Darf ich meine Freunde kritisieren?

In jeder Freundschaft trifft man auf das Spannungsfeld zwischen den Stärken und den Schwächen des Anderen. Warum sich Christen dabei nicht nur „in Liebe ertragen“ müssen – und was die Bibel dazu sagt.
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„Die Liebe erträgt alles”, sagt uns die Bibel (1. Korinther 13,7). Sollen wir also die Schwächen und Sünden der Anderen stumm aushalten und uns nur um unsere eigenen Probleme kümmern? Diesen Eindruck könnten die folgenden Verse vermitteln:

„Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ‚Halt still! Ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen’ – und dabei sitzt ein Balken in deinem eigenen Auge?“ (Matthäus 7,3+4)

Eine gute Ausrede

Solange du selbst Probleme hast, solltest du niemanden zurechtweisen, scheinen uns diese Worte aufzutragen. Sie können dann auch zu einer guten „Ausrede“ werden, um andere nicht kritisieren oder ermahnen zu dürfen. Doch das wollte Jesus damit gar nicht sagen. Denn bereits im darauffolgenden Vers fordert er uns dazu auf, unsere Fehler anzugehen, um schließlich auch dem Gegenüber zu helfen: „Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann wirst du klar sehen und kannst den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehen.“

Unsere Herzenshaltung ist entscheidend

Es kommt also auf die richtige Herzenshaltung an, wenn wir andere kritisieren: Möchte ich mich mit meiner Kritik besser darstellen oder vielleicht eigene Fehler überdecken? Habe ich die unbewusste Absicht, den andern schlechtzumachen? Dürfen andere auch etwas an meinem Leben kritisieren? Wenn zum Beispiel ein Freund zu viel Alkohol trinkt, habe ich die Pflicht, mit ihm über seinen Konsum zu sprechen und ihn auf die Gefahren hinzuweisen.

Den Freund nicht als Säufer abstempeln

Ich sollte jedoch auch bereit sein, dass er mich auf meine Fehler anspricht. Keinesfalls darf man seinen Freund als Säufer oder Lügner abstempeln, der sich nie verändern wird. Wenn wir andere auf diese Weise verurteilen, riskieren wir, selbst von Gott verurteilt zu werden: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7,1). In Gottes Augen sind wir nicht besser als der andere. Wir alle haben sein Eingreifen nötig!

Schlimmeres verhindern

Vielleicht halten uns eigene Verletzungen davon ab, unseren Nächsten zu ermahnen, z. B. wenn wir selbst zu Unrecht, zu hart oder vorwurfsvoll auf eigene Fehler oder Sünde aufmerksam gemacht wurden. Wir befürchten, auch unsere Kritik, könnte so ankommen. Also vermeiden wir sie lieber. Doch gleichzeitig unterbinden wir damit auch die mögliche Veränderung im Leben des Freundes. Ziehen wir unseren Balken und dann den Splitter des Anderen heraus, entzündet die Wunde sich nicht und Schlimmeres kann vermieden werden (z. B. Alkoholsucht). Ein solches Ermahnen kann also echte Lebenshilfe sein.

Liebe und Kritik müssen keine Gegensätze sein

Das griechische Wort für Ermahnung – „parakaleo“ – beinhaltet auch die Bedeutungen von Auffordern, Ermutigen, Zusprechen und Trösten. Dem entspricht Paulus’ folgender Wunsch an eine Gemeinde: „Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtigt seid“ (Philipper 2,1-3).

Im Endeffekt müssen Liebe und Kritik also keine Gegensätze sein. Es wäre fahrlässig, Schuld und Verletzungen zu verdrängen. Eine Lebensveränderung kann bei mir und meinem Nächsten notwendig sein – und die wird möglich, wenn wir uns gegenseitig aus und in Liebe ermahnen.

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