Der Kampf gegen den Terror geht weiter

Am Ende war es doch keine Höhle, in der sich der meistgesuchte Terrorist der Welt versteckt hielt. Osama bin Laden lebte vielmehr in den oberen zwei Stockwerken eines Hauses in Abbottabad, 50 Kilometer nördlich von Pakistans Hauptstadt Islamabad. Der Mann, dessen Name wie kein anderer für den 11. September steht, wurde am 1. Mai von einer Einheit der US-Elitetruppe Navy Seals aufgespürt und getötet.
  • Präsident Obama, Vizepräsifent Biden und Mitgleider des nationales Sicherheitsteams erhalten Neuigkeiten über die Operation gegen Osama bin Laden. Foto: Official White House Photo/Pete Souza

 

Auch wenn viele Details noch unklar sind: Fest steht, dass bin Laden mit zwei Schüssen getötet wurde. Nicht mal 24 Stunden später wurde seine Leiche in einem beschwerten Sack von Bord des Flugzeugträgers USS Carl Vinson im Persischen Golf versenkt – nach Auskunft von US-Vertretern im Einklang mit muslimischen Ritualen. Die Ereignisse vom Wochenende werfen viele Fragen auf. Zwei erscheinen in der gegenwärtigen Situation besonders wichtig: Ist der Krieg gegen den Terror mit dem Tod bin Ladens zu Ende? Und: Darf eine westliche Demokratie Auftragsmorde begehen?

Jubelstürme in Amerika

Die Szenerie mutete für Europäer fremdartig an: Kurz nachdem US-Präsident Obama im Ostflügel des Weißen Hauses das Ableben bin Ladens bekanntgeben hatte, brachen vielerorts spontane Jubelstürme aus. Vor allem in Washington und am Ground Zero kamen viele Menschen spontan zusammen, zeigten Flagge und sangen die Nationalhymne. Bob Lynch, der als Soldat gerade aus Afghanistan zurückgekommen war, sprach bei CNN vielen Amerikanern aus der Seele: „Ich war wirklich erleichtert. Endlich ist es vorbei!“ Fernsehkommentator Geraldo Rivera klatschte bei FOX News mit seinem Studiokollegen spontan ab als die Nachricht über den Ticker lief: „Ob er in ein Erdloch gefallen ist oder sich seinen Kopf am Auto gestoßen hat – mir ist eigentlich egal, wie er gestorben ist.“ Auf MSNBC kommentierte Moderator Chris Matthews: „Obama hat das getan, was Amerika gebraucht hat.“

Bin Ladens Symbolwirkung

Seit den Anschlägen vom 11. September war Osama bin Laden der meistgesuchte Verbrecher der Welt. Auch wenn laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage nur noch jeder zehnte Amerikaner daran geglaubt hat, dass man ihn finden würde, war seine Symbolwirkung ungebrochen: Bin Laden gab den schrecklichen Ereignissen ein Gesicht. 27 Millionen Dollar waren auf seinen Kopf ausgesetzt.

Mit einer bis dahin einmaligen Unterstützung der Weltgemeinschaft und einer UNO-Resolution im Rücken marschierte die von den USA geführte „Koalition der Willigen“ am 7. Oktober 2001 in Afghanistan ein und vertrieb mehr oder weniger erfolgreich die herrschenden Taliban, die Al-Kaida Unterschlupf gewährt hatten. Öffentlich ging es dabei immer auch um bin Laden.

Den „dritte Sündenfall“ der US-Außenpolitik

Doch schnell verstrickte sich die Bush-Regierung im Kampf gegen den Terrorismus in ein nur noch schwer durchschaubares politisches Wirrwarr: Mit wechselnden Argumenten beging sie (nach dem Philippinen-Feldzug im 19. Jahrhundert und dem Vietnam-Krieg im 20. Jahrhundert) den „dritten Sündenfall“ der US-Außenpolitik: den nicht aufgezwungenen, völkerrechtlich nicht gedeckten Einmarsch in den Irak 2003. Und die Gründe variierten mehrfach: Diktator Saddam Hussein arbeite an Massenvernichtungswaffen; er unterstütze Al-Kaida; im Nahen Osten solle mit dem Irak eine beispielhafte Demokratie gedeihen, die Vorbild für eine ganze Region sein. Die Unterstützung und Sympathie vieler Staaten, die die USA nach dem 11. September noch sicher hatten, schwand über die Jahre merklich. Eine breite Opposition, angeführt von Deutschland und Frankreich, formierte sich.

