portals sagte, solle „die neue Plattform einen fairen und sachlichen Dialog zwischen Verbrauchern und der Lebensmittelwirtschaft“ ermöglichen. Daher werde das Projekt die nächsten zwei Jahre auch mit rund 800.000 Euro gefördert.
„Keine Schmähkritik“
Vielfach wurde von Wirtschaftsvertretern bereits kritisiert, dass die Nahrungsmittelindustrie durch „Lebensmittelklarheit.de“ öffentlich bloßgestellt würde. Diesen Vorwurf streitet Gerd Billen vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) allerdings ab, wie die Tageszeitung „Die Welt“ berichtet. Auf der Plattform werde es keine „Schmähkritik“ an einzelnen Firmen geben, versicherte er. Letztlich könne auch die Lebensmittelindustrie von dem Portal profitieren. Zudem würden alle Beschwerden von einer Redaktion geprüft, bevor sie im Internet veröffentlicht würden.
„Getäuscht“, „geändert“ oder „erlaubt“
Die Webseite unterteilt die Produkte mit irreführenden, gar fehlerhaften Angaben in die Kategorien „getäuscht“, „geändert“ und „erlaubt“. Denn was der Konsument als Täuschung empfindet, ist oftmals völlig legal. So dürfen Kalbswürstchen beispielsweise als diese bezeichnet werden, auch wenn nur 15 Prozent der Wurstware tatsächlich vom Kalb stammen.
Der Ursprung der Webseite liegt in der Lebensmittelindustrie selbst
Doch ist das Portal nur ein Glied in einer langen Kette. Denn der Ursprung dieser Webseite liegt gar in der Lebensmittelindustrie selbst. Wäre eine korrekte und eindeutige Kennzeichnung der Produkte gewährleistet, könnte der Verbraucher auf Internetportale wie „Lebensmittelklarheit.de“ verzichten und mit Genuss ein eindeutig ausgewiesenes Hühnerbrustfilet essen.


