Das Netz-Ich zwischen Wunsch und Wirklichkeit

In Zeiten der Postmoderne sind soziale Online-Netzwerke und Webseiten wie YouTube für viele eine Plattform geworden, um sich der Welt mitzuteilen. Dabei präsentieren die Nutzer ein Idealbild von sich selbst. Die Frage, wie authentisch Menschen im Netz sind, bleibt eine wichtige kulturtheoretische Frage in einer Zeit, in der das Internet weite Teile des Lebens beherrscht. Eins jedoch scheint sicher: Die Netz-Identität ist immer noch Teil und Reflexion des realen Ichs.
  • Wie authentisch präsentieren sich Menschen im Internet? Foto: Pixelio/Gerd Altmann

 

Schon 1999 hatten die Entwickler von Linden Lab in San Francisco die Idee, ein Metauniversum zu schaffen. Eine Online-Welt, in der sich jeder Mensch frei bewegen und der sein kann, der er will. Dazu braucht es nur einen Avatar, den jeder User nach seinen eigenen Vorlieben kreieren kann. Ist dieses zweite Ich erst einmal geboren, steht dem zweiten Leben nichts mehr im Wege. Interagieren und handeln gehören ebenso zum Alltag im Metauniversum wie kommunizieren oder einfach nur beobachten: Die Plattform „Second Life“ hat weltweit mehr als 24 Millionen registriere Nutzer. In der Online-Welt tummeln sich zwischen 35.000 und 60.000 Nutzer gleichzeitig.

Bei YouTube, dem weltweit größten Internet-Videoportal kommt das Netz-Ich ohne jegliche Avatare aus. Und auch hier ist der Zuspruch überwältigend: Jede Minute werden mehr als 35 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Pro Tag verzeichnet die Seite mehr zwei Milliarden Klicks. Musik, Filmtrailer, Reiseimpressionen oder einfach nur Erinnerungen an die letzte Party – hier findet sich alles. Und in einer kleinen Nische tummeln sich User, dessen Videos nur einen einzigen Hauptdarsteller kennen: sich selbst. Die sogenannten YouTube-Gurus feiern mitunter großen Erfolg.

Wie authentisch präsentieren sich Menschen im Internet?

Egal ob Second Life, YouTube, MySpace, Facebook oder Twitter: Wie authentisch sind die Menschen, die sich im Netz präsentieren?

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen dem realen und dem virtuellen Leben. Aber während jeder im realen Leben mit seinen Stärken und Schwächen umgehen muss, bietet die Onlinewelt eine Möglichkeit, ganz von vorne anzufangen. Ohne Altlasten und Unsicherheiten. Das Netz-Ich wird zum ideellen Selbstbild in einer Zeit, in der schon kleine Kinder mit einem Menschenbild konfrontiert werden, das Perfektionismus predigt. Die schönen Männer und Frauen, die von großen Plakaten auf uns herunterschauen und dabei für allerlei Produkte werben, sind ein Beispiel von vielen. Da ist es nur eine logische Konsequenz, dass sich viele Menschen im Netz auch nach eine perfekten Persönlichkeit sehen, nämlich ihrer eigenen.

Zusammenhang dem Selbstbewusstsein und dem eigenen Facebookauftritt

Die Psychologin Soraya Mehdizadeh von der York University in Toronto, Kanada, fand in einer 2010 veröffentlichten Studie heraus, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem realen Selbstbewusstsein und dem Online-Narzissmus einer Person gibt. Mehdizadeh untersuchte das Facebook-Verhalten von 100 Nutzern des Onlinenetzwerks. Ihr Ergebnis: Leute mit geringerem Selbstbewusstsein verbringen tendenziell mehr Zeit bei Facebook als Leute mit einem höheren Selbstbewusstsein. Interessanterweise luden Erstere darüber hinaus häufiger Fotos von sich in selbstbewussten Posen hoch. Michael Stefanone von der University at Buffalo in New York: „Aufmerksamkeit bedeutet Macht. Wenn das Selbstbewusstsein einer Person davon abhängt, wie sie aussieht, dann ist Facebook der ideale Ort um sich zu präsentieren.“ Und gerade bei Facebook wird viel gepostet: Nach einem Bericht der kanadischen Zeitung The Globe and the Mail laden User hier weltweit 30 Milliarden Inhalte (Fotos, Links oder Postings) hoch – jeden Monat wohlgemerkt. Da überrascht es nicht, dass es auch Studien gibt, die besagen, dass User mit wenigen Wallposts ein geringeres Selbstbewusstsein haben als die, die mehr Einträge auf ihrer Pinnwand verzeichnen.

Wenn es also bei sozialen Onlinenetzwerken wie Facebook um die ideelle Darstellung des eigenen Ichs geht, welche Motivation haben User dann bei YouTube, Videoblogs von sich hochzuladen? Worum geht es den Nutzern eigentlich, die online auf Namen wie HerrTutorial, DiamondOfTears oder schlicht diejungs hören?

Unterschiedliche Motivationen sich online darzustellen

Die Gründe sind unterschiedlich. Zum einen gibt es die, die mit ihren Videos ihre besonderen Qualitäten und Fähigkeiten präsentieren. Das tun sie zum einen, um sich Anerkennung von anderen zu sichern, aber dann gibt es auch wiederum diejenigen, die mit ihren Beiträgen anderen Usern etwas beibringen wollen. Und natürlich macht es auch Spaß, sich im Netz zu präsentieren. Aber viel wichtiger ist ein Aspekt, der häufig in der Betrachtung untergeht: User, die Videoblogs online stellen und damit eine bestimmte Gruppe von Menschen ansprechen, werden vor allem eins: gebraucht. Es entsteht eine Verbindung zwischen der Onlinewelt des Users und der realen Welt der Leute, die eben jene Videos schauen. Wer gut ist, dem wird zugeschaut. Doch was genau „gut“ bedeutet, ist nicht immer eindeutig. Zur surrealen Verschmelzung beider Seiten kommt es mitunter auch. Wenn die 15 Minuten Ruhm eines Videobloggers in die Verlängerung gehen und es ein Fan-Treffen im realen Leben gibt.

Das Netz-Ich kommt bei allen Versuchen, sich im positivsten Licht darzustellen, nicht um die Reaktionen auf die eigene Präsenz umher. Die Kommentare, die andere YouTube-Nutzer unter den Videos hinterlassen, haben häufig ihre ganz eigene Qualität. Der britische Guardian schrieb schon 2009 über einen neuen Trend der YouTube-Kommentare: „Jugendlich, aggressiv, voller Rechtschreibfehler, sexistisch, homophob, irgendwas zwischen wüsten Beschimpfungen und einer ausführlich Inhaltsbeschreibung gefolgt von einem LOL. YouTube-Kommentare sind eine Brutstätte infantiler Diskussionen und schamloser Ignoranz. Nur in den äußersten Fällen ist etwas Geistreiches dabei.“ Die Kollegen des Daily Telegraph meinen: „Jene Kommentare stellen einige der konfrontativsten und schlecht formuliertesten Dialoge im ganzen Internet dar.“ Gilt im wahren Leben noch der Spruch „gesagt ist gesagt“, bietet die Onlinewelt hier jedoch einen unschlagbaren Vorteil, um das eigene Image weiterhin positiv zu beleuchten: kritische Postings können umgehend gelöscht werden. Oder man sperrt die Kommentarfunktion gleich komplett.

 

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