Afghanistan - (K)ein Trauerspiel?
Afghanistan: Bei kaum einem anderen Thema sind sich die Deutschen mittlerweile so einig. Abzug, aber sofort! Schon allein wegen der steigenden Opferzahlen. Aber was würde passieren, wenn die Bundeswehr wirklich augenblicklich das Land verließe? Wären dann nicht Tor und Tür für den Terrorismus im Lande wieder offen? Und was würde mit der afghanischen Bevölkerung passieren?
„Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.“
So beendet Theodor Fontane sein Gedicht „Das Trauerspiel von Afghanistan“. Theodor Fontane? Der ist doch schon längst tot! So ist es. Das Gedicht spiegelt auch nicht die aktuelle Situation in Afghanistan wider. Es entstand bereits 1858 unter dem Eindruck der Niederlage der britischen Armee im ersten anglo-afghanischen Krieg.
Sofortiger Abzug?
Afghanistan - damals Schauplatz eines Trauerspiels. Und heute? Bei kaum einem anderen Thema sind sich die Deutschen mittlerweile so einig. Abzug, aber sofort! Zwei Drittel sind inzwischen dieser Meinung – Tendenz steigend. Deutschland wird doch nicht am Hindukusch verteidigt. Was haben wir da unten überhaupt zu suchen? Hinzu kommen die Meldungen von stetig steigenden Opferzahlen unter deutschen Soldaten, die die Bundesregierung in die Defensive treiben.
Terrorbekämpfung zur Worthülse verkommen
Dabei ist die innerdeutsche Debatte zu einem Kampf um die Deutungshoheit von Begriffen geworden. Der Streit um den Terminus „Krieg“ ist da ein deutliches Zeichen. Aber auch der „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ ist für Viele zu einer bloßen Worthülse verkommen. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass Begriffe, die unzählige Male sinnvoll oder sinnentleert verwendet, irgendwann zum Selbstläufer werden. Aber steht hinter diesen Floskeln nicht eine traurige Realität? Gerade in der aktuellen Debatte über die militärische Ausrüstung der Soldaten oder bedauerliche Fehlentscheidungen im konkreten Handeln wird häufig das „große Ganze“ vergessen.
Terrorismus agiert global
Es ist eine irrige Vorstellung, Deutschland sei ein vom Rest der Welt abgeschiedenes Paradies immerwährenden Friedens und ewiger Glückseligkeit. Im Herbst 2007 wurde die terroristische Sauerland-Gruppe festgenommen, die mehrere Autobombenanschläge in Deutschland geplant hatte. Ihre Ausbildung hatten die islamisch motivierten Akteure nicht in Deutschland, sondern im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan, absolviert. In einer globalisierten Welt fangen deutsche Probleme eben nicht erst in Deutschland an und hören auch nicht an der deutschen Grenze auf.
Bundeswehr ist Verteidigungsarmee
Wir können uns nicht herausreden, dass uns das alles nichts anginge! Gerade wenn man damit unter der Hand aussagen will, wir hätten hier genug Probleme zu bewältigen, merkt man die Einseitigkeit der Argumentation. Terrorismus – das ist unser Problem. Nicht erst seit Afghanistan, sondern seitdem Terroristen die freie Welt bedrohen und mit Anschlägen Angst und Schrecken verbreiten. Eine Verteidigungsarmee, was die Bundeswehr zweifelsfrei ist, im Zeitalter der asymmetrischen Kriegsführung auf das Verteidigen der Landesgrenze zu beschränken, ist anachronistisch. Deutschland wird mittlerweile tatsächlich am Hindukusch verteidigt.
Kein Wiederaufbau ohne militärischen Schutz
Deutschland nimmt Verantwortung wahr – aber nicht nur für das eigene Volk, sondern in Kooperation mit Bündnispartnern auch für die afghanische Bevölkerung. Im Zentrum steht der Wiederaufbau Afghanistans, insbesondere die Ausbildung des afghanischen Militärs. Dabei kann es keinen Aufbau ohne militärischen Schutz geben, aber auch keine Sicherheit ohne Aufbau. Menschenherzen, auch die der Afghanen, werden selbstredend nicht mit Waffengewalt gewonnen. Aber wo die Taliban versuchen, ihr Land wieder in ein Terror-Regime zu verwandeln, muss ihnen Einhalt geboten werden. Die neue Afghanistan-Strategie ist in dieser Hinsicht der richtige Weg. Nur dadurch, dass die deutschen Soldaten stärker als bisher Präsenz zeigen, kann Sicherheit garantiert und Vertrauen gewonnen werden – auch wenn der Preis ein erhöhtes Risiko ist.
Taliban warten nur auf Rückzug
Jetzt einen Abzugstermin festzusetzen, wie von Vielen gefordert, ist willkürlich und gefährlich. Willkürlich, weil der zukünftige Verlauf des Einsatzes nicht vorhersehbar ist und ein Abzug sich am Erreichen der festgesteckten Ziele orientieren sollte. Gefährlich, weil die Taliban nur darauf warten, das verlorene Gebiet wieder zurückzuerobern. Ein Rückzug ist nur dann sinnvoll, wenn die Ziele verwirklicht sind, um deren willen man diesen Einsatz überhaupt unternommen hat. Mit einem Abzug, ohne gut ausgebildetes afghanisches Militär, ohne gesicherte politische Verhältnisse und ohne Garantie der Menschenrechte, wäre all das verloren, was man seit 2001 erkämpft und aufgebaut hat. Dann wäre die Rede von einem „Trauerspiel“ in der Tat berechtigt. Wer kämpft, kann verlieren. Wer vorzeitig abzieht, hat schon verloren.


