Die Komik der Wichtigkeit
Es ist fast schon hohe Schauspielkunst: Pressekonferenzen zelebrieren Wichtigkeit bis zum „Geht-nicht-mehr“. Am Ende kommt dabei aber selten mehr als heiße Luft heraus. Am 3. November trafen sich im Kanzleramt die Chef-Integrierer zum „Integrationsgipfel“. Danach gab es selbstverständlich – eine ganz wichtige Pressekonferenz.
Gipfel ohne Wendepunkt
„Integrationsgipfel“ – das klingt wichtig. Doch er findet nicht, wie der Name es vermuten ließe, auf der Zugspitze statt, sondern in tristen Büroräumen. Nun haben solche Gipfel, die seltsame Eigenschaft, gerade keine Wendepunkte zu markieren. Auf diesen öden Konferenzen werden auch keine bahnbrechenden Entscheidungen getroffen. Vielmehr einigen sich alle darauf, es müsse jetzt so weitergehen wie bisher. Immer der Nase nach, immer im Gleichschritt mit den Anderen – ohne anzuecken.
Die Verspätung signalisiert Wichtigkeit
Trotz dieser Einigkeit und vermutlich kurzweiligen Diskussionen in den Büroräumen beginnt der Integrationsgipfel also eine Viertelstunde zu spät. In der Universität nennt man so etwas „cum tempore“. Das meint: Eigentlich müsste es in diesem Fall halb vier losgehen, aber – das weiß doch jeder – vor dreiviertel vier regt sich hier gar nichts. Die Verspätung signalisiert Wichtigkeit. Wir, die Wichtigen, hatten noch zu tun – letzte Entscheidungen, Gespräche oder doch nur Kaffeeklatsch und eine wohlverdiente Zigarette?
Zwei, drei Minuten wichtig tun
Dann nehmen sie Platz: Angela Merkel und symbolträchtig direkt daneben Kenan Küçük, ein Migrant und jetzt Geschäftsführer des multikulturellen Forums ist. Die anderen blassen Gesichter kennt keiner, aber auch sie dürfen reden und zwei, drei Minuten wichtig tun.
Zu jeder wirklich megawichtigen Pressekonferenz, egal ob beim Deutschen Fußballbund (DFB) mit Prinz Poldi zur WM, zum Loveparade-Unglück oder beim Streit um Stuttgart 21, immer wenn es also wirklich wichtig wird, muss es ein Blitzlichtgewitter geben. Danach zoomen die Fernsehkameras zurück, damit auch jeder die Journalisten- und Fotographenmeute sieht.
Einer spielt den Spielverderber
Heute gibt es einen kleinen Dissens: Multikulti – Realität oder Tod? Die ersten Redebeiträge beginnen gemächlich und spätestens jetzt weiß man, dass es hier nichts Neues zu erfahren gibt. Die Schlagworte fallen: Gewaltprävention, Integrationskurse und Sprachunterricht – überhaupt Sprache, das ist ja heute das aller-, allerwichtigste. Da sind sich alle einig. Doch einer spielt den Spielverderber. Nicht mit einem Frontalangriff, aber mit einer kleinen Spitze. Es dauert eine Weile, bis Kenan Küçük an der Reihe ist. Er betont, Multikulti sei längst Realität in Deutschland. Ja, der Islam gehöre selbstverständlich zu Deutschland, eifert er Bundespräsident Christian Wulff nach.
Dissens, endlich!
Und das ist die einzige Nachricht, die sich an diesem Nachmittag zu verbreiten lohnt. Küçük hat gesagt: „Multikulti ist Realität“. Und Merkel vor einiger Zeit und auch heute: „Multikulti ist tot.“ Dissens, endlich! Ein Scherz zum Abschluss darf nicht fehlen Die Journalisten vor Ort wittern Morgenluft. Nun können sie einhaken. Aber die Chance vergeht und schnell wird es wieder bürokratisch, als eine Kollegin ihre sorgfältig zurecht gelegte Frage abliest: „Ist Integration eigentlich nur eine Geldfrage?“ Eine routinierte Antwort folgt, bald ist Schluss, weil die Kanzlerin den nächsten Termin wahrnehmen muss.
Fazit: Ein launiges Schlusswort
Als humoristischen Abschluss betont einer der blassen Beisitzer, die Deutschen sollten doch mehr Mut zu Mischehen haben. Hier müsse auf dem Heiratsmarkt was getan werden. Gelächter! Wir geben zurück ins Studio und was sagt dort die Moderatorin des Nachrichtensenders? Wir hätten ein launiges Schlusswort erlebt. Na, wenigstens etwas.
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