Die Paare der Einheit

Als Deutschland vor 20 Jahren wiedervereinigt wurde, waren sie gerade einmal im Kindergarten oder in der Schule und dachten bestimmt noch nicht ans Heiraten. Doch wäre Deutschland nicht wieder eins geworden, hätten sie vielleicht nie zusammengefunden – junge Ehepaare, bei denen ein Partner aus den neuen und der andere aus den alten Bundesländern kommt. Was bedeutet ihnen die Wiedervereinigung und was musste bei ihnen persönlich erst zusammenwachsen?
  • Alle Fotos: privat

 

Mein Papa ist Pfarrer, mein Opa war Pfarrer und der andere Opa Katechet. Insofern hatten diese drei durchaus ihre Erfahrungen mit dem DDR-Regime gemacht, die ich selbst aber nur aus Erzählungen kenne. Vor vier Jahren lernte ich meinen Mann auf der Logos II – einem Missionsschiff von OM (Operation Mobilisation) – in der Karibik kennen. Bis auf die Unterschiede im Dialekt haben wir aber keine großen kulturellen Differenzen festgestellt. Offenbar spielt es für unsere Generation keine so große Rolle mehr, aus welchem Landesteil Deutschlands man kommt. Wünschenswert wäre ein stärkerer Austausch zwischen Christen aus Ost und West. Beispielsweise könnten Jugendverbände aus den ,neuen’ und ,alten’ Bundesländern gemeinsame Freizeiten veranstalten.“
Die gebürtige Sächsin Elisabeth (27) und Johannes Hildenbrand (26) aus Mosbach sind seit November 2007 verheiratet. Heute wohnen sie in Mosbach bei Heidelberg.

„Erstmals begegnet sind wir uns Ende 2006 im Bibel-Center Breckerfeld (bei Hagen). Jakob ging bereits seit einigen Jahren dorthin zum Gottesdienst und zur Abendbibelschule. Dorothee zog von Pockau im Erzgebirge her, um in der Küche der Bibelschule zu arbeiten. Seit Mai 2009 sind wir verheiratet. Dorothee stellte fest, dass in ihrer neuen Heimat das Geld lockerer sitzt. Jakob kann es bis heute nicht verstehen, dass viele Leute im Erzgebirge übers Jahr viel sparen, um dann zur Adventszeit fast ununterbrochen die aufwendige Fensterbeleuchtung brennen zu lassen. Nichts-destotrotz: Die Wiedervereinigung ist für uns beide ein Grund zum Danken, da es nun für alle Deutschen Reise- und Glaubensfreiheit – Dorothees Eltern durften aufgrund ihres christlichen Glaubens in der DDR kein Abitur machen – gibt.“
Der gelernte Baumschul-Gärtner Jakob (24) und die Sächsin Dorothee Winterhoff (25) leben in Wuppertal.

„Wir haben uns in der Schule kennengelernt, seit 2002 sind wir ein Paar. Zwar hatten wir beide keine Vorurteile gegenüber ,Ossis’ bzw. ,Wessis’, doch musste Miriam nach dem Umzug von Leipzig nach Hanau feststellen, dass sich viele Mitschüler über ihren Dialekt lustig machten. Sie hatten offenbar ein ziemlich schlechtes Bild von ihren Mitbürgern aus der Ex-DDR. Bei Tobias und seiner Familie spielte das aber keine Rolle. Gleichwohl stellten wir kulturelle Unterschiede fest, vor allem in der Erziehung. Ich (Miriam) habe den Eindruck, dass es im Westen für die Eltern selbstverständlicher ist, die jungen Erwachsenen länger (finanziell) zu unterstützen, während ostdeutsche junge Leute früher selbstständig werden müssen. Was uns traurig stimmt ist, dass viele Deutsche den jeweils anderen Teil nur von der Landkarte kennen. Oft herrschen bis heute Desinteresse bis hin zu Ablehnung vor. Besser wäre es, sich kritisch mit der anderen Kultur auseinanderzusetzen.“
Die landeskirchliche Jugendreferentin Miriam (26) und der Unternehmensberater Tobias Hoffmann (27) sind seit 2007 verheiratet. Mit ihrem sechs Monate alten Sohn Elija wohnen sie in Köln.

„Wir haben uns auf einer Hochzeit in Letschin/Brandenburg kennengelernt: Der Bruder von Tobias-Jonathan heiratete eine Freundin von Carmen. Seit August 2008 sind wir verheiratet. Tobias-Jonathan (gebürtig aus Prieros/Brandenburg) hatte gegenüber den Bürgern aus den alten Bundesländern durchaus Vorbehalte: Wessis sind Warmduscher, nehmen die Führungspositionen weg, sind humorlos und haben nur sich selbst im Blick. Doch je mehr wir uns kennenlernten, desto mehr verschwanden diese Vorurteile. Eine Eigenschaft habe ich (Tobias-Jonathan) aber bis heute: Ich kann Dinge nur schwer wegwerfen, weil ich meine, sie irgendwann wieder gebrauchen zu können. Das liegt wohl an den Entbehrungen aus DDR-Zeiten. Auch 20 Jahre nach der Einheit glauben wir, dass es vor allem bei der älteren Generation mitunter eine ,Mauer im Kopf’ gibt. Ich (Carmen) denke, dass die Wiedervereinigung noch so lange dauern wird, wie Deutschland geteilt war.“
Die Psychologin Carmen (27) stammt aus Stockach/Bodensee. Mit ihrem Mann Tobias-Jonathan Rottmann (30) – Referendar für das Sonderschullehramt – wohnt sie in Goslar.

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