Der Tausch
Helena hat bei einem Unfall ihr Augenlicht verloren. Sie ist wütend auf ihren Freund Conan, der Schuld an dem Unfall hat. Er blieb unverletzt. Doch auch Conan macht die Geschichte schwer zu schaffen. Am liebsten würde er mit seiner Freundin tauschen, wenn er nur könnte. Helena glaubt ihm kein Wort. Doch dann hat sie einen Traum, der alles verändert.
I.
Unsanft wurde ich durch ein lautes Grollen außerhalb unseres Hauses geweckt. Ob es mir jetzt noch etwas bringen würde weiterzuschlafen? Wohl kaum. So stand ich auf und strich mir meine braunen Haare aus den Augen. Es war dunkel in meinem Zimmer und abgesehen von dem strömenden Regen, der ans Fenster prasselte, war nichts zu hören. Blind tastete ich auf meinem Nachttisch umher, in der Hoffnung, die kleine Schachtel mit den Streichhölzern zu entdecken. Dann bewegte ich mich langsam in Richtung Wand. Endlich fand ich die Öllampe, die an der kalten Wand hing. Ich atmete lange aus und schob das innere des Kästchens, in dem die Streichhölzchen verwahrt waren, zurück. Meistens verbrannte ich mich beim Entzünden. Ich nahm ein Streichholz heraus und zündete die kleine Lampe an. Und was geschah? Nichts. Nichts und wieder nichts!
Wieder stieg diese verdammte Wut in mir auf. Ich zerdrückte die Schachtel in meiner Hand und schmiss sie in eine Ecke des Zimmers. Aus der Wut wurde Trauer. Natürlich wusste ich, dass ich nie wieder irgendwas sehen würde. Und trotzdem – ein kleiner Funken Hoffnung ganz tief in mir versprach mir immer wieder, dass ich bald etwas sehen würde. Ja, dieser Funken. Er versprach mir wohlmöglich, dass ich Dunkelheit sehen könne. Soweit wie man Dunkelheit eben sehen kann. Dämlicher Funken, dämliche Augen, dämlicher C...
Ja, ich empfand Wut auf denjenigen, der mir mein Augenlicht geraubte hatte. Conan. Er war an allem Schuld. Wenn ich nur könnte! Wenn ich in der Lage wäre … ich würde ihm sein Licht stehlen, wie er mir mein Licht genommen hat. Meine Wut wandelte sich in Aggression. Ich hasste Conan für das, was wer mir angetan hatte. Dieser Kerl hatte nichts von dem Autounfall abbekommen, für den er verantwortlich gewesen war. Nein! Aber ich, seine Freundin. Ihm ging es gut. Er konnte durch die Weltgeschichte spazieren, während ich hier festsaß. Aus meiner Aggression wurde Angst. Was wäre denn, wenn ich den Rest meines Lebens hier verbringen müsste? Ich war noch so jung. Hatte nichts ich von der Welt gesehen. Nicht alle Bücher gelesen. Nicht alle Tiere gesehen. Langsam kroch ich zurück in mein Bett. Wie lange würde ich mich an die Bilder in meinem Kopf noch festklammern können? Sicherlich nicht lang genug.
II.
Irgendetwas Kaltes, Weiches fuhr mir über die Wange. Ich erschreckte und horchte. „Verzeih mir, Helena, Schatz. Ich habe völlig vergessen dass...“ Meine Mutter stockte, als sie an dem Punkt angekommen war, wo eigentlich das Wort „blind“ kommen müsste. Ich zog einen Mundwinkel hoch und tastete nach ihren Händen. „Schon gut, Ma. So langsam gewöhn ich mich dran.“ In solchen Dingen konnte ich lügen wie eine Eins. Niemals würde ich mich daran gewöhnen. Aber Ma sollte sich keine Sorgen machen. In meinem Zimmer kam ich jetzt eigentlich gut klar, aber im Haus konnte ich mich noch nicht orientieren. Als ich die Tür ins Schloss fallen hörte, stand ich auf. Langsam bewegte ich mich durch das Zimmer, auf den großen, alten Eichenschrank zu. Ich öffnete seine Tür und fuhr mit der Hand über das Holz. Ich spürte die Kälte. Eine durchaus beruhigende Kälte, dachte ich. Der Spiegel. Wenn ich sehen könnte, ja wenn, dann würde ich jetzt mein Spiegelbild sehen.
Ich hätte mich so gern gesehen – meine glatten, langen braunen Haare. Ich lächelte. Früher hatte ich mich so furchtbar über meine schlaffen Haare aufgeregt. Langsam führte ich eine Hand zu meinen Augen. Viele haben mir gesagt, ich hätte wunderschöne Augen. Immer noch? Wie sahen sie jetzt aus? Ich schüttelte die Gedanken ab. Wieso quälte ich mich mit solchen Fragen? Nach einer kurzen Suche im Schrank fand ich einen Mantel, zog ihn über und setzte mich auf mein Bett. Jemand klopfte an meine Tür.
