Anonyma: Massenhafte Schicksale des Grauens

Wir können es uns heute kaum mehr vorstellen, dass Ereignisse historischen Ausmaßes passieren, die nicht in Bildern festgehalten sind. Wir erinnern uns alle noch an den 11. September 2001 und die Situation, in der wir den Angriff auf das World Trade Center das erste Mal gesehen haben. Doch es gibt dunkle Flecken auf unserer historischen Netzhaut! Der diese Woche auf ZDF gelaufene Zweiteiler „Eine Frau in Berlin – Anonyma“ versucht einen von diesen zu beseitigen.
  • Bild: ZDF / Jürgen Olczyk

 

Basierend auf einem Tagebuch, erzählt er über die Massenvergewaltigungen von Russen an deutschen Frauen im zerstörten Berlin von 1945. Schätzungen zufolge kam es allein in der Hauptstadt in jener Zeit zu Hunderttausenden Vergewaltigungen, über die Jahrzehnte in Ost und West aus Scham oder Schuldgefühlen geschwiegen wurde.

Verbrechen nach dem "Tag der Befreiung"

Die Politprominenz feierte letzten Sonnabend den 65. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges als „Tag der Befreiung“. Bundeskanzlerin Angela Merkel verschlug es sogar nach Moskau, um mit den Alliierten gemeinsam zu gedenken. Dabei wird häufig vergessen, dass sich nicht alle „befreit“ gefühlt haben. Die Massen an vergewaltigten Frauen gehören zu der Gruppe, für die das große Leid nach dem 8. Mai 1945 weiterging.

Es ist zunächst schön, dass dieses traurige Unterkapitel deutscher Geschichte verfilmt wurde, in einer Kurzversion 2008 in den deutschen Kinos lief und nun auch den Weg ins Fernsehen fand. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt in der Kirche sollte sich jeder Jugendliche einmal mit diesem Thema beschäftigt haben, auch wenn das Ausmaß des Grauens der Massenvergewaltigungen von 1945 unvorstellbar bleibt.

Auf tote Gefühle folgt ein Kuss

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als eine vergewaltigte Frau in dem Film die Frage aufwirft, ob die Russen vielleicht gar nicht so schlimm seien, begibt sich „Anonyma“ jedoch auf Glatteis. Der Zuschauer versteht nicht, warum die Hauptdarstellerin (Nina Hoss) kurz nachdem sie sagte, in ihr sei jedes Gefühl tot, auf einmal freiwillig einen russischen Offizier küsst und sich eine Liebesgeschichte anbahnt. Mitten im „Schändungsbetrieb“ entsteht so etwas wie Liebe. Ist das nicht etwas zu viel des Guten?

In dem Tagebuch, auf dem der Film aufbaut, finden sich tatsächlich Einträge, in denen beschrieben wird, wie sich die anonyme Autorin einen Beschützer sucht. Allerdings war sie immer froh, wenn dieser sie nachts in Ruhe ließ. Das verdreht der Film, um mehr Spannung und große Gefühle aufzubauen. Damit opfert er die Dimension des historischen Grauens und stellt das Geschehene besser dar, als es war. Wer die Schicksale und Nöte junger Frauen nach Kriegsende wirklich begreifen will, der sollte sich daher die 2003 erschienenen Tagebuchaufzeichnungen vornehmen. Dort sind der erlittene Hunger, die Ungewissheit und das Grauen eindringlich beschrieben.

 

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