Deutsche Wilde in China: Jörg-Uwe Albigs „Berlin Palace“

Chinas Unternehmen expandieren nach Afrika. 2008 beispielsweise steigerte die Volksrepublik ihre Investitionen in den Kontinent auf 4,2 Milliarden US-Dollar. Es könnte also eine durchaus realistische Zukunft sein, die Jörg-Uwe Albig in seinem Science-Fiction-Roman „Berlin Palace“ beschreibt. LCD-Wände übertragen dort Fußballspiele aus dem Mao-Zedong-Stadion im afrikanischen Sansibar. Denn China hat im Jahr 2032 nicht nur die Exportnationen Deutschland und USA in Afrika abgelöst, sondern lockt auch deutsche Gastarbeiter in die Volksrepublik.
  • Foto: Rolf Wegner

 

China ist im Spätkapitalismus angekommen

„Kultur, Anstand, Begrünung, Verschönerung“ heißen die Slogans des zumindest in der Propaganda kommunistisch auftretenden Staates nach dem „zweiten großen Sprung“. „Einen miserablen Staatsmann, aber großen Poeten“ nennt der Protagonist, Werbefilmer Li Ai, dann auch folgerichtig den Begründer der Volksrepublik, Mao Zedong. Das darf nicht nur als individuelles Geschmacksurteil, sondern auch als Hinweis auf die im Spätkapitalismus angekommene Volksrepublik gelesen werden.

Klassische Beziheungskonstellationen

Albig nutzt diese Erzählfolie, um eine Beziehungsgeschichte zu erzählen. Mittelpunkt ist die Schauspielerin Olympia Liang, die in Li, der sie „meine Kaiserin“ nennt, zwar einen guten Freund, aber eben keinen Partner sieht. Damit ist bereits ein Ausgangspunkt für das klassische Liebesdrama gegeben. Hinzu kommt Lis Auftraggeber Yin Zaoli, Marketingchef des Parfümproduzenten Datong Chemicals. Denn der hält wenig von Lis Vorschlag, mittels eines deutschen Waldmärchens für chinesisches Damenparfüm zu werben. Olympia soll dabei das unschuldige Mädchen spielen. Und Li erhofft sich von diesem Plot nicht nur einen überzeugenden Werbefilm, sondern auch eine Annäherung an die Geliebte. Doch sie will natürlich nur Schauspielerin sein.

Deutsche in China: Pilzgeruch, „Wurst mit rot Soße“ und Met

Anregung für Lis Ideen ist der „Berlin Palace“. „Hier alle von Berlin“, erklärt Taxifahrer Sigi in deutschem Akzent den Chinesen die Hochhausruine. Und die zeigen sich fasziniert vom Pilzgeruch, Friteusenduft, „Wurst mit rot Soße“ und Met in der Immigrantenkneipe.

Die deutschen Gastarbeiter kontrastieren die Chinesen: sie sind zumeist verschwiegen bis phlegmatisch, verschwitzt und durstig. Albig greift hier in die Kiste landläufiger, ausländischer Germanenklischees: natürlich fehlt es auch nicht das obligatorische Wildschwein am Spieß und das nach Reinheitsgebot gebraute Bier. Inwiefern das auf das Deutschenbild in China zutrifft bleibt fraglich. Denn gerade die deutschen Goethe-Institute erfreuen sich in China wachsenden Zulaufs.

Doch Albig ist es hoch anzurechnen, dass der Name „Hitler“ im Roman kein einziges mal fällt. Insofern bleibt das Bild der Deutschen im „Berlin Palace“ exotisch. Denn dem Autor geht es hier vor allem um den Perspektivwechsel: die deutschen Gastarbeiter fungieren als Symbol des Rosseauschen Wilden, Unberührten und Kraftvollen. China hingegen befindet sich auf der letzten Stufe ihrer Zivilisation: der Dekadenz. „Fünftausend Jahre lasten auf mir, dachte ich matt. Das Leben besteht aus mildernden Umständen“, resümiert Li.

Handlungsebenen und Erzählfolie bleiben unausgereift

Albig gelingt es, die chinesischen Figuren plastisch zu gestalten – wenngleich ihre  Charakterzeichnung doch etwas einseitig wirkt. So bleibt Olympia im ganzen Roman die angebetete und unberührt schöne chinesische Venus, die damit jedoch vor allem persönlich ungreifbar wird. Yin Zaoli tritt als Marktstratege auf, der sich von Lis Ausflügen in die deutsche Märchenwelt wenig überzeugen lässt. Letztere aber wird wesentlich vielschichtiger dargestellt, ebenso Lis väterlicher Freund Meister Zhao.

Albigs Sprache neigt mitunter zu überladenen Allegorien. Das erschwert das Lesen. Der Roman hätte an Spannung gewonnen, wenn Albig die deutschen Figuren stärker in die Handlung eingebunden hätte. Dann wären sie auch über „edle Wilde“ hinausgewachsen.

Jörg-Uwe Albig: Berlin Palace. Tropen-Verlag 2010. 224 Seiten. 19,90 Euro.

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