Die Epistemologie der Bibel
Epistemologie ist das Fremdwort für Erkenntnistheorie. Erkenntnistheorie befasst sich mit der Frage ob es eine objektive Wahrheit gibt und falls ja, wie man sie denn erkennen kann.
In christlichen Kreisen macht man es sich mit diesem Thema meist viel zu leicht. Man verweist auf Johannes 14,6 wo Jesus sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, wenn nicht durch mich." Wenn Du also Jesus hast, so die Antwort, dann hast Du die Wahrheit. Thema erledigt.
Wer mit dieser Frage seine Not hat, dem hilft das nicht so recht weiter. Und wer so antwortet, der nimmt den Fragenden nicht ernst. Doch zum Glück ist für die Bibel das Thema mit dem oben genannten Zitat eben nicht erledigt. Die Bibel gibt uns eine klare Auskunft darüber, woran man die Wahrheit erkennt, und was die Hürden sind, die es auf dem Weg zu ihrer Erkenntnis zu nehmen gilt.
Realität ist nicht gleich Wahrheit
Realität ist all das, was wir wahrnehmen können. Die Wahrnehmung eines Menschen ist aber von seinem Glauben abhängig. Die kognitive Psychologie hat nachgewiesen, dass Tatsachen, die unserem Glauben entsprechen, wahrgenommen, und Tatsachen, die nicht unserem Glauben entsprechen, von unserer Wahrnehmung ausgeblendet werden.
Dasselbe erläutert Jesus im Gleichnis vom Sämann (Matthäus 13,3-23). Jeder bekommt dasselbe Wort Gottes, dieselbe Wahrheit angeboten, aber nicht jeder kann die Wahrheit erkennen, weil sein Glaube wie ein Filter für seine Wahrnehmung wirkt. Jesus nennt mehrere Beispiele für solche Filter.
Umgekehrt bestimmt unser Glaube unsere Handlungen. Das führt häufig zu einer positiven Rückkopplung: Nehmen wir an, jemand ist duch schlechte Erfahrungen mit Autoritätspersonen geprägt worden, wie z.B. Eltern, Lehrer oder Vorgesetzte. Aufgrund dieser Erfahrungen verhält er sich gegenüber Autoritätspersonen misstrauisch und rebellisch. Die Autoritätspersonen hingegen müssen rebellisches Verhalten bestrafen. So wird aber der Glaube des Betroffenen, dass Autorität etwas schlechtes sei, regelmäßig bestätigt.
Glaube ist gleich Realität
Unser Glaube filtert also unsere Wahrnehmung, und er bestimmt unser Handeln. Beides führt dazu, dass er sich regelmäßig selbst bestätigt. Aus diesem Kreislauf ist nur schwer auszubrechen.
Aus diesen Zusammenhängen kann man folgendes schließen:
- Unsere Realität deckt sich immer mit unserem Glauben.
- Realität ist subjektiv. Es gibt so viele Realitäten, wie es Menschen gibt.
- Deswegen ist Realität nicht dasselbe wie Wahrheit, denn Wahrheit ist, wenn es sie denn gibt, objektiv.
Damit sind wir an einer zentralen Erkenntnis angelangt. Glaube ist nicht, wie man oft meint, das Vertrauen auf eine andere Realität als die, die man unmittelbar wahrnimmt, sondern Glaube ist im Gegenteil das Vertrauen in all das, was wir als real erleben. Hier deckt sich die Aussage der Bibel mit der Erkenntnis der kognitiven Psychologie.
In der Bibel begegnen wir diesem Phänomen an vielen Stellen. So wurde beispielsweise Jesus von den Pharisäern nicht als der Messias erkannt, weil er nicht ihrer Vorstellung vom Messias entsprach. So war allein der Umstand, dass Jesus gefangen genommen und vor Gericht gestellt wurde ein Beleg, dass er nicht der Messias sein konnte, weil das im damaligen Verständnis vom Messias unvorstellbar war (Markus 14,62-64). Ein weiteres Beispiel ist die Geschichte von dem Blindgeborenen (Johannes 9), wo die Menschen nach seiner Heilung nicht mehr glaubten, dass er mal blind war. Diese Tatsache wurde von ihrem Glauben schlichtweg ausgeblendet.
