Der Papst und das Internet
Dass sich der Papst für die Benutzung sozialer Netzwerke ausspricht, scheint auf den ersten Blick unerwartet. Doch seine Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikation ist weniger spektakulär, als man vermuten könnte. „Ich möchte die Christen dazu einladen, sich zuversichtlich und mit verantwortungsbewusster Kreativität im Netz der Beziehungen zusammenzufinden“, so der Pontifex. Zwar erntet er in der katholischen Kirchenicht nur Zustimmung, doch mit seiner postitiven Bewertung liegt Benedikt XVI. ganz auf der Welle einer aktuellen Studie, die zeigt, dass Social Networking das reale soziale Leben bereichert.
Mit anderen Worten: Der Vatikan glaubt daran, dass soziale Onlinenetzwerke nicht die Wurzel allen Übels sind und durchaus einen positiven Effekt auf das Miteinander haben können. Damit findet sich nun sogar das Oberhaupt der katholischen Kirche in den Reihen der Befürworter von grenzüberschreitender Kommunikation im World Wide Web wieder.
Mehr Suizidversuche durch Cybermobbing?
Doch wäre die katholische Kirche nicht die katholische Kirche, wenn die Position des Papstes unumstritten wäre. So ist der britische Erzbischof Vincent Nichols bereits seit längerem der Auffassung, dass Facebook oder auch Twitter in direktem Zusammenhang mit Selbstmorden bei Teenagern stünden. Der seit 2009 amtierende Vorsitzende der Bischofskonferenz von England und Wales glaubt, dass der Wert von Freundschaften im Netz abnehme und Jugendliche durch Cybermobbing schneller zu Suizidversuchen gedrängt würden. „Unter jungen Menschen ist ein Grund für Selbstmorde das Trauma von kurzlebigen Freundschaften“, so Nichols. „Erst freunden sie sich online mit vielen Leuten an und wenn dann dieses Netzwerk von Freundschaften zerbricht, sind sie einsam.“
Gute Beziehungen durch soziale Netzwerke aufbauen
Benedikt XIV. hingegen glaubt, dass soziale Netzwerke durchaus einen Beitrag dazu leisten können, gute Beziehungen zueinander aufzubauen. „Wenn sich jemand in den Cyberspace begibt, dann kann das ein Zeichen dafür sein, dass er tatsächlich die persönliche Begegnung mit anderen sucht“ Und dennoch: „Man sollte sich immer daran erinnern, dass virtuelle Verbindungen direkte Kontakte von Mensch zu Mensch nicht ersetzen können und dürfen“, so Benedikt XVI.
Der Vatikan bewegt sich mit diesen Aussagen auf einem schmalen Grat. Zum einen muss die katholische Kirche mit der Zeit gehen und darf nicht jeden technologischen Fortschritt verteufeln. Zum anderen aber darf sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen, eine Entwicklung zu unterstützen, die zu einem gewissen Teil hin unpersönlich, egozentrisch und oberflächlich ist – dies alles entspricht eben nicht unbedingt dem christlichen Bild der Nächstenliebe.
Je mehr Onlineaktivität, desto mehr soziales Engagement
Doch neuste Studien zeichnen ein Bild von sozialen Netzwerken, das so gar nicht zu den pessimistischen Ansichten ihrer Kritiker passen will. Natürlich hat sich der Begriff der Freundschaft auf eine gewisse Art im Netz relativiert. Darin sind sich fast alle Experten einig. Doch wird häufig auch vergessen, dass es bei allen Usern, die mehrere tausend „Freunde“ besitzen, auch eine große Zahl an Menschen gibt, die sich beim verlinken auf ihre wahren Freunde beschränken. Die amerikanischen Forscher des PewResearchCenters untermauern in ihrer Studie „The social side of the internet“ eindeutig, dass verstärkte soziale Kommunikation in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Internet steht. Immerhin bieten Netzwerke wie Facebook oder Twitter die Möglichkeit, alte Freundschaften wiederzubeleben, neue Bekanntschaften zu machen und sich mit Gleichgesinnten zu bestimmten Themen auszutauschen.
Ist eine Person in einem Onlinenetzwerk aktiv, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch ehrenamtlich engagiert ist, um mehr als 30 Prozent höher. Während sich 80 Prozent der aktiven Web-User auch schon einmal ehrenamtlich engagiert haben, kommen diejenigen, die das Netz meiden, hingegen nur auf 50 Prozent. Technologischer Fortschritt und christliche Nächstenliebe schließen sich also nicht aus. Im Gegenteil. Das dürfte Papst Benedikt XIV. ebenso freuen wie Erzbischof Vincent Nichols.


