Stefan Raab: Polittalk mit Preisgeld
Stefan Raab steigt ins Geschäft der politischen Talkshows ein. Der Entertainer will „die jungen Zielgruppen wieder für Politik interessieren“. Ab 11. November geht er mit „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ auf Sendung. Braucht die deutsche Fernsehlandschaft das wirklich? Ja und nein. Ja, weil Raabs Ansatz in der heutigen Medienwirklichkeit der ehrlichste seit langem ist. Nein, weil sowieso schon überall getalkt wird.
„Sonntagabends kommt ja im Fernsehen nach 22 Uhr eigentlich nichts Relevantes mehr“, erzählt Stefan Raab dem „SPIEGEL“ vor ein paar Tagen. Deshalb reizt es den 45-Jährigen, eine politische Talkshow im Privatfernsehen aus der Taufe zu heben. Zeitlich tritt er damit gegen Günther Jauch an – jenem Talkmaster, der bei einem Sender talkt, dessen Zuschauer im Schnitt 60 Jahre alt sind. Bei Raab und seinem Hauskanal ProSieben ist es anders. Durchschnittsalter der Zuschauer dort: 35 Jahre. Hat Raabs Rezept das Zeug, um jüngere Menschen mehr für Politik zu begeistern?
100.000,- Euro für die überzeugendste Meinung
Raabs Konzept hat mit einer gewöhnlichen Talkrunde zunächst nur bedingt zu tun: Fünf Gäste, die einmal im Monat anderthalb Stunden lang live über vier „gesellschaftlich relevante Themen“ diskutieren. Nach jedem Block analysiert Peter Limbourg, Nachrichtenchef von ProSiebenSat.1, was gerade gesagt wurde. Die Zuschauer dürfen dann über die Gäste abstimmen. Wer die wenigsten Stimmen erhält, hat keine Chancen mehr auf den Geldpreis von 100.000,- Euro. Dieser Betrag geht in einer Finalrunde an einen der drei bestbewerteten Gäste, wenn dieser mehr als 50 Prozent der Zuschauer hinter sich vereinen kann. Schafft das niemand, gibt es im nächsten Monat 200.000,- Euro zu gewinnen. Denn: „Meinung muss sich wieder lohnen“, so der Untertitel der Sendung.
Konstellationen wie beim Kasperltheater
Eine politische Talksendung pro Monat wäre für die Qualität mancher Gesprächskreise im Fernsehen schon eine erhebliche Verbesserung. Dann würden weniger oft die gleichen Themen diskutiert. Das Problem ist aber, dass in der so oft beschworenen Mediendemokratie niemand auf die Polittalks verzichten kann. Vor allem nicht Politiker und Sender, die ein gegenseitiges Abhängigskeitsverhältnis eingegangen sind. Es kommt schon lange weniger darauf an, was gesagt wird, sondern dass etwas gesagt wird. Hauptsache in der Sendung sitzen – ganz wie im klassischen Kasperltheater – ein Kasper, eine Gretel, ein Seppl, ein Polizist und ein Krokodil. Getreu dem Motto: Es schon alles gesagt, aber noch nicht von allen.
Gewinnt die beste Inszenierung?
Auch bei Raab wird die Zusammensetzung nicht anders aussehen: Bis zu drei Berufspolitiker, ein Prominenter und ein Normalbürger. Ring frei. Dass in dieser Konstellation und in diesem Rahmen nicht die beste Meinung gewinnt, sondern die beste Inszenierung, befürchtet Raab nicht: „Es hängt davon ab, für wie doof Sie das Publikum halten“, sagte er im „SPIEGEL“-Interview. „Das direkte Zuschauer-Feedback wird auch die Runde und deren Argumentation dauernd verändern.“ Raab glaubt daran, dass der Zuschauer sich und seine Reaktion auf die Gäste hinterfragen wird. In der Frankfurter Rundschau äußerte er sich ähnlich: „Fällt er auf einen Populisten rein oder erkennt er, dass er hinters Licht geführt wird? Wird der Schnösel von vornherein abgestraft, nur dafür, dass er ein Schnösel ist, oder hat er eine Chance, wenn er gut argumentiert?“ Auch wenn das nur Oberflächlichkeiten seien, funktioniere Politik ja häufig genau so.
Eine ehrliche „Verpackung“
Wenn man Stefan Raab einmal persönlich gegenübersteht, wird schnell deutlich: Dieser Mann ist nicht der jungenhafte, mitunter freche Moderator, als der er sich vor der Kamera gibt. Raab ist Geschäftsmann. Was er anfasst, beschert ProSieben Aufmerksamkeit, Quote – und damit Geld. Er glaubt an die Formate, die er zusammen mit der Produktionsfirma Brainpool produziert. Aber wenn er auf Sendung geht, ist Raab auch immer Entertainer. Daher passt es gut, dass er „Absolute Mehrheit“ auch bewusst als Show anpreist. Man muss ihm zugute halten, dass er zumindest in der Verpackung ehrlich ist. Kritiker lassen zudem außer Acht, dass sich Raab und Limbourg schon bei den letzten beiden Bundestagswahlen in der Sendung „TV Total Bundestagwahl“ als recht kompetente Moderatoren erwiesen haben.
Ob die Sendung einen Erkenntnisgewinn bringen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die anderen „politische Talkshows“, die fast täglich über die Mattscheibe flimmern, sind unterm Strich nichts anderes: eben eine Show. Aber wirklich gesagt wird das nie. Sehr unterhaltsam sind sie selten. Noch weniger dienen sie der politischen Aufklärung. Aber dem Zuschauer geht es in der Regel sowieso meist nur um die Bestätigung seiner eigenen Meinung. Das wissen auch die Beteiligten vor der Kamera.
Der Zuschauer darf also gespannt sein, ob Raabs Konzept aufgeht. Die Erwartungen sind jedenfalls hoch. Immerhin räumt ProSieben für die Sendung einen äußerst lukrativen Sendeplatz frei. Sein Kollege Peter Limbourg attestiert schon einmal: „Das ist eine der wenigen Veranstaltungen, wo Politiker legal in Umschlägen 100.000 Euro mit nach Hause nehmen können.“ Wird das Geld wenigstens für den guten Zweck verwendet? „Das schreiben wir nicht vor“, ergänzt Raab. Auch das ist ehrlich.
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