Umgekehrt sagt die Bibel auch deutlich, dass unser Glaube unser Handeln bestimmt (Jak 2,14), und dass man gerade an unserem Handeln erkennen kann, was wir im tiefsten Herzen tatsächlich glauben.
Eine neue Realität
Wenn also der Glaube immer unserer Realität entspricht, dann können wir umgekehrt unsere Realität ändern, indem wir unseren Glauben ändern. Nichts anderes ist gemeint mit Jesu Aufforderung: "Tut Buße und glaubt die gute Nachricht!" (Markus 1,15). Auch Paulus schreibt, dass wir durch die Erneuerung unseres Sinnes verwandelt werden (Röm 12,2), und dass wir Jesus ähnlicher werden, wenn wir ihn anschauen (2. Korinther 3,18). Mit anderen Worten: unser Charakter - und damit unsere Verhaltensweise - ändert sich, wenn sich unser Denken, unser Glaube, ändert.
Glaube geht also nicht an unserem Verstand vorbei, sondern im Gegenteil: er geht nur über unseren Verstand!
Unser Denken muss verändert werden, damit unsere Realität eine andere werden kann. Jesus selbst hat das Denken der Menschen gezielt mit vernünftigen Argumenten angegriffen, z.B. beim Thema Sorgen (Matthäus 6,25-34). Das entspricht der Methode der Rational-Emotiven Therapie, dem Vorläufer der modernen kognitiven Verhaltenstherapien (die übrigens die einzigen Therapien sind, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte).
Damit ist das biblische Verständnis von dem, was Glaube ist, die wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Seelsorge.
Was ist Wahrheit?
Für uns Christen ist die Erkenntnis Gottes das Höchste, was man sich an Wahrheit vorstellen kann. Und dazu gibt Johannes eine zentrale Aussage:
"Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe." (1. Johannes 4,8)
Die Erkenntnis Gottes, und damit die Erkenntnis der Wahrheit, hat Liebe zur Folge. Oder: daran lässt sich die Wahrheit erkennen, dass sie Liebe auslöst.
Eine weitere zentrale Aussage stammt von Jesus und wurde ebenfalls von Johannes überliefert:
"Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt." (Johannes 13,35)
Daraus lässt sich folgern:
- Die Liebe ist das entscheidende Kriterium für die Wahrheit.
- Die Liebe ist das entscheidende Transportmittel für Wahrheit, d.h., die entscheidende Kraft, die Menschen von der Wahrheit überzeugen kann.
Wegen dem oben geschilderten Kreislauf von Glaube und Realität ist es eigentlich sehr unwahrscheinlich, dass jemand jemals seinen Glauben ändert. Aber die Liebe hat die Kraft, genau das zu bewirken.
Wer also meint, sein Glaube, seine Weltanschauung oder sein Lebensentwurf sei anderen überlegen, der soll das an Hand seiner Liebe beweisen! Das wäre ein Wettbewerb, vor dem sich keiner zu fürchten bräuchte. Wenn die Liebe der Maßstab wäre, anhand dessen diese Fragen entschieden würden, dann lebten wir schon allein deswegen in einer besseren Welt!
Diese Zusammenhänge sind so erstaunlich, dass sie eigentlich nur vom Gott der Bibel erdacht werden konnten. Ich bin begeistert von diesem Gott und seiner Botschaft!
Doch wirft diese Erkenntnis umgehend weitere Fragen auf:
- Was genau ist eigentlich Liebe?
- Welche Konsequenzen hat die Liebe als Maßstab für die Auslegung der Bibel?
- Was ist denn nun die Wahrheit, die wir glauben sollen?
Lies mehr dazu im Beitrag „Was ist eigentlich Liebe?“.
6 Kommentare wurden bereits abgegeben
-
6.schrieb am 19.12.2010 18:47
Ja, nun möchte ich abschließend zusammenfassen, was ich für mich aus diesem Artikel und den interessanten Kommentaren gelernt habe!
