Den Partner fürs Leben finden
Ist sie die Richtige? Ist er der Richtige? Eine Checkliste hilft, sich klarzumachen, was das Gefühl oft schon weiß: „Alles in Ordnung“. Oder: „Wir haben noch Arbeit vor uns.“ Oder auch: „Das kann nicht funktionieren.“ Jörg Berger (40), Psychotherapeut aus Heidelberg, gibt Tipps, die Paaren Klarheit geben und Singles bei der Suche nach dem Partner fürs Leben helfen können.
Wir sind nicht frei von Altlasten
Eins muss sich jeder klarmachen: Jeder Mensch – also auch der Partner – ist von seiner Vergangenheit geprägt. Sie hat ihn zu dem Menschen gemacht, den ich liebe. Aber die Vergangenheit kann eine Beziehung auch belasten. Ein Beispiel: Patrick ist von seinem Vater oft niedergemacht worden, Lob hat er selten gehört. Heute macht er manchmal Bemerkungen, die seine Freundin Kim klein und dumm erscheinen lassen. Im Verliebtsein sieht Patricks Freundin darüber hinweg, es ist ja auch witzig gemeint. Später wird Patrick sie so hart kritisieren, wie er es früher selbst erlebt hat, und damit das Selbstwertgefühl seiner Frau ruinieren.
Ein weiteres Beispiel: Kim hatte eine innige Beziehung zu ihrem Vater, allerdings ist dieser so mit ihr umgegangen, dass sie sich manchmal nicht wie eine Tochter, sondern eher wie eine Geliebte gefühlt hat. Heute in ihrer Partnerschaft kommt es vor, dass sich Kim beim Küssen ekelt. Dann läuft sie unter einem Vorwand aus dem Zimmer. In ihrer Ehe wird sie schnell den Spaß am Sex verlieren und ihrem Mann, der sie nicht bedrängen will, ein Leben in Enthaltsamkeit zumuten.
Altlasten zeigen sich also schon am Beginn einer Beziehung: verletzende Gefühlsausbrüche, Abhängigkeiten, eine Neigung zur Machtausübung, Depressivität, ängstlicher Rückzug oder belastende sexuelle Vorerfahrungen. Solche Lebenslasten sucht sich keiner aus, trotzdem können sie eine Beziehung unglücklich machen. Wenn eine Lebenslast die Partnerschaft beschwert, muss sie entschlossen angegangen werden – durch offene Gespräche und eine Entscheidung gegen die alten Verhaltensmuster, manchmal durch Seelsorge oder psychotherapeutische Hilfe. Ein Partner, der sich seinen Lebenslasten nicht stellt oder sie herunterspielt, ist wahrscheinlich nicht der Richtige.
Das Bauchgefühl stimmt oft
Unser Gefühl arbeitet anders als unser Verstand. Es vergleicht eine Situation, die wir erleben, sekundenschnell mit anderen Erlebnissen, die ähnlich waren. Ihr Ergebnis teilt die Intuition als Stimmung oder Körperreaktion mit. Wir werden ausgelassen oder wachsam, glücklich oder traurig, lebendig oder gehemmt. Unsere Gedanken lassen sich leicht in die Irre führen. Unser Gefühl dagegen ist unbestechlich. Bei wichtigen Entscheidungen müssen beide zum gleichen Ergebnis kommen – der Kopf und das Bauchgefühl. Deshalb sollte man ein ungutes Gefühl nie übergehen. Auch in guten Beziehungen tauchen Bindungsängste, Zweifel, Scham oder Momente der Bedrückung auf. Aber häufiger sind Momente von Entspanntsein, Ausgelassenheit und der Zuversicht, auf eine schöne Zukunft zuzugehen.
Wenn ein ungutes Gefühl immer wieder kommt und sich nur mit Mühe beiseiteschieben lässt, stimmt etwas mit der Beziehung nicht. In einem Gespräch mit einem lebenserfahrenen Menschen lässt sich die Botschaft des Bauchgefühls vielleicht entschlüsseln. Es gibt auch Tricks, die das Unbewusste bewusst machen: das Bauchgefühl malen oder Sätze vervollständigen: „Ich habe Angst, dass …“, „Was ich in der Beziehung erlebe, erinnert mich an …“, „Am liebsten würde ich…“.
Eine gemeinsame Basis ist wichtig
Verliebte teilen ihre Träume vom Leben: Kann ich mir eine große Familie vorstellen oder höchstens ein Kind? Ist eine Karriere die Opfer wert, die man für sie bringen muss? Soll sich das Zuhause vielen Gästen öffnen, oder soll es ein Rückzugsort sein? Die Prioritäten eines Menschen sind erstaunlich stabil. Wer heute hart für sein Studium arbeitet, wird sich vermutlich nicht zu einem Familienmenschen entwickeln, der abends um halb sechs nach Hause kommt. Die Hoffnung, dass sich vieles noch ändern kann, trügt meistens.
