Der Zoff, aus dem die Träume sind
Von „Frauentausch“ über „Die Schülerermittler“ bis hin zu „Schwiegertochter gesucht“: Scripted Reality-Sendungen boomen. Oft ist kaum erkennbar, wo die Dokumentation aufhört und die Inszenierung anfängt. Quote macht das Fernsehen dabei vor allem mit der Inszenierung von Lebenswirklichkeiten dünnhäutiger und armer Seelen.
Am 30. Oktober 1938 lief in der US-amerikanischen Radiostation CBS eine Hörspieladaption des „Kriegs der Welten“. Als Hörspiel angekündigt, aber wie ein Tatsachenbericht mit lnterviews und anderen "O-Tönen” aufgezogen, dachten die Menschen, dass Marsianer in New Jersey gelandet waren. Es kam zu Hysterie und tumultartigen Szenen in und um New York. Genau das meint im Grunde „Scripted Reality“: Inszenierte Realität, also eine Realität nach „Skript“.
Inszenierte Pseudo-Dokus
Doch auch wer sich heute vom Sofa aus die schlimme Realität anderer anschaut, kann kaum nachvollziehen, was davon nun Fiktion, was Realität ist. Grundlage der „Scripted Reality“-Formate ist, dass Menschen für eine bescheidene Gage anbieten, ihre Lebenswirklichkeit, ihr Klischee, im Fernsehen der Lächerlichkeit preiszugeben. Es handelt sich um inszenierte Pseudo-Dokus, einfach aufgebaut, dass man es auch nebenbei beim Bügeln schauen, oder kurz mal einnicken kann. Wichtig ist dabei, dass zwar stark „gescripted“ werden darf, es sich aber stets an der Realität orientieren muss. Nur so kann der Zuschauer sich und Situationen aus dem eigenen Leben damit identifizieren. Stellt man die Szenen nur skurril und tragisch genug dar, dann geht es uns durch das Herabschauen auf andere für 30 Minuten in jedem Fall im echten Leben doch noch einen Deut besser.
Ein Bildungsansatz, der hilft?
Das Format ist uns seit längerem vertraut, Richterin Barbara Salesch jedem ein Begriff. Inzwischen wird jedoch verstärkt mit wackelnder Handkamera gedreht, was den Eindruck erzeugt, man befinde sich in einer Dokumentation. Neu ist außerdem die schiere Fülle des Scripted Reality-Angebots, das die Nachmittage füllt: „Verdachtsfälle“, „Familien im Brennpunkt“, „Love Diary“, „Die Schülerermittler“, „Mitten im Leben“... Diese Sendungen erreichen Marktanteile bis über 30% – traumhafte Ergebnisse für jeden Programmchef. Oft findet sich für die Konflikte, die zuvor künstlich aufgebauscht werden, am Ende doch irgendwie Lösungsansätze und Hilfen. Also ein Bildungsansatz, der hilft? Nein, so einfach ist es nicht. Es mehren sich Fälle, in denen die Laiendarsteller lächerlich gemacht werden und ihre Schwachheit als Dummheit der Komik preisgegeben wird.
Der Realität schlichtweg „entrückt“
Den Machern könnte man unterstellen, dass sie dadurch die Distanz des Zuschauers zu den verhohnepiepelten Charakteren vergrößern wollen, um alles noch ulkiger wirken zu lassen. Doch bei „Schwiegertochter gesucht“ wurde eine Grenze überschritten, als man sich über einen jungen Mann mit Lernbehinderung und dessen Art sich zu artikulieren lustig machte. Im Fall der „Super Nanny“ sprach die Kommission für Medienschutz sogar von einem „Verstoß gegen die Menschenwürde“, als eine Mutter vor laufender Kamera ihr Kind anbrüllte, ihm drohte, und schließlich auf es einschlug – und niemand vom TV-Team schritt ein. Das ist Missachtung der Menschwürde auf Kosten der Zurschaustellung. Diese Skurrilität erinnert an die „Truman Show“. Doch was in solchen Spielfilmen absurd erscheint, wird hier nun tagtäglich zur Show geboten. Die Dichte an Dramen, die präsentiert und garniert wird, lässt einem die Haare zu Berge stehen: Steht es so schlecht um unsere Gesellschaft?
Vielleicht versucht man, mit diesen Formaten die Hoffnung der Zuschauer zu nähren, dass es doch einigen wenigen gelingt, aus der schlechten Realität auszubrechen. Deshalb werden die Szenen mit hausgemachten Intrigen maximal aufgeplustert.
Das Budget bestimmt die Realität
Mit der „Scripted Reality“ können spannende Geschichten für ein relativ kleines Budget geliefert werden. Die Fiktion darzustellen ist für die Produktionsfirmen deutlich besser planbar, und daher um einiges billiger: „Das echte Leben abzubilden, ist einfach zu teuer“, so Günter Stampf, Besitzer der Produktionsfirma „Stampfwerk“. Außerdem könne „alles gescrpited werden – bis auf die Nachrichten“. Doch, dem Diktat des Budgets folgend: Warum nicht auch bald Nachrichten? Man bräuchte keine Korrespondenten mehr, könnte alle Szenen im Studio drehen. Alles würde billiger und ließe sich dramatischer darstellen.
„Versuchter Publikumsbetrug“?
Der Medienwissenschaftler Bernahrd Pönksen sieht diese Entwicklungen als „versuchten Publikumsbetrug“ und bezeichnet „Scripted Reality“ als „Sozialporno statt Lebenshilfe“. Doch was ist schlecht daran, wenn sich unter dem Strich ein wohliges Gefühl bei Vielen einstellt, weil es zu Hause doch besser läuft als in der Fernseh-Realität? Nun, dieses Gefühl hilft keinem, den eigenen Alltag besser zu gestalten. Die Sendungen müssten viel deutlicher gekennzeichnet sein. Ein kurzer Hinweis auf ihre Konstruktion im Abspann ist wiederum: Realitätsfern. Er wird von zu wenigen zur Kenntnis genommen.
Wer „Laienfernsehen“ als „wirklichkeitsnahes Fernsehen“ oder „wie im echten leben“ bezeichnet, schafft dadurch indirekt neue Realitäten: Die Vorgaukelei beeinflusst Menschen in ihrer Wahrnehmung, und das beeinflusst deren Sozialverhalten. Ein bloßes brandmarken der Scripted Reality-Formate durch die Öffentlich-Rechtlichen Sender könnte diese Abwärtsspirale stoppen. Doch was soll man stattdessen zeigen? Hier könnten die Öffentlich-Rechtlichen ihrem Auftrag gerecht werden und die Unsummen an gesammelten Gebühren sinnvoll, d.h. zum Wohle der Gesellschaft, einlösen. Denn: Der Zuschauer will Qualität. Für seine Realität.


