Anonymous: Der Kampf der Gesichtslosen
Ein Anzugträger vor einer stilisierten Weltkugel - wo sein Kopf sein sollte, steht ein Fragezeichen. Wer dieses Logo auf grünem Hintergrund auf einer Webseite sieht, der weiß: Anonymous hat wieder zugeschlagen. Seit drei Jahren ist die Hackergruppe im Internet aktiv – und setzt sich für Freiheit und Gerechtigkeit ein. Doch bis wohin ist das friedlicher Widerstand und wo fängt Gewalt an?
Ihr Name ist Programm: Anonymous hat keine Mitgliederdateien, keiner weiß genau, wer dazu gehört, wer die Gruppe leitet, wer was tut. Anonymous ist anonym und jeder kann mitmachen. Im Schutz der Anonymität des Internets gehen die Mitglieder gegen Organisationen, Institutionen und auch Einzelpersonen vor, sie attackieren Webseiten und verbreiten ihre Mitteilungen im Internet.
Ursprünglich eine reine Spaßgemeinschaft
Ursprünglich entstand Anonymous als reine Spaßgemeinschaft aus Mitgliedern des Bilderforums „4chan“. Seit 2008 macht die Gruppe immer wieder mit verschiedenen Aktionen vor allem im Internet auf sich aufmerksam. Aber auch an Protesten in der Offline-Welt, wie der Occupy-Bewegung sind Anonymous beteiligt. Markenzeichen der Gruppe ist die grinsende Guy-Fawkes-Maske aus dem Film „V wie Vendetta“.
Komplett dezentral organisiert
Anonymous ist komplett dezentral organisiert. Auch die vielzitierten Sprecher der Gruppe gibt es in diesem Sinne nicht. Statements und Pressemitteilungen werden nicht von einem designierten Sprecher herausgegeben, sondern von mehreren Mitgliedern. Deren Kommunikation findet hauptsächlich über Internet Relay Chats (IRC) statt. IRC ist ein Chatprotokoll aus den Anfängen des Internets, womit tausende User gleichzeitig, auch anonym, chatten können.
Weil die Mitglieder von Anonymous ihre politisch motivierten Aktionen hauptsächlich im Internet durchführen, werden sie auch „Hacktivisten“ genannt. Denn Anonymous ist keine Gruppe aus Spaß-Hackern, die es witzig finden, Computer anzugreifen oder Viren zu verbreiten. Nein, sie tun das mit einem Ziel.
Wozu die Attacken?
Zunächst setzte Anonymous sich nur für ein Verbot von Scientology ein. Als die Gruppe Anfang 2008 als Protest gegen die Sekte ein Video ins Internet stellte, in dem Tom Cruise offen über Scientology sprach, setzten die Scientologen durch, dass das Video von YouTube entfernt wurde. Der Widerstand von Anonymous gegen Zensur im Internet war geboren. Seitdem kämpft die Gruppe ganz allgemein für Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Freiheit und Anonymität im Internet.
Wie Anonymous agiert
Ein beliebtes Mittel, das die Anonymen gegen ihre Feinde einsetzen, sind Distributed Denial of Service-Attacken (DDoS). Dabei wird absichtlich eine Belastung bestimmter Webseiten herbeigeführt, so dass diese keine Anfragen mehr bearbeiten können – also „außer Betrieb“ sind. 2010 beispielsweise verübten Anonymous-Mitglieder DDoS-Attacken auf Seiten von Visa und Mastercard, weil diese Geldinstitute Konten von Wikileaks gesperrt hatten.
Anfang November griff Anonymous israelische Regierungsseiten an, weil Israel die jüngste Flotilla nach Gaza abgefangen hatte. Kurz zuvor hatten Anonyme im Internet der israelischen Regierung noch mit Angriffen gedroht, sollten sie die (symbolische) Lieferung von Hilfsgütern per Schiff in den Gazastreifen verhindern.
Angriff auf Facebook?
Kurzzeitig ging das Gerücht im Internet um, Anonymous wolle am 5. November Facebook stürzen. „Facebook war ein Hoax!“ verkündeten Anonymous kurz darauf auf ihrer Webseite und veröffentlichen Namen und Adresse des Urhebers der Aktion. Facebook ist schließlich neben Twitter und anderen Social Networks eine der Plattformen, auf denen Anonymous-Mitglieder sich finden und Aktionen planen.
Doch es müssen nicht immer Cyber-Attacken sein. Anonymous schloss sich auch der derzeit größten Protestaktion – „Occupy Wall Street“ – an und unterstützte die Proteste mit Aufrufen und Informationen zur Bewegung im Internet.
Der Zweck heiligt die Mittel?
Es ist wie mit jedem Widerstand gegen (vermeintliche) Ungerechtigkeit. Wer würde Gandhi vorwerfen, dass er und seine Anhänger sich gegen die britische Besatzung zur Wehr setzen? Wer würde heute noch Rosa Parks verurteilen, die mit zivilem Ungehorsam den Anfang vom Ende der öffentlichen Rassentrennung in den USA markierte? Friedlicher, gewaltloser Widerstand ist richtig und notwendig. Egal ob in unserem Land, in dem offiziell Meinungsfreiheit und Demokratie herrschen, oder unter einem diktatorischen Regime.
Internetangriffe auf Firmen sind eine Form wirtschaftlicher Gewalt
Widerstand mit Gewalt allerdings ist falsch. Denn dabei kommen immer auch Unschuldige zu Schaden, Gewalt provoziert Gewalt, und diese Form des Widerstands ist nicht zwingend effektiver als gewaltloser Widerstand, wie die Geschichte zeigt. Und Internetangriffe auf Firmen sind eine Form wirtschaftlicher Gewalt, sie fügen Schaden zu, den Mitarbeiter und Kunden dieser Firmen ausbaden müssen. (Hier darf allerdings nicht verschwiegen werden, dass Anonymous beispielsweise ihre Angriffe auf Sony einstellte, weil sie die Sony-Kunden stark beeinträchtigten.)
Freiheit des Internets nicht ausnutzen
Anonymous ist eine typische Grassroots-Bewegung. Normale Menschen (allerdings oft mit besonderen Programmierfähigkeiten) setzen sich für ihre Ideale und gegen Unrecht ein. Doch wo fängt im Internet der gewalttätige Widerstand an? Wo sollten die Grenzen des Online-Widerstands gezogen werden? Das Internet ist zwar kein rechtsfreier Raum mehr, wie einst zu Beginn des WWW, doch noch immer ist im Netz jeder halbwegs gleich und frei (und sollte es auch bleiben). Umso wichtiger ist es, dass Internetuser diese Freiheit nicht ausnutzen, sondern moralischen und ethischen Standards folgen.
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