Alle gegen Sarrazin
Thilo Sarrazin gegen den Rest der Welt - so könnte man zusammenfassen, was zur Zeit ganz Deutschland beschäftigt. Doch eigentlich ist es eher anders herum: Ganz Deutschland stürzt sich auf Thilo Sarrazin, seit Thematik und These seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ bekannt sind. Die Art und Weise, wie sich ein wütender Mob auf den Einzelnen stürzt, trägt beängstigende Züge - ganz unabhängig davon, was man von Sarrazins Thesen halten mag.
Alle gegen einen - ein Mechanismus, der sich schon im Kindergarten bewährt. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ sang der Liedermacher Franz Josef Degenhardt in den 60er Jahren. Ist erst einmal ein Außenseiter für die Rolle des Opfers gefunden, kennt die Gruppe keinen Halt mehr. Das ist im politischen Tagesgeschäft nicht anders als auf dem Spielplatz. Das Schmuddelkind der Bundesrepublik, mit dem niemand spielen will, heißt derzeit Thilo Sarrazin. Angesichts der Ausmaße des inszenierten Skandals spricht der jüdische Publizist Henryk Broder sogar von der ersten Hexenjagd in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert.
Die gesamte Öffentlichkeit stürzt sich auf Sarrazin...
Der ehemalige Finanzsenator von Berlin und heutige Vorstand der Deutschen Bundesbank hat gerade sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht. Schon vor der Ersterscheinung am 30. August sorgte Sarrazins Werk für großen Wirbel. Sogar die Bundeskanzlerin, die sich für gewöhnlich nie zu tagespolitischen Themen äußert, schaltete sich ein. Das Sarrazin-Buch, so Angela Merkel, sei „überhaupt nicht hilfreich“. Ferner seien Sarrazins Thesen „vollkommen inakzeptabel und ausgrenzend“ und spalteten die Gesellschaft. Ähnliche Töne auch von der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer: Sarrazin überschreite alle Grenzen. Der Zentralrat der Juden wirft Sarrazin sogar vor, die Rassentheorien des Nationalsozialismus zu verbreiten, die Türkische Gemeinde beklagt „intellektuellen Rassismus“ und „rechtsnationale“ Töne.
Die Reihe dieser Äußerungen ließe sich beliebig fortsetzen: Jeder, der in Deutschland einen Namen hat, bezieht Stellung gegen Sarrazin und sein Buch. Zwar werden jedes Mal andere abenteuerliche Vokabeln in den Raum geworfen, der Tenor ist jedoch immer derselbe: Der Sozialdemokrat Sarrazin wird als Nazi, Rassist und Fremdenfeind gescholten.
...und sogar Konservative machen mit
Am deutlichsten wird der spielplatzartige Gruppenzwang „Alle gegen einen“ durch das Mitmischen profilierter Konservativer, die man eigentlich in inhaltlicher Nähe zu Sarrazins Thesen vermutet hätte. Roland Koch etwa brandmarkt Sarrazins Äußerungen als „unerträglich“ und CSU-Generalsekretär Dobrindt bescheinigt Sarrazin wenig geistreich: „Der Typ hat einen Knall!“
Man muss Sarrazins Ansichten nicht teilen, man muss sie für weder korrekt noch angebracht halten. Doch genauso wenig hat Sarrazin sich der Meinung der empörten Masse anzuschließen, die ihn wie wild verurteilt und beleidigt.
Es geht um nicht weniger als die verfassungsrechtlich garantierte Meinungsfreiheit
Der Bundesbankvorstand hat seine Thesen formuliert und veröffentlicht - und das ist sein gutes Recht. Ein Recht, dass ihm unsere Verfassung garantiert. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, dass in der Welt der Integrationsbeauftragten und Islamverbände nur noch auf dem Papier zu gelten scheint. Denn in der Tat will die Öffentlichkeit den Provokateur Sarrazin so schnell wie möglich ruhigstellen, was auch sein Buch betrifft. Wie lange es noch frei erhältlich ist, bleibt abzuwarten, folgt man beispielsweise den Worten von Vlad Georgescu: Der Vorsitzende der Vereinigten Migrantenpartei kündigt Sarrazin einen „heißen Herbst“ an: „Juristische Mittel, etwa einstweilige Verfügungen oder Klagen wegen Rufschädigungen, scheinen nur eine Frage der Zeit zu sein“, droht er Sarrazin im Focus.
Die Bundesbank bittet den neuen Bundespräsidenten Wulff derweil, Sarrazin aus dem Vorstand auszuschließen und der SPD-Vorstand entschloss sich unlängst, ein Parteiausschlussverfahren in die Wege zu leiten. Beide Verfahren wären zwar juristisch äußerst fragwürdig, haben aber zumindest in erster Instanz durchaus Erfolgschancen.
