10 Jahre Wikipedia - global und gratis

2001 brachten Jimmy Wales und Larry Sagner eine Webseite mit 20 Fachartikeln an den Start: Wikipedia. Heute verfügt die Online-Enzyklopädie über einen Schatz von mehr als 17 Millionen Einträgen.Die Wiki-Server verarbeiten zwischen 25.000 und 60.000 Anfragen pro Sekunde. Damit hat sich die Webseite auf Platz sieben der am häufigsten angeklickten Seiten weltweit katapultiert. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt in der offenen, grenzüberschreitenden Plattform.
  • Die Welt des Wissens in der Hosentasche: Der Wikipedia-Globus als Schlüsselanhänger. Foto: Flickr/bastique

 

Gerade wenn die Autoscheiben zugefroren sind, gibt es sie wieder: die Iglufahrer. Diejenigen Mitbürger, die nur einen kleinen Bereich auf der Frontscheibe freikratzen und dann losfahren. Den Begriff kennst du nicht? Aber sicherlich ist dir die Liste der „Sieben schmutzigen Wörter“ bekannt, die aufzählt, welche Begriffe im US-Fernsehen mit einem Piep-Ton überlagert werden. Auch nicht? Zugegeben, das muss nicht jeder wissen. Aber sicherlich hast du schon einmal von der Maßeinheit Smoot gehört. Jenes Längenmaß, das nach einem Schüler der amerikanischen Universität MIT benannt ist. Ein Smoot entspricht 1,7018 Metern. Die Harvard-Bridge in Cambridge, Massachusetts, ist demnach 364,4 Smoots und ein Ohr lang. Oder eben etwas mehr als 620 Meter.

Inzwischen 17 Millionen Einträge

Seit zehn Jahren präsentiert uns die Online-Enzyklopädie Wikipedia Artikel über die skurrilsten Dinge unseres Planeten. Unter den inzwischen 17 Millionen Einträgen führt mit großem Abstand die englischsprachige Version mit mehr als 3.5 Millionen Artikeln. Die deutsche Community kommt immerhin auf beachtliche 1.1 Millionen Beiträge. Überhaupt beruht das Erfolgsgeheimnis von Wikipedia auf der offenen, grenzüberschreitenden Plattform. Das TIME-Magazine kürte 2006 in seiner jährlichen Wahl zur Person des Jahres das „You“ zum einflussreichsten Individuum, stellvertretend für die immer weiter voranschreitende globale soziale Vernetzung. Also du, ich und eben jeder, der am Leben im World-Wide-Web teilnimmt und es aktiv mitgestaltet.

Das Wissen der Welt – von allen, für alle

Das Prinzip von Wikipedia: Jeder darf mitmachen – global und gratis. Das sind die obersten Prinzipien des Online-Lexikons. Der Internetuser kann neue Einträge verfassen und bestehende bearbeiten. Dabei überrascht vor allem, dass sich die Autoren aus allen Altersklassen rekrutieren. Von Schülern, die nach dem Unterricht Artikel über ihre Hobbies schreiben, über Studenten, die ihr gerade gewonnenes Fachwissen mit der Allgemeinheit teilen wollten, bis hin zu Rentnern, die auch im Ruhestand mit der Zeit gehen – bei Wikipedia ist das Alter der User irrelevant. Das Wissen der Welt – von allen, für alle.

In der Liste der am häufigsten angeklickten Seiten weltweit belegt Wikipedia den siebten Platz. Für den Nutzer ist es daher umso erfreulicher, dass Wikipedias Eigentümer, die Wikimedia Foundation, weiterhin als gemeinnützige Organisation besteht und die Webseite kostenlos abrufbar ist. Artikel und Fotos können ohne Gebühr frei von Dritten verwendet werden. Und jeder hat sicherlich schon einmal bei Wikipedia nachgeschlagen, wenn er nicht mehr genau wusste, wie es mit ein paar Fakten bestellt ist. In jüngsten Stichproben schneidet Wikipedia bei der Fehlerzahl pro Artikel fast genauso gut ab wie die Encyclopedia Britannica.

Das Konzept funktioniert nicht immer

Dennoch: Dort wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Das Nachschlagewerk hatte seit seiner Gründung mit zahlreichen Problemen zu kämpfen – manche sind kurios, andere beschämend. Auseinandersetzungen in der Community über bestimmte Details innerhalb eines Artikels sind bei Wikipedia alltäglich. So wollen die Macher sicherstellen, dass sich keine Fehler einschleichen. Etwas abgewandelt könnte man sagen: Mehr Augen sehen auch mehr. Doch das Konzept geht nicht immer auf.

Der Fall des Users „EssJay“ machte 2007 Schlagzeilen, weil sich der 24jährige Ryan Jordan beim Redigieren im Netz als Theologieprofessor ausgab und dadurch in der Hierarchie der Wikipedia-Community schnell aufsteigen konnte. Der Schwindel flog auf und Jordan wurde ausgeschlossen. Da wurde dem amerikanischen Journalisten und Wegbegleiter von Robert Kennedy, John Seigenthaler, unbemerkt monatelang in einem Artikel eine Verwicklung in die Morde an Robert und John F. Kennedy vorgeworfen. Erst nach hitzigen Debatten wurde der Artikel geändert. Verständlicherweise warf Steigenthaler Wikipedia damals vor, ein „schlechtes und unverantwortliches Nachschlagewerk“ zu sein.

Für reichlich Spott sorgte hierzulande der Fall von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Jahr 2009. Ein User hatte dem adeligen Kabinettsmitglied kurzerhand noch einen zusätzlichen Vornamen verpasst. Obgleich der Vorname Wilhelm nur wenige Stunden auf der Webseite zu lesen war, wurde zu Guttenberg von zahlreichen Medien mit dem falschen Namen zitiert.

Nicht auf gesundes Misstrauen verzichten

In der Onlinewelt gilt ebenso wie im wahren Leben: Der Mensch sollte nicht auf sein gesundes Misstrauen verzichten. Nicht alles, was irgendwo geschrieben steht, ist auch korrekt. Dieses Problem kann auch Wikipedia nicht lösen. Oder würdest du glauben, dass der längste Ortsname in Europa Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch heißt? Nein? In diesem Fall stimmt es aber tatsächlich. Der Name des walisischen Ortes bedeutet auf Deutsch so viel wie „Marienkirche in einer Mulde weißer Haseln in der Nähe eines schnellen Wirbels und in der Gegend der Thysiliokirche, die bei einer roten Höhle liegt.“ Ohne Wikipedia wäre die Welt um viele Fakten ärmer, wichtige, weniger wichtige und auch ein paar ärgerliche.

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