Die Ausgangsfrage ist eine Doppelfrage:
1. Gibt es eine objektive Wahrheit ? und
2. Woran erkenne ich sie?
Zu 1: Die objektive Wahrheit ist das fleischgewordene Wort. Das entspringt aus der subjektiven Wahrheit, der Person, die vollmächtig von sich behaupten kann:" Ich bin die Wahrheit!" JESUS CHRISTUS !
Zu 2: Bis zu dem Zeitpunkt in dem wir verherrlicht und ihm gleichgestaltet werden gilt sein Wort als die absolute Wahrheit. Der Maßstab an dem sich unser Handeln und unser Leben messen lassen muß! Alles menschlich - fleischliche denken kan bestenfalls Richtigkeit sein, aber niemals Wahrheit!
Ich wünsche allen Kommentatoren eine gesegnete Weihnachtszeit!
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns......!
Horst Petri
-
5.schrieb am 18.12.2010 23:11
Hallo,
grundsätzlich einmal finde ich es sehr gut, dass sich auch über so wichtige Themen wie Epistemologie hier Gedanken gemacht wird.
Hier noch ein paar Gedankenanstöße:
1. Die Definition von "Realität" erscheint mir schwierig. Der Artikel setzt Realität mit (subjektiver) Wahrnehmung gleich. Doch das ist ein in sich widersprüchlicher Begriff von Realität, denn Realität ist dem Namen nach eben das, was (objektiv) wirklich („real“) ist. Realität ist das, was IST. Die Frage, die sich Epistemologie stellt, ist nun, ob überhaupt etwas IST, und wenn ja, ob und wie man korrekte Aussagen über diese Realität treffen kann. Eine korrekte Aussage über die Realität ist dann "Wahrheit". Wenn ich also sage: "Gott existiert" und Gott ist tatsächlich Teil der Wirklichkeit, dann ist meine Aussage "Gott existiert" wahr.
2. Weiterhin scheint mir das Verständnis von "Wahrnehmung" im Artikel ein wenig schwammig zu sein. Was ist mit "Wahrnehmung" genau gemeint? Nur Sinneswahrnehmung? Offensichtlich mehr als das? Doch wie genau ist "Wahrnehmung" dann nach dem Artikel zu definieren?
3. Auch der Gebrauch von "Glaube" ist fraglich. Im Artikel scheint "Glaube" definiert zu sein als eine Schar von Überzeugungen zu sein, welche meine Wahrnehmungen augenblicklich interpretieren. Ist das wirklich die biblische Beschreibung von Glauben (was der Artikel ja behauptet)? In der Bibel ist "glauben" doch mehr als nur "Überzeugungen besitzen".
Herzlicher Gruß!
-
4.schrieb am 18.12.2010 21:50
Ich habe den Artikel mit Interesse gelesen und fand vor allem die Schlussfolgerung schön! Es wäre besonders interessant, ob sich dieser überraschende Sachverhalt im gesamten theologischen Kontext der Bibel festmachen ließe. Ein sehr schöner Gedanke: Dass Gottes Liebe letztendlich der Kern der Wahrheit ist. Passt nach meinem Empfinden sehr gut zu Gottes Wesen und Heilsplan. Ich freue mich über Folgeartikel!
Was horstpetri04 über den Glauben sagt, stimmt ja alles. Ich freue mich auch über sein unbeirrtes Festhalten an Jesus. Inwiefern diese Ansichten aber durch den Artikel angegriffen wurden oder er das Evangelium verwässert, kann ich nicht begreifen. Die Kommentare scheinen inhaltlich nicht zu passen und erwecken den Eindruck, der Kommentator hätte nur die ersten vier, fünf Absätze gelesen, den Artikel dann in eine gedankliche Schublade gesteckt und ihn verworfen - übrigens genau das Phänomen, das der Autor des Artikels beschrieben hatte!
Wer diesen Text derart missversteht und dann hart angreift, hätte vielleicht doch lieber geschwiegen. Es war überhaupt nicht Ziel des Artikels, die biblische Wahrheit anzugreifen oder zu relativieren. Eine echte Auseinandersetzung damit würde das offenbaren. Schade, dass stattdessen Phantome des geistlichen Abfalls gejagt werden.
