Die gläubigen Datendiebe
Manchmal kann es so einfach sein: Möchte jemand in den Vereinigten Staaten eine Kirchengemeinschaft gründen, ist das dort mitunter einfacher als den Schriftverkehr mit der eigenen Krankenversicherung zu erledigen. Ähnlich muss es auch in Schweden gehen, werden sich die Anhänger der dortigen Piratenpartei gedacht haben. Ihr Ziel: Filesharing als Religion anzuerkennen.
Ihr Ziel: Kopieren ohne strafrechtliche Folgen
Die „Missionary Church of Kopimism“ hat in der Tat eine Mission: Es geht ihr allerdings weniger um Nächstenliebe oder ähnlich ehrenwerte Ziele. Vielmehr verlangen sie, dass das Verteilen und Kopieren von digitalen Inhalten gesetzlich erlaubt werden soll. Als anerkannte Religionsgemeinschaft, die im Filesharing ihre Grundauffassung sieht, hätten sie fortan keinerlei strafrechtliche Folgen für illegales Kopieren im Netz zu befürchten.
Ohne Gebete keine Religion
Doch die schwedische Regierung machte den Internetpiraten einen Strich durch die Rechnung und lehnte den ersten Antrag im Frühjahr mit der Begründung ab, dass eine religiöse Vereinigung unter anderem formalisierte Gebete benötige. Doch die Piraten gaben nicht auf: sie stellten einen erneuten Antrag. Aber auch dieser wurde jetzt vom Staat abgewiesen. Stockholm wies erneut darauf hin, dass Filesharing einfach keine Religion sein könne, weil es jeglicher Grundlage fehle, die eine Religion ausmache.
LAN-Partys als Gottesdienstersatz?
Und überhaupt: wie soll man sich das Gemeindeleben in der „Missionary Church of Kopimism“ vorstellen? Gemeinsame LAN-Partys am Sonntag als Gottesdienstersatz? Thematische Downloads an Freitagen? Macht jeder Anhänger dann auf offiziellen Dokumenten, in denen die Glaubensrichtung angegeben werden muss, ein Kreuz bei Filesharer? Fehlt nur noch, dass sie behaupten, Computerexperte Tim Berners-Lee hätte das Internet in sieben Tagen erschaffen. Nein, liebe Schweden, so geht das natürlich nicht. Zu einem religiösen Bekenntnis gehört ein wenig mehr als die bloße Überzeugung, dass das eigene Tun richtig ist.
Publicity für die Piratenpartei
Der Versuch, Filesharing als Religion anerkennen zu lassen, scheint dann auch vielmehr der Versuch, auf die sehr gegensätzlichen Position in der Debatte um die Rolle von geistigem Eigentum in Zeiten der weltweiten Vernetzung aufmerksam zu machen. So gesehen hat es die Piratenpartei mit ihren Anträgen zumindest in die Schlagzeilen geschafft.
Grenzenlose Internetfreiheit und grenzenlose Gleichgültigkeit
Und die Debatte muss nach wie vor geführt werden: Wenn heute eine Datei in Bruchteilen einer Sekunden von einem Computer auf den anderen kopiert wird – wen interessiert da schon der Urheber? Grenzenlose Internetfreiheit geht bei vielen Usern einher mit grenzenloser Gleichgültigkeit in Sachen Urheberrechte. Aber mit grenzenlosem Glauben hat das nichts zu tun.
Was in Punkto Urheberrecht wirklich erlaubt ist und was nicht, erklärt Dir unser Beitrag „Runterladen, brennen, verschenken - Was darf ich?“



