Alte Denkmuster in der neuen Welt
Die Causa „WikiLeaks“ macht eines besonders deutlich: Je mehr die politische Elite in den USA den Druck auf die Enthüllungswebseite erhöht, desto größer wird der Wiederstand der Netzgemeinde. Die Verantwortlichen stoßen bei der Bekämpfung von Julian Assanges Internet-Plattform mit alten Denkmustern jedoch an ihre Grenzen.
Als die Webseite, die sich ausschließlich darauf spezialisiert, geheime Dokumente zu veröffentlichen, im Jahr 2006 online ging, nahm kaum ein User davon Notiz. Die breite Öffentlichkeit interessierte nicht wirklich, dass ein ranghoher somalischer Politiker Regierungsbeamte systematisch umbringen ließ. In vielen afrikanischen Staaten sind Auftragsmorde an der Tagesordnung. Vier Jahre und mehrere Millionen Seiten später, sieht die Situation ganz anders aus. Nach der Veröffentlichung von umfassenden internen Quellen zum Krieg in Afghanistan und dem Einsatz im Irak, sind es nun die geheimen US-Depeschen, die enorme Wellen schlagen.
Verändert Wikileaks das Nachrichtengeschäft?
Auch wenn WikiLeaks behauptet, die Dokumente ungefiltert zu veröffentlichen, wurden dennoch Passagen, die Menschen in Lebensgefahr bringen können, unkenntlich gemacht. Die Seite hat aus früheren Erfahrungen gelernt, nach denen unbeabsichtigt Informanten in Kriegsgebieten enttarnt wurden und dadurch in Lebensgefahr schwebten. WikiLeaks arbeitete bei den US-Depeschen wie schon zuvor mit namenhaften Nachrichtenhäusern rund um den Globus zusammen. Der Londoner Guardian, die New York Times, die Pariser Le Monde, die spanischen El Pais und der deutsche SPIEGEL halfen bei der Analyse des Diplomatenverkehrs. Noch bevor WikiLeaks in diesem Jahr in drei großen Wellen geheime Papiere veröffentlichte, schrieb die New York Daily News, dass die Webseite das Potential habe, das Nachrichtengeschäft komplett zu verändern. Und im Moment geschieht gerade genau das.
Auch wenn WiKiLeaks-Chef Julian Assange mit Sicherheit nicht der neue William Randolph Hearst werden wird, sind gewisse Parallelen nicht von der Hand zu weisen. Denn der berühmte amerikanische Verleger beeinflusste Ende des 19. Jahrhunderts mit seinem Blatt New York World, dem Urtypus der Yellow-Press, Weltpolitik in vorher nicht gekannter Weise. Hearsts legendärer Spruch „You furnish the pictures, I’ll furnish the war“ („Sie liefern die Bilder, ich werde den Krieg liefern“) bezieht sich auf eine Unterhaltung zwischen ihm und seinem Korrespondenten Frederic Remington, der Hearst reißerische Bilder für eine Berichterstattung liefern sollte, die einen Krieg gegen Spanien 1898 begünstigten. Hearst nutzte seine Position geschickt, um mit dem Blatt seine eigene Agenda durchzusetzen.
Totale Tranzparenz
Dass Assange ebenfalls eine Strategie verfolgt, steht außer Frage. Der weißhaarige Australier, von Medien auch als „Netz-Guevara“ bezeichnet, will die totale Transparenz. Denn seiner Meinung nach ist staatliche Herrschaft für das Volk generell von Nachteil, da sie korrupt ist. Das politische Regime könne daher nur durch undichte Stellen, die leaks, bekämpft werden. Nur wenn Geheimes nicht mehr geheim sei, gebe es keinen Betrug. „Wenn die Macht der Verschwörer auf null gebracht wird, gibt es keine Verschwörung mehr", schrieb Assange im November 2006. Doch im gleichen Moment, in dem der Netz-Guevara dabei die Existenz einer Schwarz-Weiß-Dichtomie zwischen Regierung und Volk anprangert, entspringt seiner Ideologie ein ebensolches Weltbild. Es braucht absolute Transparenz, nicht anderes. Staatsgeheimnisse existieren nicht, weil sie nicht existieren dürfen.
Anklage wegen Hochverrats?
Assanges Welt kollidierte zum Zeitpunkt seiner Festnahme in extremster Weise mit der Welt seiner Gegner. Der Grund für die Verhaftung: Ihm wird Vergewaltigung und sexuelle Nötigung zweier Frauen in Schweden vorgeworfen. Man muss nicht viel Fantasie besitzen, um sich auszumalen, dass diese Anschuldigungen politisch motiviert sind. Mithilfe des europäischen Haftbefehls droht Assange die baldige Auslieferung nach Schweden. Jenseits des Atlantiks greifen Politiker aller Couleur auf altbekannte Verhaltensmuster zurück – und stoßen dabei offenkundig an ihre Grenzen. Konservative Republikaner überlegen, ob man Assange nicht wegen Hochverrats anklagen und exekutieren sollte. Für andere wiederum hat er sich mindestens der Spionage strafbar gemacht. Die australische Regierung nimmt ihren Bürger derweil in Schutz. Doch die Debatte lässt vollkommen außer Acht, welche Schuld den Gefreiten Bradley Manning trifft, der im ersten Schritt die geheimen Daten kopiert und auf einer Lady-Gaga-CD (!) aus dem Büro geschmuggelt hat.
Internetaktivisten kämpfen anders als Politiker
Im Kampf gegen WikiLeaks lassen nun amerikanische Politiker ihre Macht spielen und setzen Unternehmen unter Druck, die – in welcher Form auch immer – mit der Webseite zusammenarbeiten. MasterCard stoppte alle Zahlungsabwicklungen für WikiLeaks, Paypal ließ zwischenzeitlich keine Spenden mehr durch. Auch die schweizerische PostFinance fror das Privat-Konto Assanges ein, weil es Unregelmäßigkeiten bei seinen privaten Daten gegeben habe. Schließlich kündigte Amazon WikiLeaks seine Server. Die Webseite existiert auf anderen Rechnern aber weiter. Was die Politiker der alten Schule nicht verstehen: Ein Internet-Phänomen wie WikiLeaks lässt sich nicht einfach durch Serverabschaltungen und das Einfrieren von Konten stoppen.
Recht auf freien Internetzugang
Gleichzeitig begeben sich die betroffenen Konzerne auf dünnes Eis. Ohne große Not schlagen sie sich auf eine Seite in einem neuen Kapitel der Globalisierung. Politiker gegen den Netz-Guevara und seine Anhänger. Die Verfechter des Status Quo gegen eine Bewegung, die weder kontrollierbar noch lokalisierbar ist und mit geringem finanziellen Aufwand ihre Schlacht schlägt. Den Schaden, den die Internetaktivisten mit ihren Aktionen anrichten, ist enorm. Doch die Anhängerschaft ist bei weitem nicht so homogen, wie es die Politik gerne hätte. Ein Teil der Unterstützer, allen voran die Aktivisten der Gruppe Anonymous, interessiert sich weniger für den Inhalt der US-Depeschen denn für das Recht auf den freien Zugang zu Information.
Ganz gleich, ob Assange nun der neue Randolph Hearst ist oder der Che Guevara des 21. Jahrhunderts – ob er hinter Gittern sitzt oder nicht: die Welt ist in Bewegung – durch ihn.


