Der Obama Deutschlands

Zwei Themen erhitzen derzeit die deutschen Gemüter: Die Fußball-WM und die Wahl des neuen Bundespräsidenten. Und nur bei letzterem ist der Ausgang schon so gut wie sicher. Trotzdem scheint gerade eine Euphorie-Welle durch unser Land zu gehen, wie wir sie sonst im Bezug auf Politik bisher nur aus Amerika kennen. Von Politik-Verdrossenheit kann im Moment zumindest keine Rede sein.
  • Christan Wulff oder Joachim Gauck - wer wird der nächste Bundespräsident? Fotos: PR/Wikipedia/Tohma

 

Gauck, der Volksheld

Zwar können die Bürger bei der Wahl des nächsten Bundespräsidenten keinen direkten Einfluss nehmen, trotzdem liegt derzeit eine erstaunliche Sympathie für Joachim Gauck in der Luft. Allein auf Facebook hat der Kandidat von SPD und Grünen auf den Seiten „Joachim Gauck“, „Joachim Gauck als Bundespräsident“ und „Joachim Gauck for President“ zusammen rund 41.000 Anhänger. Christian Wulff kann hingegen gerade einmal rund 2.100 Fans aufweisen. Magere 60 User gehören der Gruppe „Christan Wulff als Bundespräsident“ an.

Daneben gibt es zahlreiche Homepages und Weblogs, die zu Demonstrationen für Gauck aufrufen oder Unterschriften für Petitionen an die Bundesversammlung sammeln. Was sich hier im Internet zeigt, scheint sich jedoch auch „offline“ weiterzuspinnen. So ziehen in Berlin Menschen „mit Gauck-Taschen in der Hand und Gauck-Buttons am Revers durch die Straßen. Wie der Messias strahlt der Kandidat für das Präsidentenamt von Litfaßsäulen und Stromkästen, eine wahre Lichtgestalt. Gauck zu unterstützen ist schick,“ war auf Spiegel Online am 15. Juni zu lesen. Und so liegt der Kandidat von SPD und Grünen mehrerer Umfragen nach deutlich vor Mitbewerber Wulff, würde der Bundespräsident direkt gewählt werden.

Gauck, der Medien-Held

Selbst die Medien quer durchs Land bejubeln die Kandidatur des Stasi-Aufklärers. „Yes, we Gauck“ titelte die Bild-Zeitung und brachte damit die Stimmung auf den Punkt. Und: „Der Präsidentschaftskandidat ist tatsächlich so etwas wie der Obama der deutschen Politik: einer, der sich als Gegenpol zum politischen Establishment eignet, einer, auf den sich alle Sehnsüchte und Hoffnungen nach einer besseren Politik projizieren lassen,“ stellte die Financial Times Deutschland am 14. Juni fest.

Gauck, der Hoffnungsträger

Denn ist es wirklich die Person Gauck, für die hier gekämpft wird? Oder schwingt beim ihm so viel mit, was den Deutschen gerade auf der Seele brennt? Der ehemalige Pfarrer symbolisiert einen Gegenentwurf zum Berliner Poltik-Betrieb. Er tritt auf als Vertreter des Volkes, als „einer von uns“. Wie Obama scheint er für einen möglichen Neuanfang zu stehen. Und so ist die Politikverdrossenheit nicht kleiner geworden, vielmehr wird sie auf Gauck als Hoffnungsträger projiziert.

Im Sumpf der Parteipolitik

Christian Wulff hat es da schwerer. Er kommt direkt aus der Politik. Und schon deshalb transportiert er nicht die gleiche Zuversicht auf einen Neuanfang, obwohl er der jüngste Bundespräsident aller Zeiten wäre. Wulff steht als tragische Figur mitten in den parteipolitischen Querelen der schwarz-gelben Regierung. Partei-Mitglieder – ja ganze Landesverbände – von FDP und CDU/CSU kritisieren die Art seiner Nominierung durch die Parteispitzen. Politiker beider Parteien sprechen sich öffentlich für Gauck aus. Diese Unzufriedenheit und Ungeschlossenheit findet natürlich auch ihren Widerhall in der Bevölkerung.

Überraschung unwahrscheinlich

Dass Wulff trotz all dieser Turbulenzen am 30. Juni zum Bundespräsidenten gewählt wird, ist so gut wie sicher. Gaucks Chance ist nur minimal. Zumal es fraglich wäre, ob er die hohen Erwartungen, die auf ihm lasten, wirklich erfüllen könnte. Auch Obama hat da ja seine Schwierigkeiten. Wulff bliebe zu wünschen, dass die Enttäuschung der „Gauckianer“ ihn nicht mit allzu viel Misskredit in die sowieso schon schwierige Aufgabe als „Krisen-Präsident“ starten ließe.

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