Anschlag auf die Kindheit

Kindheit und Jugend sind ein geschützter Raum. Literarische Traditionen, die sie als solche verteidigen, finden sich in der deutschen Literatur von Joseph von Eichendorffs „Willkommen und Abschied“ über Herrmann Hesses „Narziss und Goldmund“ bis hin zu Clemens Meyers Roman über eine Jugend in Leipzig, „Als wir träumten“. Die skandinavische Jugendliteratur hinterfragt öfters diese Idylle. Genannt seien nur Jostein Gaarders Bücher „Sofies Welt“ und „Das Orangenmädchen“. Auch die Dänin Janne Teller unternimmt mit ihrem Gleichnis „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ einen Anschlag auf das romantische Ideal der Kindheit.

Die Ordnung einer dänischen Kleinstadt 

Teller verortet ihre Parabel, die offiziell als Roman gilt, aber nichts weniger als das ist, in Tæring, dem „Vorort einer mittelgroßen Provinzstadt“. Der Leser könnte meinen, hier sei alles Idylle. Die Ich-Erzählerin Agnes, gerade in die siebte Klasse gekommen, beschreibt ihre Heimat in einer „zweiten Augustwoche. Die Sonne brannte und machte uns faul und leicht reizbar, der Asphalt klebte an den Sohlen unserer Turnschuhe, und die Äpfel und Birnen waren gerade eben so reif, dass sie perfekt als Wurfgeschoss in der Hand lagen.“ Und eben dies bedeutet für sie und ihre Freunde Ordnung, Aufgehobensein: „Wir gingen zu unseren Plätzen, ohne uns über die vorgegebene Ordnung aufzuregen.“ Teller eröffnet eine dem Erwachsenen verlorengegangene Kindheit.

Die Literaturwissenschaft bezeichnet das als Heterotopie, also als einen in der realen Welt existierenden, aber oft weit entfernten und schwer erreichbaren traumhaften Ort. Die Heterotopie ist eine Vorstufe zur Utopie. Agnes’ Mitschüler Pierre Anthon gefährdet nun die vorgegebene Ordnung. „Nichts bedeutet irgendetwas. Das weiß ich schon lange. Deshalb lohnt es sich nicht irgendetwas zu tun“, verkündet er in der Klasse und verbringt die Schulzeit in einem Pflaumenbaum sitzend und die anderen Schüler wegen ihres Ernstes über die Bedeutung zu verspotten. Selbst die Erwachsenen wüssten das und im Leben käme es doch vielmehr darauf an, die eigene Bedeutung gut zu spielen, als ernsthaft an sie zu glauben.

„Berg an Bedeutung“ soll den Nihilismus besiegen

Doch Kinder lassen sich das am wenigsten gefallen. Denn irgendetwas muss doch Bedeutung haben. So entschließen sich Pierre Anthons Mitschüler Agnes, der sportliche Hans, die hübsche Sofie, der musikverliebte Jan-Johan und der fromme Kai mit vielen Mitschülern, in einem verlassenen Sägewerk den „Berg an Bedeutung“ zu errichten. Jeder soll etwas beisteuern, dass ihm besonders am Herzen liegt: Hans sein gelbes Fahrrad, Henrik seine in Formalin eingelegte Schlange und Gerda ihren Hamster Klein Oskar. Doch der eigentliche Knackpunkt liegt in der Auswahlmethode der Kinder. Denn der, dem sein Lieblingsgegenstand geraubt wurde, darf bestimmen, was der nächste abzuliefern hat. So entsteht eine Spirale aus Rache, Eifersucht und Gehässigkeit. Den Schlusspunkt bildet der Finger Jan-Johans, mit dem er Gitarre spielt. Zuvor verliert Sofie ihre Unschuld. Daraufhin wird sie abgestumpft und grausam, der Kopf eines Hundes soll abgeschlagen und ein jung gestorbener Bruder ausgegraben werden. Die Handlung endet in einer symbolisch aufgeladenen, fast apokalyptischen Szene.

Kinder opfern ihre Bedeutung

Teller hat ein kluges und anspruchsvolles Kinder- und Jugendbuch geschrieben, das sogar Erwachsene ins Grübeln bringen dürfte. Dabei hat sie auch aktuelle Diskurse eingebracht. So muss der muslimische Einwanderersohn Hussein etwa seinen Gebetsteppisch abliefern und wird vom strenggläubigen Vater zusammengeschlagen. Frederik soll die dänische Nationalflagge, den Danbrog, einbringen. Auch sein Vater bestraft ihn, die Kinder lachen Frederik aus und singen spottend vor dem „Berg an Bedeutung“ die dänische Nationalhymne. Der fromme Kai wird gezwungen, das alte Kruzifix aus der Kirche beizusteuern. Die Kinder zweifeln so auch an ihren, von den Eltern anerzogenen Werten.

Teller schreibt ohne zu werten. Überhaupt fällt es schwer, dem Buch eine Interpretation abzugewinnen. Es kann weder als eindeutige Warnung vor dem Nihilismus Pierre Anthons, dessen Eltern in Tæring als Hippies und 68er bekannt sind, noch als Plädoyer gegen ihn gelesen werden. Erst im Zusammenspiel aller Faktoren wird der „Berg an Bedeutung“ als übertriebene Reaktion auf den Nihilismus deutbar. Pierre Anthon reagiert von seinem Pflaumenbaum immer aggressiver auf das Bemühen der Kinder.

Fragen ohne Antworten

Gerade diese Uneindeutigkeit dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass „Nichts. Was im Leben wichtig ist.“ in der dänischen Öffentlichkeit zu Zensurforderungen und Grundsatzdebatten zwischen Lehrern, Priestern und Bibliothekaren führte. Zeitweise war das Buch sogar an einigen Schulen des Landes verboten, in Westnorwegen ist es für Deutschklassen bis heute tabu. Trotzdem hat der dänische Bestseller inzwischen die 13. Auflage erreicht und wurde in 13 Sprachen übertragen. An die deutsche Übersetzung wagte sich lange Zeit niemand.

Man könnte fast meinen, Teller habe sich an ein dänisches Grundmotiv gewagt. Denn bereits der Kopenhagener  Philosoph Søren Kierkegard (1813 bis 1855) hat hartnäckig am Sinn der menschlichen Existenz gezweifelt. Doch er entschied sich für den Glauben, die biblische Offenbarung und Jesus Christus als Erlöser der Menschheit vom Fluch des Nihilismus. Hilfe gegen den Nihilismus mag jeder selbst finden. Tellers Buch bietet dafür erste Fragen – Antworten freilich nicht.

Janne Teller: Nichts. Was im Leben wichtig ist. Carl Hanser Verlag 2010, 139 Seiten, 12,90 Euro, ISBN: 978-3-446-23596-0

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