Unbequem? Unerwünscht!
Betrachtet man die gesamte mediale, politische und gesellschaftliche Aufregung um Thilo Sarrazin und seine Buchveröffentlichung, ist daraus nur ein Schluss zu ziehen: Man kann in Deutschland als Einzelner nicht mehr Themen ansprechen, die Zeitgeist und Mainstream als unbequem erscheinen. Zumindest nicht, ohne das akute Risiko einzugehen, seinen Namen und seine berufliche und gesellschaftliche Existenz in den Ruin zu treiben. Wie schon vor ihm Eva Herman oder Martin Hohmann, hat Thilo Sarrazin nicht darauf zu hoffen, dass seine Thesen samt Argumentation genauer betrachtet und analysiert werden. Diese inhaltliche Auseinandersetzung sei sogar „verfehlt“, urteilt die Financial Times. Vielmehr rücken sich seine Gegner in Politik, Presse und Verbänden seine Äußerungen so zurecht, dass sie im Zweifelsfalle der Diffamierung Sarrazins zugute kommen - auf teils absurde Weise.
Davon zeugt nicht zuletzt der Umgang mit Sarrazins Behauptung, alle Juden trägen ein gemeinsames Gen mit sich. Perfide rücken dies feindlich gesinnte Agitatoren die Nähe des Antisemitismus. Dabei versteht Sarrazin unter dem „jüdischen Gen“ wohl eher eine herausragende Intelligenz, wie er sie schon im letzten Oktober im „Lettre International“ erwähnte. Der Vorwurf, er bediene sich dabei antisemitischer Klischees, ist geradezu absurd, bedenkt man, dass sich Sarrazin damals den Zuzug osteuropäischer Juden herbeiwünschte.
„Alle gegen Einen“ trifft auch die Person hinter dem Politiker
Thilo Sarrazin ist ein geübter Provokateur, das beweist er mit seinem Buch nicht zum ersten Mal. Er ist sich der Wirkung seiner Thesen bewusst und genießt das mediale Spiel mit dem Feuer vermutlich auch. Das rechtfertigt allerdings in keiner Weise die hetzerische Aggression, mit welcher sich das gesamte Establishment der Bundesrepublik auf den einzelnen Provokateur stürzt. Denn nicht jeder steckt eine mediale Diffamierungskampagne so einfach weg wie der ruppige Sarrazin. Wenn sich der gesamte Fokus der Empörungsmaschinerie auf eine Person konzentriert, trifft das nicht nur einen Politiker und Buchautoren, sondern auch den Menschen dahinter. Nicht jeder hält diesem Druck stand. Womöglich fürchtete auch Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich unlängst das Leben nahm, die mediale Geißelung ihres aufrüttelnden Buchs „Das Ende der Geduld“. Die Empörung über ihren unbequemen Augenzeugenbericht über Berlins islamisches Milieu wäre sicher groß gewesen, wäre Heisig noch am Leben.
Deutschland braucht eine ehrliche Debatte über die Integrationsproblematik. Das Sarrazin-Buch leistet dafür einen polarisierenden, aber neuen Diskussionsbeitrag. Anstatt über den Überbringer schlechter Nachrichten herzufallen, sollten sich die Medien mit den inhaltlichen Zusammenhängen des Buchs auseinandersetzen und diese im Zweifelsfall widerlegen. Doch das scheint nicht in das Konzept unserer auf Empörung und Skandal getrimmten, politisch korrekten Presse zu passen. Der Einzelne im Fadenkreuz der Massenempörung - das zeugt nicht nur von der Oberflächlichkeit der deutschen Öffentlichkeit, sondern auch von einer Gesinnung, die den Respekt vor abweichenden Meinungen verloren hat.
Deutschland braucht eine ehrliche Debatte - keine Hetzjagd auf Einzelne
Ein Gutes hat der Wirbel um seine Person für Sarrazin allerdings: In vielen Buchhandlungen ist sein Werk schon jetzt vorerst ausverkauft, ebenso bei Amazon. Das Interesse scheint groß zu sein: In einer Emnid-Umfrage stimmten 51 Prozent der Befragten Sarrazin zu, bei einer Telefonumfrage von „Hart aber fair“ 85 Prozent, bei ntv sogar 95 Prozent. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung ist mehr als offensichtlich. Zeit also, Sarrazin als einzelne Person in Ruhe zu lassen und eine notwendige Debatte ins Rollen zu bringen - ohne Tabus.



