Diaspora* – Die unfertige Facebook-Alternative
Studi-VZ ist schon lange out, bei wer-kennt-wen und den Lokalisten finde ich auch kaum Bekannte. Wen ich kenne und kennenlerne, der hat ein Profil bei Facebook. Und das obwohl sich viele immer wieder über den Datenschutz bei dem Social Network beklagen. Aus diesem Grund fassten vor zwei Jahren ein paar Studenten den Entschluss, mit Diaspora* ein Netzwerk zu gründen, bei dem der User die volle Kontrolle über seine Daten behält. Eine echte Facebook-Alternative sollte es werden. Doch das neue Netzwerk will bis heute nicht so richtig in Fahrt kommen. Ich habe es getestet.
Diaspora* – Markenzeichen ist das Sternchen, das für eine Pusteblume steht – wurde von vier New Yorker Studenten 2010 als Alternative zu Facebook & Co. gegründet. Rasch konnten sie rund 200.000 Dollar an Spendengeldern sammeln, mit denen die Studenten an den Start gingen. Denn das ehrgeizige Vorhaben überzeugte viele - vor allem Facebook-Kritiker. Diaspora* wirbt mit etwas, was im Internet mittlerweile fast zum Fremdwort geworden ist: Privatsphäre. Alle Daten, die Diaspora*-Nutzer im Netzwerk hinterlassen, sollen auch weiterhin ihnen selbst gehören.
Dezentral und Open-Source
Keine personalisierte Werbung, an der andere verdienen, keine Spammails, keine Angst davor, ein gläserner Kunde zu werden. Im Gegenzug wird Diaspora* als Open-Source-Projekt betrieben. Jeder kann und soll daran mitprogrammieren – soweit er Ahnung davon hat. So wollen die Betreiber erreichen, dass das Netzwerk dezentral laufen kann. Die Daten werden also nicht irgendwo auf einem Server gespeichert, zu dem nur einer – normalerweise ein Unternehmen – Zugriff hat, sondern auf vielen verteilten Servern. Wer ganz sicher gehen will, kann sich sogar – mit entsprechendem Vorwissen oder der Anleitung von Diaspora* – seinen eigenen privaten Webserver (Diaspora* Seed) selbst einrichten kann.
Die Idee ist gut und Open Source realistisch, wie die Microsoft Word-Alternative „Open Office“ oder die Photoshop-Alternative „Gimp“ bereits bewiesen haben. Doch bei Diaspora* will es nicht so richtig klappen, obwohl sich viele Facebook- und Google-Nutzer über den unkontrollierten Gebrauch ihrer Daten aufregen. Diaspora* wäre da eine ernste Alternative, wenn die Bedienung nicht so kompliziert wäre.
Anlaufschwierigkeiten machen keinen Spaß
Registriert hatte ich mich schon vor etwa einem Jahr – man muss sich ja mal anschauen, was es im Internet so Neues gibt. Kurz darauf habe ich Resigniert. Die Einladungsmail, die mir den Zugang zu Diaspora* ermöglichen sollte, ließ lange auf sich warten. Dann ging der Log-In nicht. Schließlich ging er endlich, aber nur im Internet Explorer. Nicht bei Firefox oder Iron – völlig inakzeptabel für jeden, der etwas alternativ durchs Internet surfen will.
Wenn es endlich klappt, ist der Einstieg einfach
Nun geht er endlich überall und es ist Zeit, sich das alternative Netzwerk mal anzuschauen. Bei meinem ersten Besuch fragt mich Diaspora* erstmal: „Wer bist Du?“ Nur meinen Namen, der natürlich auch ein Pseudonym sein kann, wollen sie wissen. Und ich muss ein Profilbild hochladen. Das kann ich sogar von Facebook importieren lassen – das macht den Umstieg einfacher. Die nächste Frage lautet „Was machst Du so?“ Mit Hashtags kann ich angeben, was meine Interessen sind – und mich so auch gleich mit Gleichgesinnten verbinden. Auf meiner Liste steht unter anderem #journalismus, was direkt als Link gezeigt wird, über den ich andere Diaspora-Mitglieder finden kann, die sich auch dafür interessieren. „Super! Bring mich zu Diaspora“ heißt der nächste Link. Alles ganz einfach, alles etwas spartanisch – was ja nicht unsympathisch sein muss.
Eine Mischung aus Facebook, Google+ und Twitter
Das Netzwerk erinnert an eine Mischung aus den Giganten Facebook und Google+ und dem Zwitscherportal Twitter. Was direkt auffällt: Diaspora* kann ich mit Facebook verbinden. Ein soziales Netzwerk macht wenig Sinn, wenn ich dort niemanden kenne. Also ermöglicht es Diaspora*, dass ich meine Statusmeldungen auch gleichzeitig auf Facebook veröffentliche und damit vielleicht dort ein paar meiner Kontakte auf die Alternative aufmerksam mache.
Wie bei Google+ lassen sich Diaspora*-Kontakte in Gruppen, sogenannte „Aspects“ unterteilen. Damit kann ich festlegen, wer welche Informationen von mir bekommt. Statusmeldungen lassen sich auch ganz gezielt für einzelne „Aspekte“ veröffentlichen. Anders als lange Zeit auf Facebook erfährt nun mein Chef nicht, wenn ich allen anderen von meinen Urlaubstouren erzählen will. Außerdem kann ich auch einstellen, von welchem meiner Aspekte ich Informationen in meinem Stream, also auf der Netzwerk-Startseite, sehen will.
Ähnlich wie bei Twitter kann ich auf Diaspora* „Tags“ – also Stichwörtern, die mich interessieren – folgen. Mit einem Klick auf den jeweiligen „Tag“ lasse ich mir anzeigen, wer in letzter Zeit zu demselben Thema etwas geschrieben hat. „Gefällt mir“ klicken – hier mit Herzchensymbol –, Nachrichten verschicken und Links oder Meldungen anderer „weitersagen“ geht natürlich auch. Angeblich soll man auch Fotos hochladen und vermutlich Fotoalben anlegen können, so wie auf Facebook und Google+. Das scheint derzeit aber noch nicht zu funktionieren.
Starkes Konzept, komplizierter Anfang
Diaspora* kämpft noch immer mit Kinderkrankheiten, Facebook & Co.-Anhänger werden einige Funktionen und die Zeit fressenden Spielchen, Umfragen und Quizze vermissen. Dafür kommt Diaspora* wesentlich aufgeräumter und entspannter daher – was auch seinen Reiz hat. Wem es ums reine Austauschen ohne Spielereien geht, der ist hier gut aufgehoben, so lange er schon ein paar Kontakte hat. Bei mir sind es erst zwei.
Diaspora* ist nicht das einzige, aber das bekannteste Alternativnetzwerk. Weltweit durchsetzen konnte sich bisher keines davon. Massentauglich wird wohl noch eine Weile lang nur Facebook bleiben. Dafür ist Diaspora* eine echte Alternative für all jene, die sich Sorgen um ihre Daten machen. Wer es kann, legt sich einen eigenen Webserver an, veröffentlicht alles nur noch über Diaspora*, was ja dann auch gleichzeitig auf Facebook oder Twitter gezeigt werden kann, die Daten selbst bleiben aber auf dem eigenen Server gespeichert. Und wer die neuesten - und oft unnötigen - Nachrichten seiner Facebook-Kontakte sehen will, kann ja auch dort immer wieder vorbeischauen.