Das gilt auch für die Einstellung zum christlichen Glauben. Wenn einer die Gottesbeziehung und die Kirche seines Partners kennengelernt hat und trotzdem auf Distanz bleibt, wird sich daran meist auch nicht viel ändern. Für Christen ist das vielleicht die wichtigste Frage: Möchte ich einen Partner, der den Glauben aus Überzeugung bejaht, der seine Gottesbeziehung pflegt und dem Wachstum im Glauben wichtig ist? Die gemeinsame Basis der Beziehung sollte zumindest so breit sein: Kann ich die Prioritäten meines Partners auf Dauer unterstützen, ohne dass ich meine Lebensträume gefährdet sehe? Und gilt das auch umgekehrt?
Dann lieber nicht so „toll“
Es muss nicht von Anfang an alles stimmen. Wichtiger ist die Lernfähigkeit: sich immer neu auf die Gefühle und Bedürfnisse des geliebten Menschen einzulassen, Kompromisse zu suchen, ein offenes Ohr für Kritik zu haben und an den eigenen Schwächen zu arbeiten. Ob ein Partner diese Fähigkeit mitbringt, zeigt sich ganz früh. Es gibt Menschen, die sind begabt, attraktiv und menschlich gewinnend – Traumpartner, perfekte Schwiegertöchter oder Schwiegersöhne. Von ihren Qualitäten leiten sie aber oft ihr Lebensmotto ab: „Ich bin toll, sei damit zufrieden.“ Kritik oder Wünsche kommen ihnen vor, als würde ihr Partner ihre Qualitäten nicht schätzen oder unersättliche Ansprüche stellen.
Mit einem solchen Menschen kann man glänzen, aber nicht glücklich werden. Natürlich lässt sich auch Kritikfähigkeit in einer Beziehung lernen. Aber wer in seiner Unkorrigierbarkeit unkorrigierbar ist, der eignet sich nicht für eine Paarbeziehung. Dann lieber einen Menschen finden, der nicht ganz so „toll“ ist, aber eine liebevolle Bereitschaft zum Lernen mitbringt.
Wenn auch andere eine positive Zukunft sehen
Es ist ein großer Moment, wenn sich ein Paar findet. Wer sich befreundet hat, hört viele Kommentare von Menschen, die sich mitfreuen und die positiven Eigenschaften des Partners loben. Es kann jedoch auch vorkommen, dass die Partnerwahl andere verwirrt oder besorgt macht. Statt Mitfreuen bekommt man dann eher eine seltsame Zurückhaltung zu spüren. Und das selbst bei guten Freunden.
Ist das der Fall, sollte man unbedingt fragen, warum die Beziehung so auf andere wirkt. Vielleicht kennen andere die Vorgeschichte des Partners als Herzensbrecher und glauben nicht, dass es diesmal etwas „ganz Besonderes“ ist. Vielleicht haben sie das Gefühl, dass sich ein vertrauter Mensch für den Partner verbiegt, seit die Beziehung ernsthaft geworden ist. Wenn die Reaktionen im Freundeskreis überwiegend kritisch sind, ist das ein Alarmsignal, dem man nachgehen sollte.
Trennen oder nicht?
Viele Paare können die Punkte dieser Checkliste abhaken und sich freuen, dass ihnen eine stabile Beziehung geschenkt ist. Andere werden einen Punkt entdecken, bei dem es noch Gesprächs- und Handlungsbedarf gibt. Aber was, wenn ein oder zwei Punkte gar nicht stimmen? Sollte man sich dann trennen? Nein, denn das würde der eigenen Liebe Gewalt antun und auch dem Partner die Möglichkeit nehmen, für die Beziehung zu kämpfen.
Aber es wäre gut, sich der Sache zu stellen und eine Spannung aufzubauen, unter der sich die Beziehung verändern kann: „Ich habe Angst, dass wir nicht glücklich bleiben, wenn …“, „Wenn dieser Punkt so bleibt, dann muss ich einen wichtigen Teil von mir aufgeben, und das will ich nicht.“ Vielleicht braucht es einige Anläufe, Beispiele und Erklärungshilfen von anderen, um dem Partner klarzumachen, wo das Problem liegt. Je nachdem wie er reagiert, öffnet sich die Tür in eine gemeinsame Zukunft, oder es findet eine Ablösung statt: „Der andere kann oder will nicht geben, was ich unbedingt brauche.“
Zum Weiterlesen: Jörg Berger: Mit offenen Augen lieben. Das Geheimnis der Partnerwahl, 80 Seiten, ISBN 978-3868271171, EUR 6,95


