Die Lüge bleibt unvergeben
Maria entdeckt ein Lied in sich. Es ist ein argentinisches Kinderlied, dass sie zufällig auf dem Flughafen in Buenos Aires hört und wiedererkennt. Sie kann es gar mitsingen, obwohl sie kein Wort spanisch spricht. Ihre Welt gerät aus den Fugen. Der Film „Das Lied in mir“ heimste beireits den Festivals in Montreal, Zürich Hof und Biberach diverse Preise ein und wurde mit Lob überschüttet.
Das Lied bringt Marias Welt ins Schwanken. Sie verpasst ihren Anschlussflug nach Chile, verliert ihren Pass und ihr Vater Anton, der ihr allzu schnell hinterher reist, offenbart ihr, nicht ihr leiblicher Vater zu sein. Ihre argentinischen Eltern verschwanden während der Militärdiktatur, Anton und seine Frau nahmen die dreijährige Maria zu sich nach Deutschland.
Die fremde Heimatstadt
Von einer Art Heimweh getrieben, bleibt Maria in Buenos Aires. Der Zuschauer folgt ihr durch die chaotischen Straßenschluchten der viel zu großen Stadt und macht sich zusammen mit ihr auf die Suche nach ihrer Vergangenheit. Sie nimmt Kontakt zu ihrer Familie auf und versucht zu begreifen, was damals genau geschah. Dabei stößt sie immer wieder auf neue Lügen ihres Vaters.
„Das Lied in Mir“ funktioniert als Beispiel für eine Geschichte, die sich tausendfach wiederholte. Kinder verschwundener Eltern erfuhren irgendwann, dass die Familie, in der sie aufwuchsen, nicht ihre leibliche war. Regisseur Florian Cossen legt den Schwerpunkt des Films auf diesen Moment und beobachtet sehr genau, wie die Figuren damit umgehen.
Zerbrechlichkeit und Ablehnung
Michael Gwisdek als Marias Vater spielt das hervorragend. Seine Figur wankt zwischen Selbstgerechtigkeit und Sühne und versucht dabei, Haltung zu bewahren. Seine Zerbrechlichkeit scheint aber immer wieder durch. Jessica Schwarz dagegen zeigt recht einseitig barsche Ablehnung. Einen Gegenpol, etwa Freude über ihre neue Familie oder Trauer über verlorene Zeit gibt es nicht. Grandios ist der Argentinische Cast rund um Theaterschauspielerin Beatriz Spelzini als Estela, der man das tägliche Hoffen auf ein Lebenszeichen der verschwundenen Nichte abnimmt.
Raum für die Lüge
Der Film gibt seinen Figuren sehr viel Raum und Zeit, die dann an anderer Stelle fehlt. Auf die argentinische Militärdiktatur wird nur ab und zu am Rande eingegangen. Marias Leben in Deutschland wird überhaupt nicht erwähnt. Und was genau mit ihren Eltern geschah, wird ebenso nicht erzählt. Auch gibt es keinen Platz für Sühne, Gerechtigkeit oder Vergebung. Beleuchtet wird tatsächlich vor allem der Moment der entdeckten Lüge und der unmittelbare Umgang mit ihr. Und tatsächlich: das reicht für einen abendfüllenden Film.
Regisseur Frank Cossen, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, gelingt mit seinem hochgelobten Regiedebüt ein zwar zeitlich stark eingeschränktes, aber durchaus beeindruckendes Personenporträt. Die langsame Erzählweise, der untypische Soundtrack die grandiosen Stadtaufnahmen von Buenos Aires und die viel zu engen Räume ergeben ein immer wieder beklemmendes Ganzes, das durch die Emotionalität von Marias Verwandten aufgelockert wird. Die Story wird zu keinem Ende gebracht, zu viel bleibt offen, zu wenig wird erklärt. Die Lüge bleibt unvergeben im Raume stehen. Der Zuschauer bleibt nachdenklich und ein bisschen unzufrieden zurück.
Flash ist Pflicht!
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