Die Suche nach Gedächtnis und Erinnerung
„Waltz with Bashir“ ist der erste animierte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge und schon deshalb etwas Besonderes. Aber ist es wirklich mehr als eine neue Spielerei? Der israelische Regisseur Ari Folman hätte doch den Libanonkrieg von 1982 auch in altbekannter Weise verarbeiten können: ein paar Interviews, Schwarzweiß-Archivaufnahmen von damals und bisschen nachgestellter Klimmbimm. Zum Glück hat er sich aber für einen völlig neuen Weg entschieden.
Am 23. November lief „Waltz with Bashir“ erstmals im deutschen Fernsehen auf arte. 2008 sorgte die Animation bei Filmfestspielen für Furore und wurde von Kritikern als eines der außergewöhnlichsten Kinoereignisse des Jahres gerühmt. Das liegt nicht nur an den technischen Finessen dieses Dokumentarfilms, der reale Interviews und Ereignisse als Vorlage nutzte, um fast 90 Minuten animierte Bilder zusammenzufügen.
Die Suche nach der eigenen Erinnerung
Vielmehr begeistert der Ansatz von Regisseur Ari Folman. Dieser erlebte als israelischer Soldat den ersten Libanonkrieg mit, hat ihn aber in den darauf folgenden 25 Jahren nicht verarbeiten können. Durch eine Begegnung mit einem alten Kameraden, der ihm von seinen Alpträumen erzählt, beginnt bei ihm die Suche nach der eigenen Erinnerung und nach dem eigenen Gedächtnis. Folman geht es nicht um die Wahrheit. Er macht kein Authentizitätsversprechen, das er sowieso nicht halten kann. Mit den Stilmitteln der Animation lässt er seine bruchstückhafte Erinnerung und die Gegenwart verschwimmen. Folman macht dies, weil er keine Abbilder der Wirklichkeit zeigen will. Die Aussage „So war der Krieg“ ist nicht sein Anliegen. Er nutzt den Animationsfilm, um das Gedächtnis nachzuahmen und den inneren Film auf die Leinwand zu bringen, der in uns abläuft.
Alpträume, Angst und Schuldgefühle
Diese Sicht nach innen, in sich selbst und die ehemaligen Soldaten an seiner Seite hinein, führt inhaltlich dazu, dass die schwachen Seiten der Krieger stark betont werden. „Ich funktionierte nicht“, gesteht einer. Die anderen erzählen von Angst, Alpträumen, eigenem Versagen und Schuldgefühlen. Anti-Kriegslieder verstärken diesen Eindruck. Damit nimmt Folman Stellung zum Einmarsch in Beirut und zum damaligen Massaker von Sabra und Schatila. Da er selbst dabei gewesen ist, erhebt er jedoch nicht den Zeigefinger, sondern sucht bei sich selbst: Was haben er und seine Kameraden womöglich für Unrecht getan?
Fiktion und Erinnerung gehen ineinander über
Ein Freund von ihm sagt: „Ich weiß nicht, ob ich schon mal jemand erschossen habe.“ Folman selbst bringt es auf den Punkt: „Ich habe das Gedächtnis verloren.“ Es kehrt erst langsam und mit grausamen Bildern zurück. Was dabei Fiktion und was Erinnerung ist, geht fließend ineinander über.
Nach einem post-traumatischen Erinnerungsverlust hat Folman mit seiner Animation die inneren Bilder gesucht und die gefundenen Spuren in seinem Gedächtnis zu einem echten Kunstwerk verarbeitet. Das ist die große Leistung dieses Films.
Waltz with Bashir kannst Du noch einige Tage kostenlos im Internet ansehen.
Schau Dir hier den Trailer zum Film an:
Flash ist Pflicht!