Bin Laden warf man dann schließlich, weil es der eigenen Argumentation nutzte, mit Saddam Hussein einfach in einen Topf. Nachdem dieser aus dem Amt getrieben und schließlich hingerichtet worden war, war auch bald keine Rede mehr von bin Laden. Und das Land zwischen Euphrat und Tigris ist bis heute nicht befriedet – ebenso wie Afghanistan. Die abstrakte Gefahr von Al-Kaida beschworen die Amerikaner jedoch weiterhin. Jedoch hatte sich die Terrororganisation längt in viele regionale Zellen verselbstständigt.

Der wichtigste Moment in Obamas Präsidentschaft

Beobachter schätzen, dass bin Laden vielleicht schon seit 2005 in seinem Haus in Abbottabad gelebt haben könnte. Vermutlich hatte er mit den Jahren und der zunehmenden Regionalisierung seiner Terrorjünger erheblich an Einfluss eingebüßt. Und dennoch könnte der 1. Mai 2011 der wichtigste Moment in Barack Obamas Präsidentschaft sein.

Was Amerika in diesen Tagen erlebt, kommt uns Europäern fremd vor. Doch es ist typisch für das Land. In Zeiten von großen außenpolitischen (und militärischen) Ereignissen, erlebt die USA regelmäßig den sogenannten „Rally around the flag“-Effekt: Über alle Parteigrenzen hinweg solidarisieren sich die Menschen mit dem politischen Führer im Weißen Haus. Und so wird Obama in den kommenden Wochen wohl eine ungeahnte Popularität erreichen – so wie schon vor ihm George W. Bush nach dem 11. September, Jimmy Carter während der Iran-Contra-Affäre oder auch John F. Kennedy nach der Kuba-Krise.

„Die Welt ist nicht sicherer geworden“

Es mag für viele Amerikaner eine Genugtuung sein, dass bin Laden nun umgebracht wurde. Die US-Psychologin Pamela Gerloff merkt in einem Kommentar der Huffington Post an, dass man zwar froh sein könne, dass das Kapitel bin Laden endlich abgeschlossen sei. Den Jubelstürmen über dieses Ereignis stünde aber in fundamentaler Weise die Menschenwürde entgegen. Es sei sehr schwer, sich nicht zu denken, dass endlich Gerechtigkeit herrsche, aber „die Welt ist nicht sicherer geworden mit bin Ladens gewaltsamem Tod. Es gibt also keinen Grund zur Freude.“

Gerloff spricht einen wichtigen Punkt an: Definieren sich nicht die liberalen Demokratien des Westens gerade dadurch, dass sie nicht Selbstjustiz üben, sondern Kriminelle, sogar Terroristen, vor ein ordentliches Gericht bringen? Sollten sie das nicht? Müssen sie das nicht? Machen sich Staaten nicht moralisch angreifbar, wenn sie – bei allem (sicherheits-)politischen Verständnis – Todesschwadrone in die Welt entsenden? Bin Laden auf juristischem Wege das Handwerk zu legen, wäre wohl um ein vielfaches leichter gewesen, als viele der von Rachegelüsten getriebenen Menschen denken.

Wie vertrauenswürdig ist Pakistan?

Ob nun der Nachfolger von bin Laden wird oder nicht – Al Kaida ist längst regional zergliedert. Die Terrorzellen agieren viel häufiger eigenständig und fragen nicht mehr um Erlaubnis. Terrorausbildungscamps gibt es inzwischen auch in Somalia und anderen Staaten dieser Welt. Dafür braucht man keine Al Kaida-Führungsfigur. Umso mehr steigt die Gefahr von Racheakten einzelner Zellen. Die US-Geheimdienste haben eine Warnung an alle Amerikaner im Ausland herausgegeben und sie dazu auffordert, vorsichtig zu sein.  

Welche Auswirkungen hat die Tötung jedoch auf das Verhältnis der USA zu Pakistan? Der instabile Atomwaffenstaat ist seit längerem kein vertrauensvoller Verbündeter des Westens mehr. Und  Zweifel an der Aufrichtigkeit der Regierung von Präsident Asif Ali Zardari und Premierminister Syed Yousaf Raza Gilani beim Kampf gegen islamische Terroristen sind durchaus angebracht: Es ist schwer nachzuvollziehen, dass weder die Regierung noch der allmächtige Geheimdienst ISI nicht vom Aufenthaltsort bin Ladens gewusst haben wollen. Dennoch: Die Pakistaner sind erbost darüber, dass sie von den USA nicht im Vorfeld über den Militärschlag informiert und somit in ihrer Souveränität verletzt wurden.

Das Kapitel Osama bin Laden mag beendet sein, der Kampf gegen den Terror mit all seinen Auswirkungen ist es noch lange nicht.

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