Ägypten: Eindrücke vom Tahrir-Platz
Gut ein Jahr ist es her, dass sich zum ersten Mal tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo versammelten, um für eine bessere Zukunft für ihr Land zu demonstrieren. Auf Druck der Demonstranten hin wurde der ehemalige Staatspräsident Husni Mubarak gestürzt, das Militär übernahm die Regierung. Besser ist die Lage seitdem nicht geworden, sagen die Demonstranten und protestieren weiter. Was hat sich denn für die Menschen Ägyptens überhaupt getan in diesem Jahr?
In Kairo ist es ruhig. „Wenn ihr nicht schon da seid, dann kommt lieber nicht hier her“, hatte Sherif, ein ägyptischer Bekannter, geschrieben. Wir waren aber schon in Kairo. „Die Stimmung kann jederzeit kippen, ich sag euch Bescheid, falls ich selber die Stadt verlasse“, stand in Sherifs Mail. Auf dem Dach des Dahab-Hostels unweit des Tahrir Platzes sonnen sich trotzdem die ausländischen Gäste, starren auf ihre Netbooks, trinken Tee, auch wenn irgendwo aus einer entfernten Seitenstraße eine Gruppe Demonstranten ihre Parolen skandiert.
Am Abend sitzen wir in einer dieser Seitenstraßen auf der Terrasse eines kleinen Fast-Food-Ladens und schauen mit anderen Gästen die Nachrichten. Wir sehen: brennende Autoreifen, Tränengasschwaden hängen zwischen den Häusern, Silhoutten von Demonstranten huschen geduckt vorbei. Der Zusammenstoß geschah nicht weit von dem kleinen Fast-Food-Laden.
In der einen Straße Krawalle, in der nächsten Hamburger und Pizza
Die Demonstrationen und Straßenschlachten haben seit Ende Januar, zum ersten Jahrestag der Revolution in Ägypten, wieder zugenommen und sind nun, knapp zwei Wochen später, eigentlich wieder abgeklungen. Doch nach politisch-motivierten Krawallen während eines Fußballspiels in Port Said, bei denen über 100 Menschen starben, nahm die Gewalt in Kairo und anderen Städten wieder zu. Das Leben in der Stadt geht trotzdem fast ungestört weiter.
Selbst auf dem Tahrir-Platz ist es tagsüber ruhig, Souvenirverkäufer bieten ägyptische Flaggen und Palitücher an, Zuckerwatte und süßer Tee wird verkauft, Eltern gehen mit kleinen Kindern spazieren, während die Blechlawine Kairos ihre Runden um den Platz dreht. Nur die Zelte und Transparente der Demonstranten in der Mitte des Platzes zeigen, dass die Revolution noch nicht vorbei ist. Mubarak ist gestürzt, doch nun klammert sich das Militär an die Macht im Land, verschiebt Wahlen und schlägt Demonstrationen nieder. Was hat sich also geändert seit der Arabische Frühling Anfang 2011 begann?
Besser, aber noch lange nicht gut
„Mubarak hat uns die Luft abgeschnürt, jetzt ist es besser“, sagt Ahmad (37), der in der Nähe des Tahrir-Platzes Zigaretten und Sonnenbrillen verkauft. Youssef (36) stimmt ihm zu. Jetzt sei es besser. „Für Touristen gibt es sowieso keine Probleme“, beruhigt der Besitzer eines Papyrusgeschäfts, „Probleme gibt es nur zwischen uns und der Regierung. Hier ist es wie in Deutschland, es gibt gute und schlechte Menschen.“
Shady (28) sieht das etwas anders. „Es hat sich nichts geändert und es wird sich auch nichts ändern“, sagt er resigniert, „jedenfalls so lange sich die Mentalität der Menschen nicht ändert.“ Und das könne noch Jahre dauern, meint der Bankkaufmann, der sich aus politischen Angelegenheiten aber lieber raushält.
Die Angst, offen zu sprechen
Es ist schwer, mit den Menschen in Kairo über die Revolution und ihre Auswirkungen zu sprechen. Was sich anhört wie aus einem Thriller, ist ernst gemeint: „Das Militär hat seine Spione überall“, erzählt Omar (22). Die Menschen hätten Angst, etwas Falsches zu sagen. Omar, der Medienwissenschaften studiert und die Revolution mit seiner Videokamera dokumentiert hat, war mittendrin in den Unruhen. Er kämpft auch weiterhin für die Freiheit seines Landes und vor allem seiner Generation.
Der Preis dafür ist hoch: „Wir haben im letzten Jahr viel Blut gesehen. Viele Freunde sind gestorben, es ist uns mittlerweile egal“, erzählt er nüchtern, als rede er über jemand anderen. „Ich habe viele Menschen sterben sehen. Manche direkt neben mir. Das hätte ich sein können.“ Omar zeigt keine Wut, keine Trauer, nur gelegentlich ein verbindliches Lächeln. Selbst als er sagt:„Wir werden nicht gewinnen, aber wir machen trotzdem weiter.“ Da sieht Omar es wie Shady: „Es wird noch mehrere Generationen brauchen, aber wir machen den ersten Schritt.“


