Der Klügere gibt nach?

Jesus sagt in der Bibel: „Glücklich sind, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine Kinder nennen.“ Die Gelegenheit, Frieden zu stiften, bekommen wir vielleicht öfter, als wir denken. Dabei sollten wir bei den Menschen anfangen, mit denen wir am meisten zu tun haben.
  • Foto: Flickr/alasis

 

Es ist nie alles Friede, Freude, Eierkuchen im Leben. Gott hat uns verschiedene Charaktere gegeben und das kann nicht ohne Folgen bleiben. So war es auch bei mir und meinem früheren Mitbewohner Jens. Wir haben uns die meiste Zeit gut verstanden – bis auf ein paar mal. Das letzte mal führte dazu, dass wir einen Monat lang nicht mehr miteinander sprachen. Statt mich bei ihm persönlich zu melden, schrieb ich ihm Post-Its (kleine gelbe Klebe-Zettelchen). Für mich war es eine liebe Art der Kontaktaufnahme. Er warf mir jedoch vor, ich würde mir keine Zeit für ihn nehmen, und ich sagte, er stelle sich wieder mal blöd an. Und schon knallten die Türen. Ein klarer Fall von Missverständnis. Man nehme eine Aussage, eine falsche Interpretation und fertig ist der Streit-Eintopf. Oben drüber kommt eine dicke Stolzsoße, bis man überhaupt nicht mehr erkennen kann, worum es eigentlich anfangs ging.

Stolze Funkstille

Nun hatten wir also Funkstille. Ein paar Versuche der Kontaktaufnahme scheiterten. Was nun? Sollten wir es dabei belassen? Man kann eben nicht mit allen Menschen gut klarkommen! Wie soll denn das auch gehen? Und was sagt Gott dazu? Ich könnte natürlich über meinen Schatten springen und Jens nett und freundlich entgegenkommen. Entgegenkommen würde das auch meiner Harmoniesucht. Ich hasse es, mit Leuten im Unfrieden zu leben. Ich könnte einfach das Telefon nehmen und ihn anrufen. Diesen Gedanken verwerfe ich allerdings schnell wieder. Mein Stolz wehrt sich. Soll er sich doch bei mir melden! Ein paar Tage vergehen und ich merke, dass etwas nicht stimmt. Ich fühle mich einfach nicht wohl bei dem Gedanken, die Situation so zu belassen wie sie ist. Erst jetzt frage ich Gott, was er denn von der ganzen Sache hält. Irgendwie weiß ich, dass dieses beengende Unwohlsein von ihm kommt. Wie ein leiser Stubs, den er mir gibt.

...wenn der Seelentank sprudelt

Wenige Tage später nehme ich mit noch größerem Unwohlsein am Abendmahl unserer Gemeinde teil. Beim Schlusssegen zitiert der Pastor Psalm 34, 15: „Wendet euch ab von allem Bösen und tut Gutes! Setzt euch unermüdlich und mit ganzer Kraft für den Frieden ein!“ Okay, also unermüdlich und mit ganzer Kraft, ja? Das hört sich ja gar nicht resignierend, schwach und harmoniesüchtig an – im Gegenteil! Plötzlich bin ich voll motiviert und fühle mich, als hätte jemand Super plus anstatt „normal“ in meinen Seelentank gefüllt. Wieder zu Hause nehme ich ohne zu zögern den Telefonhörer, wähle Jens Nummer und bin zwischendurch über mich selber erstaunt. Eigentlich habe ich in 20 Minuten einen Termin. Was mache ich hier eigentlich? Was sage ich? Bevor ich mir eine Antwort zurechtlegen kann, kommt aus dem Hörer bereits ein „Hallo?“ Zu spät. Ich muss reden, wie es aus mir heraussprudelt. Ganz ungefiltert. Erst ganz behutsamer Small-Talk, als wäre nichts gewesen. Nach fünf Minuten komme ich aber zum Thema „Ich wollte mich bei dir entschuldigen.“ Ohne zu zögern schließt er an „Schön, dass du anrufst. Du bist eine meiner wenigen echten Freunde. Es tut mir leid, wie ich mich dir gegenüber verhalten habe.“ Wow, das war jetzt sogar mehr, als erwartet.

Probleme lösen sich nicht unter dem Teppich

Wir sprechen darüber, was uns gestört hat und warum wir entsprechend reagiert haben. Manches müssen wir nicht näher erläutern, weil wir so gegensätzliche Charaktere sind, dass uns manche irrationale Reaktion des jeweils anderen gar nicht mehr wundern dürfte. Das Gespräch dauerte gar nicht lange und so konnte ich sogar noch meinen Termin einhalten. Ein kleines Wunder. Warum habe ich mich davor so gesträubt? Habe ich jetzt mein Gesicht verloren oder Schwäche gezeigt? Nein! Ich fühle mich befreit und das beengende Gefühl ist wie weggepustet. Man kann viel über Frieden sprechen und darüber, wie es ist, sich zu versöhnen. Doch an die eigene Nase packt sich keiner gerne. „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Dümmere ist“, sagte mir einmal eine Schulfreundin. Ich konnte ihr damals nicht zustimmen, weil ich aus Harmoniesucht lieber alles unter einen dicken Teppich kehrte und hoffte, dass sich alles irgendwie regelt oder in Vergessenheit gerät. Heute bin ich klüger und darf miterleben, wie Gott mich stark macht, wenn ich augenscheinlich „der Dümmere“ bin.

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