-
3.schrieb am 18.12.2010 10:39
Das Gott die Liebe ist, ist unbestritten. In dem o.a. Artikel geht es aber um das Thema: Wahrheit, Realität und Richtigkeit. Ich kann das alles in einen Topf werfen, lange rumrühren und nicht merken, dass ich mich immer weiter von der Wahrheit entferne. Gottes Liebe steht über allem! Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen! Ohne diese Erkenntnis der Wahrheit gibt es keine Rettung! Deshalb führt Gottes Liebe immer in alle Wahrheit, denn Jesus ist die Wahrheit und an ihm vorbei gibt es keine Rettung, weder für Dich, noch für mich! Damit spreche ich mich weder gegen die Rettung Andersdenkender noch gegen die Rettung aller Sünder aus. Wenn es Gottes fester Liebeswille ist, dass alle Menschen gerettet werden, habe ich keinerlei Zweifel, dass Gott mit seinen Geschöpfen zu seinem Ziel kommt! Aber weder am Wort der Wahrheit noch an dem vorbei, der der Weg dorthin ist! Für alle, die die Wahrheit noch nicht haben, ist Jesus der Weg zur Wahrheit und zum Leben! Ich freue mich über jeden der auf dem Weg zur Wahrheit und zum Leben ist und der sich nicht durch so unwichtige Nebensächlichkeiten wie Realität und Richtigkeit aufhalten vom richtigen Weg abbringen lässt! Die Reaktion auf meinen Kommentar zeigt aber, wie weit Begriffe wie "Bibeltreue" und "Evangelikale" in der scheinchristlichen Welt zu Angriffszielen geworden sind! Zeichen des Abfalls in der Endzeit, denn die Liebe wird am Ende der Tage in Vielen erkalten! Vor allem bei denen die am meisten von der Liebe reden!
Liebe ohne Wahrheit ?
-
2.schrieb am 17.12.2010 23:16
Ein Super-Artikel.
Auch in 1. Kor 13,13 ist Liebe das entscheidende Kriterium.
In gewisser Weise möchte ich HorstPetri sogar zustimmen: Gottes Wahrheit ist absolut. Aber es ist eine Absolutheit in Liebe - nicht in Rechthaberei.
Es ist eine Absolutheit der Zuwendung zu den Sündern - und eine Absolutheit gegenüber vermeintlich Rechtgläubigen, die deren Glaube - selbst wenn sie damit Berge versetzen könnten - für Unnütz und den letzten Schmarrn erklärt, wenn er ohne Liebe ist.
Die schärfsten Strafworte des Neuen Testaments findet man immer gegenüber Frommen, die unbarmherzig und lieblos gegenüber denen sind, die diese Frommen als Sünder oder auch als Falschgläubige ansehen.
Den Sündern gegenüber ist die Bibel hingegen ausgesprochen zugewandt.
Nein, 1.j4,8.18, du verbiegst die Wahrheit keineswegs, sondern sprichst genau aus, worum es auch beim Weg, der Wahrheit und dem Leben geht:
Um einen Weg der Liebe, um eine Wahrheit der Liebe und das Leben der Liebe.
Christen, die meinen, dass dieser Weg andere Menschen (Ebenbilder Gottes, 1. Mose 1!) ausschließt, nur weil sie anders glauben, haben noch nicht begriffen, wie groß Gottes Liebe ist. Und sie haben nicht gemerkt, dass sie diesen Weg gerade nicht ergriffen haben. Denn der Weg der Liebe grenzt nicht aus. Sie merken nicht, was es bedeutet, dass der Gott aus dem Stall am Kreuz stirbt, um die Absolutheit seiner Liebe und Zugewandheit zu den Sündern zu unterstreichen. Sie sprechen zwar von der Liebe, aber sie bauen Mauern. Sie nageln die Wahrheit fest - und töten damit die Liebe.
Schade.
Merken diese "bibeltreuen" "Evangelikalen" denn wirklich nicht, wie wenig bibeltreu sie sind, wenn sie die vermeintliche Bibeltreue über die Liebe stellen?
Merken sie nicht, dass diese lieblose Bibeltreue gar nicht bibeltreu ist und permanent Gottes Liebe und Zugewandheit konterkariert?
Es ist so traurig...