„Ja?“ Die Tür öffenete sich.
„Helena? Ich... ich möchte mit dir reden.“, erklang die raue Stimme von Conan. Er seufzte. Ich selbst merkte, wie ich mein Gesicht anspannte. Sicher sah ich geschockt aus. Dann stand ich auf.
„Helena, ich weiß, mein Verhalten ist und wird auch nie zu entschuldigen sein. Ich will dir nur sagen, dass, wenn ich nur könnte, wenn es einen Weg gäbe, mit dir zu tauschen ...“
„Gibt es aber nicht, Conan! Es gibt keinen Weg dafür! Ich bin blind!“, schrie ich ihm entgegen. Tränen rannen über mein Gesicht. Ich hätte ihm am liebsten geschlagen. Könnte ich ihn nur sehen.
„Helena, ich...“, setzte Conan erneut an.
„Verschwinde, verschwinde aus meinem Leben. Ich will dich nie wieder hören,“ fuhr ich ihn an. „Du hast mein Leben zerstört!“
In der Nacht überlegte ich noch, ob ich diesem Menschen verzeihen konnte. Gab es dafür einen Weg? Ich öffnete ein Fenster. Konnte ich vergeben?
III.
Die Nacht war furchtbar lang gewesen und es hatte wieder geregnet. Ich hatte überlegt. Überlegt und Gott gefragt, wieso ich blind sein musste. Gott hatte aber nicht geantwortet. Schon unhöflich, so für einen Gott. Dann schlief ich doch ein und hatte ich einen Traum:
„Helena, komm her“, rief eine Stimme.
Ich stand auf und schaute nach draußen. Ich konnte sehen. Die Stimme schien wie tausende Glocken zu klingeln. Nein, viel schöner. Unbeschreiblich war sie. Ich ging nach draußen, lief mit meinen nackten Füßen über den regennassen Rasen. Strahlende Sonne schien in mein Gesicht.
„Wie ist das möglich?“, rief ich.
„Wie ist was möglich, Helena?“, fragte die Stimme.
„Na, dass ich sehen kann?“
„Du durftest tauschen und nun kannst sehen. Ein anderer ist für dich blind geworden. Ein so aufrichtiger Mensch ist mir selten untergekommen, Helena.“
„Was? Wer hat das denn getan? Kenne ich die Person?“
„Denk einmal nach.“
Ich überlegte und dann schoss mir die Antwort in den Kopf. Nein, dass ging einfach nicht. Unmöglich. Vollkommen ausgeschlossen. Nein.
„Doch, du hast ganz Recht, Helena“, sagte die Stimme ruhig.
„Conan?!“
„Ja. Conan hat sich mir angeboten. Und so ist es nun mal gekommen“
„Aber er ... er hat das wirklich getan? Für mich?“
„Er sagte dir doch, dass wenn es einen Weg gäbe, er es in Kauf nehmen würde. Genau das hat er getan.“
In mir erlosch sofort aller Zorn, den ich die Tage zuvor gehegt hatte.
„Ich muss sofort zu ihm! Ich möchte dass er sehen kann“, rief ich und suchte vergebens nach der Stimme. „Ich möchte wieder blind sein!“
„Bist du dir sicher?“
„Ja, vollkommen!“, lachte ich unter Freudentränen.
„Helena, du hast es geschafft...“
Dann wachte ich auf. Und ich sprang sofort aus dem Bett rannte so schnell es ging hinunter. Ohne zu stolpern oder irgendwo gegen zu laufen, lief ich aus der Haustür. Über die Wiese und irgendwann rannte ich jemanden um. Da lagen wir.
„Helena?“, fragte Conan.
Ich lachte um umarmte ihn. „Danke! Danke, dass du das für mich getan hast!“
„Ich verstehe nicht ganz...“
Als wir uns aufsetzten, erklärte ich ihm genau, was ich geträumt hatte.
„Würdest du wirklich mit mir tauschen, Conan?“
Er nickte.
„Würdest du?“, fragte ich noch einmal
Jetzt begann er zu lachen. „Ich habe genickt.“
Ich lachte mit ihm. Er hatte ein tolles Lachen sah aber immer ziemlich dämlich dabei aus.
„Immerhin, einen Vorteil hat das Blindsein“, kicherte ich.
„Was denn?“
„Ich sehe dich nicht mehr beim Lachen, danke Gott“, rief ich und schwang meine Arme in die Luft.
Conan lachte mit mir.
Ich mich legte mich zurück und dachte nach. In einem Traum vergeben.
„Conan? Kannst du mir Vergeben?“, fragte ich nebenbei.
„Ja, dass kann ich“, er legte einen Arm um meine Schulter.
Ich boxte ihn in den Magen.
„Mensch, wofür war dass denn?!“, keuchte er.
„Du kannst viel schneller Vergeben als ich!“, lachte ich.
Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Lisa Bramsmann aus Haren hat mit ihrem Text "Der Tausch" am Wettbewerb der Unterstufe teilgenommen.
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