Die neue Lust am Tauschen

Brauchst Du neue Klamotten, aber Dein Kontostand lässt keine Einkäufe zu? Hast Du den Konsumrausch in den Einkaufsmeilen satt? Dann solltest Du Dich mal schlau machen, ob es in Deiner Nähe vielleicht eine „Givebox“ (Verschenkkasten) oder einen „Umsonstladen“ gibt. Das Tauschen erlebt in Deutschland derzeit eine regelrechte Renaissance. Auch in Österreich und der Schweiz gibt es erste Anzeichen dafür.
  • Fotos: (1) Giveboxen in Siegen (Wikipedia) und Berlin (Flickr/nikolayhg1), (2) Auch auf Veranstaltungen trifft man immer häufiger auf Giveboxen, wie hier beim McPlanet.com-Kongress (Flickr/_bundjungend), (3) Der Umsonstladen der Jesus Freaks in Nürnberg (Johanna Zwinscher-Drozak)

 

„Sharing is caring“ (Teilen bedeutet Fürsorge tragen), steht über dem Holzverschlag in der Kleinstraße in Berlin-Mitte. Nicht viel größer als eine Telefonzelle ist die „Givebox“, in der neben Büchern, Schuhen, CDs und Blumentöpfen auch getragene Hemden und Röcke hängen. Wer hier vorbeikommt, kann sich kostenlos mitnehmen, was ihm gefällt, und zugleich für andere Leute Dinge zurücklassen, die er selbst nicht mehr braucht. Gebaut hat die Geschenkekiste ein junges Paar aus Berlin, das doppelte Utensilien aus dem gemeinsamen Haushalt aussortiert hatte. Wegschmeißen kam für die beiden aber nicht infrage – und so zimmerten sie im August 2011 die weltweit erste „Givebox“.

500 Facebook-Fans in drei Tagen

Seitdem hat die Idee des Paares Tausende begeisterte Anhänger und zahlreiche Nachahmer gefunden. In den meisten deutschen Großstädten – und auch in vielen kleineren Orten – gibt es die mannsgroßen Tauschzentralen inzwischen. Vor allem über das soziale Netzwerk Facebook wird die Idee immer weitergetragen. Sie animiert vornehmlich junge Leute, selbst eine „Givebox“ aufzustellen. Eine Bauanleitung für den etwa 120-200 Euro teuren Miniladen kann sich jeder im Internet herunterladen; Mitstreiter sind meist schnell gefunden. Als Silke Roggermann z. B. den Beschluss fasste, auch in Düsseldorf eine „Givebox“ ins Leben zu rufen, und dafür eine Seite bei Facebook erstellte, hatten sich nach nur 3 Tagen schon 500 „Fans“ gefunden – darunter einige, die den Bau schließlich organisierten. Inzwischen stehen in Düsseldorf sogar schon 4 „Giveboxen“.

Ein Zeichen gegen den Konsumwahn setzen

Die Verschenkkästen sind aber nicht nur deshalb so beliebt, weil man sich kostenlos etwas daraus mitnehmen kann. Vielmehr stehen die kleinen Verschläge für eine Haltung, der sich immer mehr Menschen verbunden fühlen: Sie wollen ein Zeichen setzen gegen die alltäglich gewordene Wegwerfmentalität und gegen das Streben nach Geld und unnötigen Profit. Gleichzeitig sind die Tauschbuden in vielen Stadtvierteln zu einem sozialen Treffpunkt geworden: Menschen, die schon lange Tür an Tür wohnen, begegnen sich plötzlich dort und unterhalten sich zum ersten Mal. Adam schreibt auf Facebook: „Ich wohne direkt neben der ‚Give­box‘. Seit sie existiert, ist die Laune der Menschen wesentlich besser geworden. Wer hier steht, hat immer ein Lächeln im Gesicht. Oft habe ich beim Stöbern schon interessante Menschen kennengelernt.“ Kommuniziert wird aber nicht nur vor Ort: Auch eine Pinnwand und ein Gästebuch gehören zum Inventar jedes Häuschens. So kann man sich mit anderen Tauschfreunden austauschen, Dinge anbieten, die für die Box zu groß sind – oder einfach nur „Danke“ sagen.

Die Tauschaktion kennt nur 2 Regeln

Das Prinzip, dass hier jeder mitmachen kann und willkommen ist, lässt bei vielen Menschen die „soziale Ader“ schlagen. So kursiert im Internet die Geschichte, dass eine Frau schmutzige Klamotten aus einer „Givebox“ mit nach Hause nahm, sie wusch und dann wieder zurückbrachte. Andere kommen und räumen auf, wenn es nötig ist. Denn für die Holzhäuschen sind alle Nutzer zuständig. Es gibt nur 2 Regeln: 1. Was keiner mitnimmt, muss nach 2 Wochen wieder abgeholt werden, damit die Givebox nicht „vermüllt“. 2. Was man mitnimmt, darf man nicht weiterverkaufen.

In Mainz hat die pfiffige Idee auch die Evangelische Jugend und das Stadtjugendpfarramt „infiziert“. Neben dem sozialen Gesichtspunkt begeistert die jungen Leute vor allem der Nachhaltigkeitsaspekt des Tauschens: „Es spart die Produktion neuer Güter und die Energie fürs Recycling weggeworfener Dinge“, erklärt Stadtjugendpfarrer Uli Sander. Obwohl die „Givebox“ erst vor einem Monat aufgebaut wurde, ist sie „schon prall gefüllt mit Büchern, Bildbänden, DVDs, Vasen und Kleidung“.

Der Andrang bei den Umsonstläden ist groß

Wer keine „Givebox“ in seiner Nähe findet und sich auch nicht berufen fühlt, selbst eine ins Leben zu rufen, hat noch andere Möglichkeiten. Denn das Konzept ist eigentlich nicht neu. In den letzten Jahren sind deutschlandweit über 60 – meist ehrenamtlich betriebene – „Umsonstläden“ entstanden, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Jedoch haben sie feste Öffnungszeiten und ein Team von Helfern, das für Ordnung sorgt. Denn der Andrang ist enorm – das „Geschäft“ brummt. Das erlebt Johanna Zwinscher-Drozak jeden Sonnabend: Wenn sie kurz vor 11 Uhr den Nürnberger „Umsonstladen“ aufschließt, warten meist schon etliche Menschen vor der Tür. Und zwar nicht nur Leute, die etwas mitnehmen wollen: Mancher Nürnberger bringt ganze Umzugskartons voll ausrangierter Utensilien vorbei. Sogar Computer, eine Nähmaschine und ein Kühlschrank wechselten schon den Besitzer. Drei Artikel darf jeder pro Besuch mitnehmen. Ausgenommen von dieser Regel sind Bücher und Klamotten, denn die werden massenweise abgegeben. Wichtig ist Zwinscher-Drozak, dass der Laden nicht als Sozialeinrichtung betrachtet wird: Jeder ist eingeladen, Sachen abzugeben – und auch mitzunehmen. Getragen wird das Projekt von einer Gruppe junger Christen, die den „Jesus Freaks“ – einer evangelikalen Jugendbewegung – angehört.

Lies, wie Du selbst eine „Givebox“ ins Leben rufen kannst.
Hier findest Du eine Liste von Umsonstläden

Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.