Der Tanz mit dem Tod
Sie sind einsam, haben Angst vor dem Leben und spüren immer wieder große Todessehnsucht: Alle neun Stunden nimmt sich ein junger Mensch unter 30 das Leben. Der Dokumentarfilm „Hallo Jule, ich lebe noch“ widmet sich dem Tabuthema und erzählt eindrücklich die Lebensgeschichten zweier junger Mädchen.
„Hallo. Ich halte das alles hier nicht mehr aus und beende jetzt mein Leben. Ich werde mit Sicherheit diesmal alles richtig machen. Ich werde mich gleich umbringen“, schreibt Anna in einer E-Mail an Jule. Anna ist ein junges Mädchen. Sie fühlt sich einsam, nutzlos und überflüssig.
Jule hat ehrenamtlich bei der Online-Beratungsstelle „[U25]“ in Freiburg gearbeitet. Junge Menschen mit Selbsttötungsgedanken können dort Hilfe suchen. Mehrere Monate begleitet Jule Anna per E-Mail, gibt ihr Halt und ermutigt sie, nicht aufzugeben. Der mit dem Deutschen Sozialpreis ausgezeichnete Dokumentarfilm „Hallo Jule, ich lebe noch“ von Heidi und Bernd Umbreit zeigt in ruhigen Bildern den bewegenden gemeinsamen Weg der beiden aus Jules Sicht.
Alkohol und Gewalt als Auslöser
Annas Mutter hat oft getrunken und war gewalttätig gegenüber ihren Kindern. Bei einem Unfall kam sie dann ums Leben. Anna geht oft zum Grab und denkt lange nach. „Ich vermisse sie so“, schreibt sie. Wenn sie sich einsam und leer fühlt, ritzt sie sich. Schon früher hat Anna das getan, meist wenn ihre Eltern stritten oder die Mutter trank. Ihr Vater war selten zu Hause. „Wenn ich mich umbringe, muss ich mich selbst nicht mehr aushalten.“ Die Sehnsucht nach dem Tod wird immer verlockender, wie eine Melodie, die sie zum Tanzen einlädt – ein Tanz mit dem Tod.
Alle 47 Minuten begeht in Deutschland ein Mensch Suizid – 2009 insgesamt 9.571. Laut Statistischem Bundesamt liegt die höchste Sterberate dabei bei Menschen zwischen 15 und 35 Jahren. Die Schweiz hat mit 19 Fällen pro 100.000 Einwohnern eine überdurchschnittlich hohe Suizidrate. Hier sterben drei Mal mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle. 2008 nahmen sich 1.313 Schweizer das Leben.
Über Todessehnsüchte reden
Suizidwünsche hängen meist mit Depressionen und einer verzerrten Selbstwahrnehmung zusammen. „Viele Suizidgefährdete haben das Gefühl, keine Chance mehr auf eine Rückkehr in eine lebenswerte Situation zu haben“, sagt Martin Grabe, Chefarzt der Psychotherapie in der Klinik Hohe Mark bei Frankfurt. „Sie beurteilen ihre Situation hoffnungsloser, als sie tatsächlich ist.“
Jule macht Anna Mut: „Dass du immer wieder Suizidgedanken hast, ist okay. Wichtig ist, dass du darüber redest, dass du damit nicht alleine bleibst.“ Tatsächlich sei es sehr wichtig, dass Betroffene sich einer Vertrauensperson öffneten, sagt Grabe. „Die Aussichtslosigkeit kann relativiert werden, indem ein Freund dem Betroffenen Verankerung im Leben gibt und ihm die positiven Aspekte des Lebens vor Augen führt.“ Ist der Suizidgefährdete nicht entscheidungsfähig, kann auch die Vertrauensperson wichtige Entscheidungen fällen „und die betreffende Person zum Beispiel in eine psychiatrische Institutsambulanz bringen“.
Gott sollte entscheiden, ob ich lebe oder sterbe
Jule kann Annas Gedanken nachfühlen. Sie selbst hat sieben Suizidversuche hinter sich. Seit dem ersten sei kein Tag ohne Gedanken ans Sterben vergangen. „Ich hab oft darüber nachgedacht, was nach dem Tod passiert“, sagt Jule. „In den Momenten, in denen ich sehr verzweifelt war, bat ich Gott darum, mich zu erlösen – durch eine Krankheit oder einen Unfall.“
Die damalige Sozialpädagogikstudentin hat sich bei ihren Selbsttötungsversuchen nie für sogenannte „harte Methoden“ wie Erhängen oder Vom-Hochhaus-Stürzen entschieden. Sie nahm eine Überdosis Tabletten oder schnitt sich die Pulsadern auf. Und doch war bei jedem Suizidversuch ein Funke Hoffnung da, dass sie doch noch jemand rechtzeitig rettet. „Letztlich wollte ich, dass Gott entscheidet, ob ich lebe oder sterbe.“
Für das Leben entschieden
Jule hat schließlich eine Therapie begonnen. „Heute mag ich mir gar nicht ausmalen, was es für meine Freunde und Familie bedeutet hätte, wenn ich auf diese Art ums Leben gekommen wäre.“ Auch Anna hat sich inzwischen ihrer älteren Schwester anvertraut. „Von Dir habe ich gelernt, dass man über das reden sollte, was einen bedrückt“, schreibt sie Jule. „Ich weiß eigentlich nicht wirklich, wie ich dir jemals dafür danken kann. Obwohl, eine Möglichkeit hätte ich, nämlich die, dass ich mich für das Leben entscheide und gegen den Tod.“
Hier geht’s zur Online-Beratungsstelle [U25].
Schau Dir den Dokumentarfilm in fünf Teilen an:
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