Die neue digitale Protestkultur

„Ich bin dagegen!“ Auf dem eigenen Blog schnell verkündet, auf Facebook die ersten Anhänger rekrutiert, eine passende Webseite gestaltet – und fertig ist der virtuelle Protest. Das Internet macht zivilen Widerstand so einfach, dass viele virtuelle Proteste kaum ernst zu nehmen sind. Doch gerade bei weitreichenden Protesten ist das Internet nicht mehr wegzudenken – wie man im „Arabischen Frühling“ immer wieder gesehen hat.
  • Israel: Vor allem über das Internet verbreitete sich der Protest über die sozialen Missstände. Foto: dpa

 

Das Internet hat die Protestkultur verändert. Die Weiße Rose lies Flugblätter ins Treppenhaus der Münchner Universität regnen, in den 60ern und 70ern waren Massenproteste und gewaltfreier Widerstand in aller Öffentlichkeit beliebt. Was hätte die Weiße Rose heute gemacht? 

Nur ein weiteres Medium?

Wo früher Flugblätter verteilt wurden, werden heute Facebook-Gruppen gegründet. Denn das Internet ist erstmal nur ein weiteres Medium – das aber vieles einfacher macht. Webseiten und Internet-Gruppen bleiben länger bestehen als ein Plakat in der Stadt. Und sie erreichen viel mehr Menschen als ein Informationsstand in einer Fußgängerzone. „Wir sehen also eine Verschiebung bei der Repräsentation“, bringt es der österreichische Protestforscher und Kulturwissenschaftler Klaus Schönberger auf den Punkt.

Webseiten seien wie Flugblätter, Online-Petitionen nur herkömmliche Unterschriftenlisten, sagt Schönberger. In der Hinsicht unterscheidet sich der virtuelle Protest kaum vom Offline-Protest. Doch eine Sache hat das Internet erheblich vereinfacht: Kräfte können viel schneller und weitreichender mobilisiert, Proteste viel einfacher und effektiver koordiniert werden.

Wenn die Palästinenser in dieser Woche ihren Staat ausrufen wollen, ist es kein Problem über Facebook und Co. zeitgleich in New York, Berlin, Sydney und Ramallah Demonstrationen zu organisieren.

Protest-Plattform für politische Außenseiter

Durch seine weitgehende Anonymität locken Protest-Aufrufe im Internet auch Menschen hinter ihren Computern hervor, die sich sonst vielleicht weniger Gedanken über gesellschaftliche Missstände machen, die sich selbst als unpolitisch sehen oder einfach normalerweise nicht bei Protesten mitmachen würden. Gerade über das weltweite Netzwerk Facebook werden so auch Menschen, die sich selbst nicht aktiv über politische und gesellschaftliche Probleme informieren, erreicht.

Weltweit vor Ort

Auch die Koordination von Demonstrationen und Protesten hat das Internet wesentlich vereinfacht. Die Jugendlichen, die in spanischen Städten Plätze besetzten und ihre Wut und Perspektivlosigkeit in die Welt schrien, vernetzten sich schon schnell nicht mehr nur über Facebook, sondern auch über selbst programmierte Tools. Weltweite Proteste sind durch das Internet möglich. Versammlungen können per Skype oder Google+ gehalten werde, mit Menschen aus aller Welt, die dafür gar nicht vor die Haustür müssen. Ein Computer und ein Internetanschluss - selbst in vielen armen Ländern ist das schon machbar.

Doch auch der scheinbar anonyme Protest im Internet kann gefährlich sein. Viele Blogger sitzen in Ländern ohne Meinungsfreiheit im Gefängnis, zusammen mit Journalisten und Freiheitskämpfern. Aber zur gleichen Zeit gibt es in anderen Ländern Menschen, die Aufrufe gegen diese Verhaftungen starten, die in großen Massen Regierungen unter Druck setzen und nachfragen, wenn wieder jemand verschwunden ist.

Nicht nur Facebook ist dabei

Während bei uns Meinungen und Aufrufe zu kleineren Widerständen auf Facebook und in Blogs die Runde machen, ist in vielen anderen Ländern vor allem YouTube  von großer Bedeutung: Als Syrien seine Grenzen dicht machte, Journalisten aus dem Land warf und eine allgemeine Nachrichtensperre verhängte, waren es Amateurvideos auf der Videoplattform, die die Welt weiterhin an den Auseinandersetzungen im Land teilhaben ließen, die die Übergriffe von Soldaten auf Demonstranten und den verzweifelten Kampf Assads gegen sein Volk dokumentierten.

Zeugen im Netz

Facebook vernetzt, YouTube hingegen bringt die Internetnutzer aus aller Welt nahe an jedes Geschehen heran, das von einer Kamera bezeugt werden kann. Und diese Videos machen letztendlich Menschen auf der ganzen Welt klar, wofür es sich zu protestieren lohnt. So wie die letzten Momente von Neda, einer jungen Iranerin, die sich vor zwei Jahren den Protesten gegen die Regierung anschloss und durch einen Schuss in den Brustkorb öffentlich starb.

Man mag die Veröffentlichung ihres Todeskampfes als voyeuristisch verurteilen, andererseits vor allem durch Einzelschicksale Anteilnahme und Mitgefühl. Erst dadurch, dass Menschen auf der ganzen Welt im Internet Zeugen von Ungerechtigkeit werden, werden weltweite Proteste geweckt. Und oft ändern Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Religion Ungerechtigkeiten erst, wenn die ganze Welt hinschaut.

Facebook ist ein erster Schritt

Es muss ja nicht gleich der arabische Frühling sein. Auch kleinere und weniger wagemutige Proteste können im Internet beginnen. Und dort auch Leute erfassen, die sonst nicht mit auf die Straße gehen würden. Der „Gefällt mir“-Button ist ein erster Schritt, ein quasi öffentliches Bekenntnis für eine bestimmte Meinung oder Vorstellung. Und wer ihn anklickt, hat sich meistens wenigstens ein wenig Gedanken über das Thema gemacht. Und wenn dann der Castor-Transport durch den eigenen Vorgarten rollt, Rechts- oder Linksextremisten auf dem eigenen Marktplatz demonstrieren, dann protestieren vielleicht auch die dagegen mit, die sonst lieber im Internet rumhängen.

Ohne Offline-Aktivitäten geht es aber nicht

Allerdings ist so ein "Gefällt mir"-Button auf Facebook schnell angeklickt. Als Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg über seine abgeschrieben Doktorarbeit stolperte, unterstützten viele Sympathisanten den gefallenen Politiker im Internet. An den Demonstrationen zur Unterstützung zu Guttenbergs nahm allerdings kaum jemand teil. Denn wer den "Like"-Button drückt, mag zwar hinter seiner Meinung stehen, doch der Schritt auf die Straße erfordert noch etwas mehr. Facebook, Twitter, Blogs und Co. sind aus der modernen Protestkultur nicht mehr wegzudenken. Trotzdem sind es nur Werkzeuge, die den Protest zwar leichter machen, aber nicht ersetzen. Die Umstürze in Tunesien oder Ägypten wären nicht möglich gewesen ohne die Menschen, die hinter ihren Computern hervorkamen und – selbst unter Lebensgefahr – auf die Straße gingen, um offline und ganz real gegen Ungerechtigkeit zu protestieren.

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