Der Avatar auf der Kirchenbank

Kirchenglocken läuten keine, auch die Orgel spielt nicht. Aber es gibt eine Kirche mit Bänken, Altar und vielen Wandmalereien. Geprägt von dieser Atmosphäre sprechen ein Dutzend Menschen über Kopfhörer und Mikrofon. Manche hören nur zu, tippen auf der Computertastatur ihre Gebetsanliegen, bekreuzigen sich am Schreibtisch zu Hause. Jeder betet für sich, aber doch gemeinsam vor Gott. Seit Ende 2008 lädt das katholische Erzbistum Freiburg in der Internet-Welt von „Second Life“ in die virtuelle St.-Georgs-Kirche ein. Die Betreiber der Online-Kirche bieten für interessierte Nutzer Seelsorge, Bibelarbeiten und Gebetsgemeinschaften an.
  • Foto: PR

 

Avatare beten und klicken auf der Kirchbank

Zwischen acht und 14 Nutzer loggen sich in den Abendstunden ein und besuchen St. Georg. Als Avatare bewegen sie sich durch die virtuelle dreidimensionale Welt des „Second Life“, die seit 2003 verfügbar ist. „Wir sind eine echte Kerngemeinde, eine Community“, sagt Projektleiter Norbert Kebekus. Und zu der zählen neben Deutschen auch einige Schweizer. Sogar manche US-Amerikaner, die „einfach mal neugierig“ gewesen seien, habe es schon in die Online-Kirche verschlagen. Behinderte, die es körperlich nicht in die nächste Kirche schaffen, kämen ebenfalls gerne. Am Eröffnungstag im November 2008 kam gar 540 Avatare in das virtuelle Gotteshaus.

Einzigartiges Networking im deutschen Sprachraum

Ein regelmäßiges Angebot wie das der virtuellen St.-Georgs-Kirche aber gab es noch nie im deutschsprachigen Raum. Der Bibelkreis trifft sich zweimal im Monat mittwochs, zweimal die Woche gibt es ein gemeinsames Abendgebet. „Wir wollen keine Konkurrenz zum Gottesdienst im echten Leben sein“, sagt Kebekus. Der Seelsorger und sein Team sehen ihre Aufgabe darin, Angebote der Ortsgemeinden zu ergänzen. „Wir spenden keine Sakramente, auch kann ich keinen Avatar taufen“. Aber sie suchen nach Gott im Netz.

Online-Gemeinde wächst mit mehreren Generationen

In der Online-Kirche treffen sich Suchende zwischen 20 und 72 Jahren. „Wir teilen unseren Glauben mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen“, sagt der 50-jährige Kebekus. Er selbst hätte seinen Avatar gerne etwas älter gestaltet, aber „im Second Life gibt es leider keine Falten“. Ende 2010 will der Betreiber des Pilotprojekts „Kirche in virtuellen Welten“, die Erzdiözese Freiburg, über ein längerfristiges Engagement entscheiden. Bis dahin möchte Kebekus das Grundstück im „Second Life“ noch ausbauen, mit anderen Portalen vernetzen und manche technische Hürde seiner Besucher meistern.

Theologie für Interessierte, gelebter Glaube für jedermann

Die virtuelle St.-Georgs-Kirche bietet auch theologische Themenabende an. Kürzlich ging es um „Himmel und Hölle“. Über das Fegefeuer zu reden, das widerspreche doch dem Vorurteil, im Netz könne man nur seichtere Fragen beantworten, urteilt Kebekus. Er will dem Nächsten dienen, Zeugnis für Jesus Christus sein und die frohe Botschaft verkünden: „Wir sind nicht irgendein Kuschelklub im Netz.“ Auch einen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Loveparade fand Ende Juli in der Online-Kirche statt.

Im vergangenen Herbst haben sich die Nutzer des Kirchenprojekts erstmals im realen Leben getroffen. Wo? In der echten St. Georgs-Kirche in Oberzell am Bodensee. Die Gründer der Online-Kirche hatten sich St. Georg als „Paten“ ausgesucht, weil sie weit hinaus über die Region als Weltkulturerbe der Klosterinsel Reichenau bekannt ist. Hinzu kommt, dass die mittelalterlichen Wandmalereien im Internet einfacher nachzubauen waren als beispielsweise Wandfiguren im Freiburger Münster: „Damit wollen wir eine Spannung zwischen ganz altem Bau und neuen Medien schaffen. Für uns ist das kein Gegensatz“, erklärt Norbert Kebekus.

Erfahr mehr über die virtuelle Kirche St.Georg oder klick Dich direkt zu ihr im Second Life.

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